Alte Migranten: Bedürfnis nach der Muttersprache

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13.01.2010 | 20:57 | Nasila Berangy

Der Wiener Verein „Aschiane“ organisiert seit 2007 regelmäßig Treffen für persische Senioren.

Qigong im Seniorenklub? Warum nicht, dachte sich Ali Taghian, Initiator und Kuratoriumsmitglied des Vereins „Aschiane 50 plus“. Wichtig ist nur, so der Publizist, die Senioren nicht zu überfordern. Daher ist auch immer eine Physiotherapeutin mit dabei, die Gesundheitstipps gibt. Schließlich will Taghian seinen Mitgliedern etwas bieten.

Ab und zu geht es im Verein mit Sitz in Wien auch konventioneller zu – mit Vorträgen zu Pensionsregelungen, Buchpräsentationen oder Filmabenden mit anschließenden Diskussionen. Durch medizinische Betreuung, Beratung und Freizeitgestaltung sollen sich die Senioren heimischer fühlen. Dies wiederum führe dazu, dass die Integration voranschreite, das ist die Idee dahinter.

Die Vorstandsmitglieder müssen es wissen, denn drei von ihnen sind Mediziner, so auch der Obmann Mohammad Emami-Nouri. Die Mitglieder sind vorwiegend iranischstämmige Senioren, aber auch Österreicher.

Für einen Jahresbeitrag von 20Euro – sozial bedürftige Menschen sind gebührenbefreit – ist die Teilnahme an den Veranstaltungen kostenlos. Finanziert wird der im April 2007 gegründete Verein durch Förderungen seitens der Stadt sowie durch Spenden. Wöchentliche Treffen, nach denen es eine große Nachfrage gebe, gehen sich finanziell trotzdem nicht aus.

Wohlbefinden durch Sprache

Die Anzahl älter werdender Migranten steigt. Deshalb ging Taghian daran, einen Verein zu gründen, der den Bedürfnissen dieser Menschen nachkommt. Wie etwa dem Bedürfnis nach Kommunikation in der Muttersprache. In diesem Fall in Farsi. Taghian: „Das klingt vielleicht im ersten Moment gegen Integration, geht aber in Richtung gesundheitliches Wohlbefinden.“ Denn jeder Mensch habe „Sehnsucht nach bestimmten sicheren Anknüpfungspunkten“, wie Esra Kilaf von der MA 17 (Magistratsabteilung für Integrations- und Diversitätsangelegenheiten) erklärt. Dieses Bedürfnis nehme mit dem Alter zu.

Da Migration oft auch an Unsicherheit, Trauer und Entwurzelung gekoppelt ist, „sind muttersprachliche Angebote sehr wichtig, um diesen möglichen negativen Effekten entgegenzuwirken“. Das gelte vor allem dann, wenn sich die Lebensumstände ändern– wie beispielsweise in der Pension. Hier könne es, so Kilaf, vorkommen, dass „Menschen mit Migrationshintergrund in eine Isolation rutschen und die einheimische Sprache nicht mehr so oft benutzen“.

Damit gehe auch „ein Kompetenzverlust in der einheimischen Sprache einher“, meint Kilaf. Ein Problem, das Vereinsgründer Taghian so nicht sieht: „Das kann vielleicht auf ehemalige Gastarbeiter zutreffen, aber nicht auf Akademiker, die der Sprache mächtig sind.“

Im Verein Aschiane wird zwar bei den monatlichen Treffen Farsi gesprochen, aber bei Veranstaltungen, an denen auch anderssprachige Migranten und Österreicher teilnehmen, wird auf Deutsch kommuniziert. So gelingt auch eine Vernetzung zwischen den Vereinsmitgliedern mit den anderen Teilnehmern.

Religion, Politik sind tabu

Besonders wichtig für den Vorstand: Der Verein ist säkular. Religion ist kein Thema. Dasselbe gilt für Politik. Es geht ausschließlich um die Unterstützung von über 50-jährigen Migranten. Um auf diese Problematik aufmerksam zu machen, hält der Kommunikationswissenschaftler Taghian bei verschiedenen Organisationen wie etwa dem Pensionistenverband Österreich laufend Vorträge zu dem Thema.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 13.01.2010)


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