55 Tage fasten: Äthiopier warten auf Ostern

Äthiopische Kirche in Schwechat - ©simon INOU

28.01.2011 | 16:23 | Desta Alemu

Die Fastenzeit vor Ostern ist für die äthiopisch-orthodoxe Gemeinde etwas ganz Besonderes. Schon vor dem Aschermittwoch wird mit dem Fasten begonnen – 55 Tage wird von Montag bis Freitag bis um 15 Uhr nichts gegessen.

Fasten kennen fast alle Religionen. So viele Fastentage wie die äthiopisch-orthodoxe Kirche müssen allerdings kaum welche einhalten. An mehr als 200Tagen im Jahr dürfen keinerlei tierische Produkte – und bis mindestens zu Mittag gar nichts gegessen und getrunken werden. Und auch Rauchen ist zu diesen Zeiten verboten.

Auch in Österreich gibt es eine kleine Gruppe von einigen hundert Menschen, die sich an diese Regeln hält – ihr Zentrum hat sie in Schwechat. Seit rund neun Jahren steht der Gemeinde die „Kleinschwechater Kirche“ zur Verfügung, eine am Sonntag vormittags nicht benötigte Filialkirche der Pfarre. „Sie sind hier in Schwechat mittlerweile ganz selbstverständlich zu Hause“, sagt Dechant Gerald Gump. „Wir haben einen freundlichen Kontakt mit dem Pfarrer und der Pfarrgemeinde“, meint Seyfu Wolde zustimmend, „Sie leben mit uns und teilen unsere Freuden und Probleme“. Wolde betreut jeden Sonntag mit seiner Familie die Gottesdienste der Gemeinde.

Gerade dieser Tage hat er besonders viel zu tun. Denn die Fastenzeit vor Ostern ist für die äthiopisch-orthodoxe Gemeinde etwas ganz Besonderes. Schon vor dem Aschermittwoch wird mit dem Fasten begonnen – 55Tage wird von Montag bis Freitag bis um 15Uhr nichts gegessen. Samstag und Sonntag muss allerdings nur bis zwölf Uhr gefastet werden.

Man könnte fast meinen, in dieser Zeit ist der reichlich verwendete Weihrauch der Ersatz für das Essen. Gläubige gehen täglich zur Kirche – und erst nach 15Uhr gibt es ein normales Fastenessen, Die letzten drei Tage vor der Auferstehung Christi wird überhaupt nichts gegessen – zumindest bei den Strenggläubigen.

Von Ostersamstag auf Ostersonntag wird die ganze Nacht die Messe gefeiert. Erst um drei Uhr in morgens ist der Gottesdienst beendet – und damit auch die Fastenzeit. Das traditionelle äthiopische Osterfestessen schließt die Zeit des Verzichts ab.

Wegen der historischen Nähe zur koptischen Kirche hielten die Äthiopier anfangs ihre Gottesdienste in der ägyptisch-koptischen Kirche in Wien ab. Nachdem man eine Zeit lang zwischen verschiedenen Pfarren pendelte, fand man schließlich eine Heimat in Schwechat. Dort ist nun auch die einzige fixe Niederlassung der äthiopischen Orthodoxie in Österreich beheimatet.

Bunte Messen

1998 kam mit Abba Kidanemariam Desta der erste Priester dieser Glaubensrichtung nach Wien – und die Gründung der äthiopisch-orthodoxen Kirche konnte realisiert werden. Mit Fantahun Muche Assefa gab es den zweiten Priester, der aber nach Beendigung seines Studiums Ende vergangenen Jahres überraschend zum Diözesanadministrator der Erzdiözese Addis Ababa in Äthiopien berufen wurde.

Es sind bunte Messen, die die Gemeinde jeden Sonntag feiert. Und das Kreuz steht dabei im Mittelpunkt – auf Kleidern dienen sie als Verzierung, Frauen malen sich auch Kreuze auf die Stirn. Daneben steht noch ein weiteres Artefakt im Mittelpunkt der Feiern: der Tabot. Hinter diesem Namen verbergen sich Kopien der Gesetzestafeln, wie sie Moses von Gott auf dem Berg Sinai empfangen haben soll. Das Original befindet sich nach äthiopischer Überzeugung noch immer in Äthiopien – in Aksum im nördlichen Äthiopien wird es aufbewahrt.

Die Kopie dieser Tafel liegt in der Regel auf dem Altar der Kirche. Bei den monatlichen Festtagen des äthiopischen Kalenders werden sie – stets verhüllt – in farbenfrohen Prozessionen vor die Kirche getragen.

Es sind aber nicht nur Menschen mit äthiopischen Wurzeln, die in der Gemeinde nach spirituellem Beistand suchen. In letzter Zeit mehren sich die Anfragen um die Taufe von Außenstehenden, besonders von Österreichern, die äthiopische Kinder adoptiert haben, aber auch von Gläubigen aus anderen afrikanischen Ländern. Bei der Taufe ist besonders darauf zu achten, dass diese bei Buben vierzig Tage und bei Mädchen erst achtzig Tage nach der Geburt erlaubt ist.

Für Außenstehende mag es ungewohnt wirken: Wie in vielen orientalisch-orthodoxen Kirchen ist die Sitzordnung streng nach Frauen und Männern getrennt. Umso lockerer und freier ist dafür aber der Umgang mit den Kindern, die nicht an den zeremoniellen Ablauf gebunden sind.

Abschluss mit Brot und Tee

Nach den langen kirchlichen Ritualen gibt es immer das typische äthiopische Brot und Tee. Zu den großen Kirchenfesten und bei den Taufen wird ein gemeinsames Mittagessen aus typischen äthiopischen Speisen gereicht. Priester Aba Berhanu meint dazu: „Das Brot und das gemeinsame Mittagessen verbindet uns seelisch und bringt ein stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl. Daher sieht man quer über kulturelle, teils auch sprachliche Grenzen hinweg.“


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