Diskriminierung und Rassismus im Spital

KURZ NOTIERT:
  • Rassismus im Gesundheitswesen kommt auch heute noch in Österreich vor – selbst wenn die Zahl der Fälle nicht bekannt ist. Einige Ärzte weigern sich, Menschen mit Migrationshintergrund zu behandeln oder ihre Krankengeschichte und Diagnose aufzuschreiben. Solche Fälle von Diskriminierung können gemeldet werden – zum Beispiel beim Antirassismusverein Zara in Wien oder dem Interkulturellen Beratungs- und Therapiezentrum Zebra in Graz. Dort finden Opfer Unterstützung und werden über ihre Rechte aufgeklärt.

06.02.2012 | 19:05 | Iris Bonavida

Wien. „Was ist denn das? Ein Neger kommt mir nicht ins Haus!“ Nicht gerade aufmunternde Worte für den ersten Tag als Praktikantin. Doch genau so wurde die mobile Pflegerin Nadia (Name von der Redaktion geändert) von ihrer ersten Patientin empfangen. „Ich kann mich noch gut daran erinnern. Ich habe zwei Stunden lang geweint.“

Eine erfahrene Pflegerin nahm sie damals auf einen Hausbesuch zu einem Ehepaar mit. „Als mich die ältere Dame gesehen hat, hat sie sofort angefangen, mich zu beschimpfen.“ Erst nach langem Einreden konnte die aufgebrachte Frau überzeugt werden, Nadia in die Wohnung zu lassen. Berühren wollte sich die Frau von ihr allerdings nicht lassen – wegen der Hautfarbe.

Die Österreicherin mit kamerunischen Wurzeln kann viele derartige Geschichten erzählen. Diskriminierende Sprüche von „nur Neger sind Sklaven“ bis hin zu „Sie müssen mich vorher anrufen, bevor Sie so jemanden zu mir schicken“, bekomme sie immer wieder zu hören. Anfangs habe Nadia die Beschimpfungen noch persönlich genommen, „doch nach einigen Monaten habe ich gelernt, damit umzugehen. Denn die Patienten sind krank und haben Schmerzen.“ In solchen Fällen ruft sie ihre Chefin an, die dann versucht, die Patienten zu überzeugen, sie doch ins Haus zu lassen. „Man braucht viel Geduld, aber meistens schaffe ich es, das Vertrauen der Leute zu gewinnen. Und dann versuche ich einfach, meine Arbeit so gut wie möglich zu machen.“ Auch ihre Chefin besteht darauf, dass Nadia einfach ihre Arbeit fortsetzt. Schließlich sei sie eine Arbeiterin wie jede andere, die Leute müssten damit zurechtkommen.

Arzt verweigert Behandlung

Doch es gibt auch den umgekehrten Fall – dass sich nämlich Patienten mit Rassismus konfrontiert sehen: Der Antirassismusverein Zara ist eine der Anlaufstellen bei solchen Problemen. „Wir haben einige Patienten, die sich an uns gewandt haben, weil sie in einem Krankenhaus diskriminierend behandelt wurden“, sagt Zara-Geschäftsführerin Claudia Schäfer. An die Öffentlichkeit gehen möchten diese Menschen nicht.

„Eines der Opfer, die sich im letzten Jahr gemeldet haben, ist eine junge Frau mit türkischen Wurzeln. Sie wollte sich von einem Arzt behandeln lassen, doch der weigerte sich mit den Worten ,vor lauter Türken kann man in Wien nicht mehr atmen‘“, erzählt Schäfer. Ähnliches sei einem jungen Mann im Vorjahr nach einem Unfall passiert. Erst hätte ein Arzt mit der Untersuchung begonnen, doch dann intervenierte ein Vorgesetzter – die Untersuchung wurde abgebrochen, die Aufzeichnung über die begonnene Anamnese zerrissen. „Seine Begründung war, es sei ihm ,scheißegal‘, und dass er ,für Ausländer gar nichts schreibe’“, sagt Schäfer.

Wie oft es tatsächlich zu Diskriminierungsfällen wie diesen kommt, sei nur schwer feststellbar, heißt es bei Zara. Viele Opfer würden gar keine Anlaufstelle aufsuchen. „Und auch die Zahl der gemeldeten Fälle kann man nicht nennen“, sagt Schäfer. Es gebe viele verschiedene Anlaufstellen, doch das Geld für eine koordinierte und abgestimmte Dokumentation rassistischer Diskriminierungen fehle.

Trotzdem: Wer einen Fall von Rassismus beobachtet oder erlebt, sollte ihn auf jeden Fall melden. „Wir beraten die Person und klären sie über rechtliche Schritte auf. Außerdem versuchen wir, mit den Tätern in Verbindung zu treten und den Vorfall zu klären“, sagt Schäfer. Dem Personal selbst sei oft gar nicht klar, dass solche Aussagen mitunter strafbar seien.

„Um den Rassismus im Gesundheitsbereich zu bekämpfen, müsste man Präventionsmaßnahmen setzen“, sagt Alexandra Köck, Geschäftsführerin des Grazer Beratungs- und Therapiezentrums Zebra. „Dem Thema Rassismus muss man aktiv begegnen – und zwar durch interkulturelles Training und Supervisionen. Auch Manager und Doktoren sollen sich damit auseinandersetzen. Denn die Gesellschaft spiegelt sich im Gesundheitswesen wider.“

Verica, eine junge Serbin, hat ebenfalls schlechte Erfahrungen gemacht. „Es war im Sommer, an einem sehr regnerischen Tag. Mein Vater und ich besuchten meine Mutter im Otto-Wagner-Spital in Wien. Sie teilte sich das Krankenzimmer mit einer alten Frau, die sich furchtbar vor meinem Vater fürchtete – nur weil er ganz in Schwarz gekleidet war. Daraufhin sagte uns eine Krankenschwester, dass wir das Zimmer verlassen müssen.“

„Das hier ist kein Luxushotel“

Die junge Frau habe sich dann beschwert, warum man die beiden Patientinnen nicht in getrennten Zimmern unterbringen könnte, sondern dem Ehemann den Zutritt verweigere. Vom Pflegepersonal habe sie die Antwort bekommen: „Das hier ist kein Luxushotel“, und „Mit euch Jugoslawen hat man immer solche Probleme.“

Im Otto-Wagner-Spital dementiert man die Version der jungen Frau. Die Familie hätte sich selbst in der Wortwahl nicht sehr freundlich ausgedrückt, diskriminierende Äußerungen vonseiten der Krankenschwestern seien ebenfalls nicht bekannt. Allerdings, das gibt man zu – der Vater sei gebeten worden, das Zimmer zu verlassen. Doch, so beteuerte man, er und seine Tochter hätten nur im Garten des Krankenhauses warten sollen – so lange, bis sich die andere Patientin im Krankenzimmer beruhigt hätte.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 01.02.2012)


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