Österreich: Chinesische Medizin ohne chinesische Ärzte

Die Ärztin Yongli-Liu bei der Arbeit - ©Milagros Martinez-Flener
KURZ:
  • Keine Berechtigung: Die Österreichische Ärztekammer verweist in Sachen chinesische Ärzte auf das Informationsblatt zur Berechtigung zur Ausübung des ärztlichen Berufes in Österreich. Dort wird festgelegt, unter welchen Voraussetzung der Beruf ausgeübt werden darf: „Staatsangehörige des EWR oder der Schweiz oder gleichgestellte Drittstaatsangehörige, die ihr Medizinstudium außerhalb des EWR absolviert haben und keine dreijährige ärztliche Tätigkeit in einem EWR-Staat nachweisen können, müssen ihren Studienabschluss an einer österreichischen Universität nostrifizieren, d.h. gleichwertig stellen lassen.“ Anders als bei Ärzten aus Mitgliedstaaten der EU, deren Ausbildung ohne Probleme anerkannt wird.

08.05.2012 | 20:05 | Ania Haar

Seit den Neunzigerjahren boomen Traditionelle Chinesische Medizin und Akupunktur in Österreich. Doch in den seltensten Fällen sind es chinesische Ärzte, die damit Patienten behandeln.

Wien. „Ich hätte eigentlich schon vor 20 Jahren anfangen können“, sagt Yongli Liu. Damals kam sie als fertig studierte Allgemeinmedizinerin nach Wien. Allein, sie durfte nicht als Ärztin arbeiten. Dabei hatte in ihrer Heimat China alles so gut begonnen – als sie das Studium der Human- und Traditionellen Chinesischen Medizin an der Jilin-Universität anfing, war sie gerade einmal 18 Jahre alt. „Die Aufnahmeprüfungen für das Medizinstudium war sehr schwer und sehr streng, ebenfalls das Studium“, erzählt sie, „aber ich habe alles sehr gut bestanden.“

Als sie Anfang der Neunzigerjahre nach Wien kam, war sie bereits praktizierende Ärztin – und weiter wissbegierig, promovierte in mikrobieller Biochemie an der TU Wien. Nur ihr chinesisches Medizinstudium wurde nicht anerkannt. Und so begann für sie alles noch einmal von vorn: Sie startete ein zweites Medizinstudium und machte die Ausbildung zur Allgemeinärztin – mit einer Zusatzausbildung in TCM und Akupunktur. Beides Bereiche, die sie in China bereits studiert hatte.

Gute Mundpropaganda

Fast zwanzig Jahre später sitzt die 51-Jährige stolz in ihrer neuen Ordination in Wien-Penzing. Als sie die Praxis vor zwei Jahren eröffnete, wurde sie herzlich empfangen, der Bedarf war jedenfalls vorhanden. Am Anfang kamen nur Patienten aus der Gegend, durch Mundpropaganda erweiterte sich der Kreis: „Mein entferntester Patient kommt aus der Steiermark, er fährt in eine Richtung dreieinhalb Stunden zu mir“, erzählt sie.

Doktor Liu ist eine von wenigen Ärzten mit chinesischen Wurzeln in Österreich, die in China Humanmedizin, TCM und Akupunktur studiert haben. „Nostrifizierung eines Ärztediploms aus China ist in Österreich unmöglich“, sagt Lena Springer, Lektorin am Institut für Sinologie der Universität Wien. Der Grund dafür: „China wird immer noch als ein Entwicklungsland gesehen.“ Und das, obwohl die medizinische Ausbildung des asiatischen Landes auf einem sehr hohen Niveau sei.

Die Lösung sieht meist so aus, dass chinesische Ärzte in Supervision eines österreichischen Arztes arbeiten. Zwar sind sie hoch qualifiziert, doch dürfen sie ihre Qualifikationen nicht frei ausüben. „Es ist zwar gut, dass so ein Arzt auf diese Art und Weise arbeiten kann“, sagt Springer, „aber er kann nie aufsteigen oder seine finanzielle Situation verbessern.“ Und: Von Integration könne keine Rede sein.

Rechtliche Grauzone

Viele chinesische Ärzte werden dadurch in eine rechtliche Grauzone gedrängt – sie verrichten ihre Dienste oft in privaten Wohnungen. Die Kundschaft wird über Mundpropaganda rekrutiert. „Und solange es keine Skandale gibt“, sagt Sinologin Springer, „läuft das System ganz gut.“

Die Patienten von Doktor Liu sind zum größten Teil Österreicher, darunter auffallend viele „sehr junge Männer, die gut informiert sind“, und einige ältere Damen. Ihre Kunden haben vor allem eines gemeinsam: Sie haben ein großes Interesse an China im Allgemeinen und an TCM und Akupunktur im Speziellen. Die meisten Patienten haben oft schon einen langen Leidensweg hinter sich und hoffen, dass ihnen auf diese Weise geholfen wird. Allerdings, so Doktor Liu: „Die Nadel allein kann nicht alles heilen.“ Und dort, wo sie nicht weiterhelfen kann, schickt sie ihre Patienten auch wieder zu anderen Kollegen. Umgekehrt werden ihre Dienste auch von so manchem Schulmediziner weiterempfohlen.

Seit den Neunzigerjahren boomen TCM und Akupunktur in Europa. Auch westliche Ärzte spezialisieren sich zunehmend auf diesem Gebiet. Und Apotheken, die chinesische Kräuter mischen und verkaufen, erlebten in den vergangenen Jahren einen regen Zulauf.

Die österreichischen Ärzte, die TCM und Akupunktur anbieten, haben sich ihr Wissen meist bei Kursen hierzulande geholt. Die wenigsten von ihnen sind zur Ausbildung nach China gefahren. „In Europa wird TCM und Akupunktur an die hiesigen Verhältnisse entsprechend angepasst“, sagt Peter Aluani, Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für kontrollierte Akupunktur und TCM in Graz. „Wir haben sehr gute westliche Ärzte, die in China studiert haben und ihr Wissen in den Westen gebracht haben.“

Und mittlerweile sie das Wissen so gut strukturiert und aufgearbeitet, dass TCM und Akupunktur sehr gut komplementär zur westlichen Medizin angewendet werden können.

Dass für in China ausgebildete chinesische Ärzte gewisse Einschränkungen gelten, kann Aluani nachvollziehen: „Ob ein chinesischer Arzt gut ist oder nicht, kann man nicht wissen. Deshalb ist die Anerkennung der Ausbildung in Österreich wichtig“, meint Aluani, „denn das Studium dort schaut ganz anders aus.“

„Auch nach der Pensionierung“

Doktor Liu hat diese Probleme hinter sich gelassen. Sie darf als Ärztin arbeiten, hat viele Patienten, das Geschäft läuft. Das Manko, dass sie dafür ein weiteres Mal studieren musste, hat sie bereits abgehakt. „Und wenn mich meine Patienten brauchen, werde ich auch nach meiner Pensionierung weiterarbeiten“, sagt sie. „Aber dann nicht mehr so viele Stunden in der Woche.“


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