Berufsleben: Eine Kassiererin wie aus dem Theater

Jelena Orbuljevic - ©Milagros Martinez-Flener

28.08.2012 | 21:03 | Ida Labudovic

Die Lebensmitteltechnologin Jelena Orbuljevic arbeitet in einem Wiener Supemarkt – Teil vier der Serie über Karrieren von Menschen mit Migrationshintergrund.

WIEN Sie sieht aus wie eine Schönheit aus einem Theaterstück des serbischen Realismus: weißer Teint, lange schwarze Haare und markante blaue Augen. Doch Jelena Orbuljevics Lebensgeschichte entspricht nicht ihrer Erscheinung. Ihre geschiedene Mutter kam vor 20 Jahren nach Wien, um Geld für die Familie zu verdienen. Jelena blieb mit ihrer Zwillingsschwester und dem Bruder in Serbien.

Sie besuchte die Mutter einmal im Jahr – doch dann wieder einige Jahre nicht. Es war schwierig, die Visa für sie und ihre Geschwister zu bekommen. „Wir sind ohne Elternliebe und ohne Familienleben aufgewachsen“, sagt sie. Jelena Orbuljevic stammt aus einer serbischen Stadt, die bekannt ist für ihre Fabrik, in der Kekse und Schokolade hergestellt werden. Vom Beruf ist sie Lebensmitteltechnologin, ihren Einstieg ins Berufsleben hatte sie in ihrem Heimatland als Kassiererin. Nach Wien kam sie im Jahr 2003 nach ihrer Heirat. Ihr Mann ist auch Serbe und schon die dritte Generation in Wien.

Probleme mit Deutsch

Als das Gehalt ihres Mannes nicht ausreichte, beschloss sie, nach der Karenz einen Job zu suchen. In der Nähe ihrer Wohnung entdeckte sie die Annonce einer Drogeriekette: Kassierer und Regalbetreuer wurden gesucht. In diesen Bereichen hatte sie schon Erfahrung, lediglich mit Deutsch hatte sie noch Probleme. Doch es klappte – sie bekam den Job.
„Die Kunden waren sehr nett zu mir“, erinnert sie sich an ihren Anfang, „wenn ich etwas auf Deutsch nicht gewusst hatte, wurde ich vor Scham rot im Gesicht. Und dann halfen die Kunden mit den richtigen Wörtern.“ Der Job war gut, das Verhältnis mit der Chefin auch, nur das Gehalt reichte genau für den Kindergarten ihrer zwei Söhne. Damals konnte die Firma sie nicht für mehr Stunden beschäftigen und nach zweieinhalb Jahren begann Jelena einen neuen Job zu suchen.

Genauso wie bei ihrer ersten Arbeit las sie im Schaufenster einer großen Lebensmittellkette ein Stellenangebot. Sie wusste schon vom Hörensagen, dass diese Supermärkte qualifizierte Arbeitskräfte mit guten Deutschkenntnissen suchen – aber wieder war sie entschlossen, es zu versuchen. „Es war ein Samstag um 15 Uhr, als ich zum Vorstellungsgespräch eingeladen war“, erzählt Jelena. Sie musste zwei Fragen beantworten: Warum sie die Firma wechselt und warum sie ausgerechnet zu dieser will. Sie war ehrlich. Geld, lautete die erste Antwort, die zweite: „Weil ich glaube, dass ich diese Arbeit gut machen kann, weil ich freundlich und sehr sauber bin.“ Am kommenden Montag bekam sie den Anruf der Filialleiterin, dass sie aufgenommen wurde.

„Mit dem Job zufrieden“

Sie ist nun eine von 34.500 Verkäufern, Kassierern, Kartenverkäufern und Regalbetreuern im Einzelhandel in Wien. Und damit eine von 14.900, die nicht in Österreich geboren sind. „Mit meinem Job bin ich zufrieden, hier habe ich Vertrauen und Freundschaft gefunden“, sagt sie. Das Verhältnis zu den Kunden ist Jelena auch sehr wichtig, „besonders wenn ich sehe, dass ältere Menschen nicht alleine einpacken können“ – dann hilft sie ihnen. „Ein Mensch sollte  Charakter und Freundlichkeit  haben. Und die Bereitschaft zu geben. Irgendwann wird ihm das zurückgegeben werden.“

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 29.08.2012)


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