Berufsanerkennung mit Schwierigkeiten

Türschild eines französischen Arztes
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25.01.2012 | 15:19 | Ania Haar

Ein deutscher Kinder- und Jugendpsychotherapeut will in Wien arbeiten, doch hier wird ihm mitgeteilt, dass er seine Ausbildung noch einmal machen müsste.

Wien. „Es ist ein Leidensweg, sich die Berufsausbildung anerkennen zu lassen.“ Martin Koch (Name geändert) ist Kinder- und Jugendpsychotherapeut, 43Jahre alt – und muss 600Kilometer von seiner Familie entfernt arbeiten. Der gebürtige Deutsche, der nach Österreich ausgewandert ist, hat versucht seinen Beruf in der neuen Heimat auszuüben. Doch auf die Berufsanerkennung wartet er seit mittlerweile drei Jahren.

Für die Anerkennung in Österreich müsste er nämlich psychotherapeutische Arbeit mit Erwachsenen nachweisen. „Das Absurde dabei ist“, sagt er, „dass ich die fehlende praktische Ausbildung nachholen muss, aber die Ausbildung gar nicht nachholen kann, weil es ungesetzlich wäre.“ Denn er darf in Österreich von Gesetzes wegen nicht mit Erwachsenen arbeiten – weil er in Deutschland die entsprechende Ausbildung nicht gemacht hat. Und weil er die entsprechende Ausbildung nicht hat, kann er das Praktische in Österreich nicht nachholen, das er machen müssten, um hier arbeiten zu dürfen.

Eine Lösung: „Ich müsste wieder nach Deutschland gehen, um die Falldokumentation mit erwachsenen Patienten zu machen.“ Dort darf er das allerdings nicht, weil er ja nur eine Ausbildung mit Kindern- und Jugendlichen absolviert hat – und nicht mit Erwachsenen. Eine Lösung wäre ein Praktikum in einer psychiatrischen Klinik – doch keine nimmt ihn auf.

„Ich will bei meiner Familie leben“

Koch ist verzweifelt und entscheidet sich schließlich dafür, eine Stelle in Deutschland anzunehmen. „In meinem Beruf und leitender Position“, erzählt er. „Ich will aber in Wien leben, wo meine Familie ist.“ Das ständige Pendeln und die Entfernung von seiner Familie setzen ihm deutlich zu.

Zufällig fällt ihm schließlich eine Lücke auf, die es ihm ermöglicht, Erwachsene zu therapieren. In Deutschland fallen unter die Bezeichnung Jugendliche Personen zwischen 18 und 21Jahren. In Österreich gilt man damit schon als Erwachsener. Also therapiert er nun in Deutschland Jugendliche, die in Österreich als Erwachsene gelten. Für Martin Koch scheint also ein Happy End in Aussicht.

Dass die Anerkennung von Kompetenzen, die abseits formaler Bildungswege erworben wurden, durchaus funktionieren kann, zeigt ein Projekt aus Oberösterreich. „Du kannst was“ hat das Ziel, Personen einen österreichischen Berufsabschluss zu ermöglichen. „Wichtig ist nicht, wo man gelernt hat, sondern was gelernt wurde“, sagt Elke Schildberger von der Volkshochschule Linz, die im Projektteam das Prozessmanagement abwickelt. In einem recht einfachen Verfahren können die Teilnehmer ihre Fähigkeiten, Kenntnisse und Kompetenzen selbst einschätzen. Die Ergebnisse werden in einem Qualicheck von Experten überprüft. Schildberger: „Oft mit überraschenden Erfolgen.“

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 25.01.2012)


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