Heimaturlaub mit Brustvergrößerung

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21.05.2008 | 12:20 | Günes Koc

Immer mehr österreichische Türkinnen fahren für Schönheitsoperationen in die Türkei – und kehren nach dem Urlaub plötzlich wie verwandelt zurück.

Gesundheitstourismus an sich ist kein so neues Phänomen. Jährlich reisen etwa drei Millionen Amerikaner oder 70.000 Engländer weltweit in die unterschiedlichsten Länder, um sich behandeln zu lassen. Auch Österreicher lassen ihre Zähne gerne in Ungarn, Slowenien oder der Slowakei sanieren. Weniger bekannt ist, dass auch die Türkei längst Ziel für Gesundheitstouristen geworden ist.

Aus Österreich reisen Menschen insbesondere für Augenoperationen in die Türkei. Seit April 2008 gibt es dazu sogar ein Versicherungsabkommen zwischen der Wiener Städtischen und der Yedi Tepe Universität in Istanbul – die österreichische Versicherung übernimmt Kosten für die medizinische Behandlung der versicherten Patienten aus Österreich an der Privatuniversitätsklinik.

Schmale Hüften für junge Frauen

Ein gar nicht unbeträchtlicher Teil dieser Behandlungen zählt zum Feld der plastischen Chirurgie. Seit es das Angebot gibt, haben sich schon mehr als 30 Frauen für Schönheitsoperationen gemeldet. „Das sind die zweite und dritte Generation Migrantinnen. Bis jetzt kommen nur Türkinnen“, sagt Cinar Sözer, Organisator im Reisebüro Pera Travel. „Sie sind Hausfrauen oder auch erwerbstätige Frauen, ganz gemischt“, erklärt er.

Zumeist seien es Frauen in der Altersgruppe zwischen 25 und 45 Jahren. „Die meisten von ihnen – bis zu 70 Prozent – haben sich für eine Brustvergrößerung, 30 Prozent für eine Hüftverkleinerung und einige wenige für Faltenentfernung angemeldet“, sagt er.

Ist es also der Wunsch nach einer Bikinifigur, der die Frauen in die Klinik treibt? „Nein“, meint Ahmet Karacalar, plastischer Chirurg an der Yedi Tepe-Universität, „die Frauen wünschen sich einfach bessere Rundungen.“ Unter der Kundschaft gebe es auch bis zu 30 Prozent Kopftuch tragende Frauen, meint Sözer. „Sie kommen zum Teil mit ihren Männern. Und man sieht, wie ihre Ehemänner sie dabei unterstützen.“

„Auch Männer gehören zu unserer Zielgruppe“, sagt Sözer, aber die Frauen seien doch in der Überzahl. Ein Grund dafür, warum insbesondere Türkinnen bis jetzt dieses Angebot wahrgenommen haben, führt Sözer neben dem im Vergleich zu Österreich und Europa günstigeren Angebot vor allem auf die Sprache zurück: „Die Leute fühlen sich in einem muttersprachlichen Umfeld und mit türkischen Ärzten wohler“, sagt er.

Als „Aphrodite“ aus dem Urlaub

Ahmet Karacalar betont aber noch einen weiteren relevanten Punkt: Die Erfahrungen mit in Deutschland lebenden Türkinnen zeige, dass sich die Menschen lieber in größerer Distanz von ihrem Wohnort „erneuern“ lassen. „Das ist wohl ein psychologischer Effekt”, meint Karacalar, „die Leute erzählen, dass sie auf Urlaub fahren – und kehren dann plötzlich als Aphrodite zurück.“

(GÜNES KOC, “Die Presse”, Print-Ausgabe, 21.05.2008)


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