Best Practices gegen Diskriminierung

19.04.2011 | 21:49 | Ania Haar

Im Vergleich zur Mehrheitsbevölkerung werden Migranten häufiger Opfer von Diskriminierung. Was kann man dagegen tun? Türkischer Verein will mit Beispielen erfolgreicher Migranten diesen Mechanismus durchbrechen.

Wien/Aha. „Erhebungen zeigen: Im Vergleich zur Mehrheitsbevölkerung werden Migranten häufiger diskriminiert“, sagt Waltraud Heller, Sprecherin der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA). So sind Roma in der EU die am meisten diskriminierte Minderheit, gefolgt von Afrikanern.

2008 befragte die FRA 23.500 Angehörige ethnischer Minderheiten in allen 27 EU-Ländern in Einzelinterviews über ihre Erfahrungen. Die Ergebnisse zeigen, dass jeder vierte Befragte einer ethnischen Minderheit bereits aus einem oder mehreren Gründen diskriminiert wurde. Und laut dem Bericht „Migration & Integration“ der Statistik Austria berichten Personen mit türkischem Migrationshintergrund signifikant häufiger über Benachteiligungen aufgrund ihrer Herkunft als Personen mit anderem Migrationshintergrund.

Doch was kann man dagegen tun? „Mit dem Best-Practice-Beispiel vorangehen“, sagt Sami Akpinar, Vizepräsident der Union Europäisch-Türkischer Demokraten. „Und zeigen, dass Jugendliche sehr wohl im Berufsumfeld erfolgreich sein können.“ Akpinars Beispiel: Ein Bursche hat die Spar-Akademie mit Matura absolviert, und innerhalb kurzer Zeit ist er Regionalleiter geworden. Sein Verein startet deswegen nun eine Bildungsoffensive.

„Es geht nicht nur darum, das Bild in den Medien zu ändern“, sagt Akpinar, „sondern in die öffentliche Diskussion einzusteigen, aktiv zu sein.“ So wird eine Gruppe von Akademikern mit Migrationshintergrund, darunter Ingenieure, Ärzte und Juristen, in Schulen gehen und dort mit den Jugendlichen und Pädagogen reden.

Opfer beschweren sich nicht

Daneben muss auch das Bewusstsein geschärft werden, sich zu melden, wenn man Opfer von Diskriminierung wird. „80Prozent wissen nicht, dass sie sich beschweren können“, sagt Heller. Werden sie diskriminiert, gehen sie nicht zu den Behörden. Weil sie glauben, dass es ohnehin nichts bringt. „Das gilt nicht nur für Migranten, auch Menschen ohne Migrationshintergrund beschweren sich zu wenig“, sagt Ingrid Nikolay-Leitner, Leiterin der Gleichbehandlungsanwaltschaft. Bei Migranten kämen eben oft noch sprachliche Unsicherheiten oder ein nicht restlos geklärter rechtlicher Status dazu, die die Schwelle zur Rechtsberatung erhöhen.

Die Gleichbehandlungsanwaltschaft bietet schriftliches Informationsmaterial in mehreren Sprachen und versucht, durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit in Form von Workshops zu Diskriminierungsbereichen und Vernetzung mit Beratungsstellen die Betroffenen zu informieren.

Waltraud Heller nimmt auch den Staat in die Pflicht: Er muss die Bürger über die entsprechenden EU-Gesetze zur Anti-Diskriminierung informieren. Angebracht wären etwa öffentliche Kampagnen oder Plakate in öffentlichen Gebäuden, aber auch Arbeit in den Communitys selbst, die rechtliche Möglichkeiten aufzeigen.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 20.04.2011)

 


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