Porträt: Die lachende Straßenkehrerin

Violetta Jenic - ©Milagros Martinez Flener

22.08.2012 | 10:33 | Milagros Martinez-Flener

Die gebürtige Serbin Violetta Jenič ist eine von wenigen Straßenkehrerinnen – Teil 3 der Serie über Karrieren von Menschen mit Migrationshintergrund.

Wien. „Wir sind nicht privilegiert“, sagt Violetta Jenič. „Wir arbeiten genauso wie die Männer.“ Die gebürtige Serbin ist eine der wenigen Frauen, die im Dienste der Straßenreinigung der MA48 steht – von den insgesamt 1200 Straßenkehrern sind nur etwa 50 Frauen.

Mit vier Jahren kam sie das erste Mal nach Wien. Sie besuchte mit ihrem Bruder ihre Eltern, die in Wien arbeiteten und damit die Familie im Osten Serbiens ernährten. Die Besuche wiederholten sich jeden Sommer, bis die Kinder sich weigerten, bei ihren Großeltern zu leben. 1987, Violetta war gerade zwölf Jahre alt, war die Gastarbeiterfamilie wieder vereint. Der Vater arbeitet nach wie vor als Buslenker, ihre Mutter als Reinigungsfrau im Krankenhaus Lainz.

Die ersten drei Jahre in Wien waren für Violetta schwierig, denn sie sprach kaum Deutsch. Sie lernte es bei serbischen Freunden und Nachbarn – mit gewissen Schwierigkeiten: Einmal wollten sie und ihr Bruder mit dem Bus fahren und fragten den Nachbarn, wie „Fahrkarte“ auf Deutsch heißt. „Faschiertes“, sagte er – und so verlangten sie in der Trafik nach zwei Kinderfaschierten. „Die Verkäuferin sah uns so entsetzt an, dass wir sofort wegliefen“, erzählt Violetta. Aufgewachsen ist sie dreisprachig – und so wie ihre Kinder spricht sie heute Serbisch, Rumänisch und Deutsch.

Nach der Schule machte sie eine Lehre als Einzelhandelskauffrau, arbeitete bei Julius Meinl. Danach war sie Hausbesorgerin, aber die Arbeit wurde ihr bald zu monoton. Vor sieben Jahren fiel ihr auf, dass auch Frauen als Straßenkehrerinnen arbeiteten. Sie bewarb sich und wurde schließlich aufgenommen – Voraussetzungen waren die österreichische Staatsbürgerschaft und das Beherrschen der deutschen Sprache. Beides kein Problem für sie.

„Lachen macht gesund“

Dass es harte Arbeit ist, wusste sie von Anfang an. Dennoch macht ihr der Job Spaß. Vor allem dann, wenn ältere Menschen aus der Nachbarschaft, in der sie für gewöhnlich arbeitet, Ausschau nach ihr halten und sie fragen, wie es ihr geht – oder im Winter eine Kanne Kaffee für sie parat haben. „Sie lachen immer“, sagen sie zu ihr. Ihre Antwort lautet dann immer: „Lachen macht gesund!“

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 22.08.2012)


2 Kommentare

  • Heidrun Schultz

    Sehr geehrte Damen und Herren! Mir hat der Artikel zu der lachenden Straßenkehrerin sehr gut gefallen. Glauben Sie, könnten wir sie kontaktieren, um sie zu uns ein zu laden in das Projekt Lernsprung von der Caritas? Ich bin auf der Suche nach role models für unsere Frauen. MfG Heidrun Schultz Caritas Lernsprung Geschrieben um 23. August 2012 um 13:29 Antworten
    • Clara Akinyosoye

      Clara Akinyosoye

      Liebe Frau Schultz, besten Dank, das freut uns. Bitte versuchen Sie es doch bei Ulrike Volk, Pressesprecherin MA 48. Beste Grüße, Clara Akinyosoye (CR) Geschrieben um 23. August 2012 um 13:54

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