Ein Liebesfilm gegen das Fremdenrecht

727ohneKaramo - ©anjasalomonowitz.com
Erschienen in:
  • NU, das Jüdische Magazin für Politik und Kultur
  • Erhältlich in ausgewählten Buchhandlungen und über die Website www.nunu.at 
 

03.10.2013 | 9:30 | Ida Labudovic

Im September kam der Film Die 727 Tage ohne Karamo in die Kinos. Über die Entstehung des Filmes und ihre Motive sprach Ida Labudovic mit der Regisseurin Anja Salomonowitz.

Es ist zehn Uhr am Abend und die Glocken der Karlskirche läuten. Das diesjährige Open-Air-Sommerkino am Karlsplatz läuft unter dem Motto „Richtung Zukunft“. Etwa 800 Menschen sitzen vor der großen Leinwand, viele der Zuschauer auf dem Boden um das Wasserbecken in der Mitte des Platzes. Es ist eine frische Sommernacht und die Gesichter, die auf dem Karlsplatz zu sehen sind, wirken ruhig und konzentriert. Mehrere Paare umarmen sich und halten einander fest. Anja Salomonowitz ist auch da. Sie bewegt sich langsam durch die Masse und trägt eine schwarze Lederjacke, die ihre Figur und ihr freundliches Gesicht betont. Einige Protagonisten des Filmes Die 727 Tage ohne Karamo sind anwesend und haben sich unter das Publikum gemischt. Der Dokumentarfilm von Regisseurin Anja Salomonowitz erzählt die Geschichte von binationalen Liebespaaren in Österreich, über ihren Kampf gegen Bürokratie und die Konfrontation mit dem Fremdenrecht. Paare, deren Beziehung angesichts einer möglichen Abschiebung unter enormem psychischem Druck steht, hoffen auf ein dauerhaftes gemeinsames Leben.

Einige Tage später. Anja kommt in ein Kaffeehaus auf der Wienzeile, wo das Gespräch stattfindet. In einer Hand hält sie ihren Laptop, in der anderen einen Korb voll roter Beeren. „Urschön war es dort am Karlsplatz“, sagt sie wie nebenbei. Mit ihrer Spontaneität wirkt Anja authentisch. Sie sitzt bequem auf der Sitzbank und redet langsam und pointiert. Sie zeigt mit ihrem heiteren Lächeln, wie sehr sie sich gefreut hat, dass Menschen die Situation mit dem Fremdenrecht ändern wollen: „Es kann nicht so bleiben, man muss was tun“, war sich das Publikum einig. Mit ihrem Film Die 727 Tage ohne Karamo hat sie es geschafft: die Leute, die den Film gesehen haben, zu bewegen.

Erste Projektideen: „Schutzehen“

Begonnen hat sie mit dem Projekt schon im Jahr 2006: Ursprünglich wollte sie einen Film über Schutzehen machen. „Es gibt einen Film aus der Nazi-Zeit, wo ein Mann eine Frau heiratet, um sie zu beschützen, um ihr zu helfen“, erzählt Anja nachdenklich. Daraus entstand die Idee, einen Film über Paare und ihre Probleme zu machen. Anja, offen und energievoll, will ihre Geschichte zunächst über ganz Europa ausbreiten. Letztendlich trifft sie aber eine weise Entscheidung: „Wenn ich ein Dorf sehr genau beschreibe, dann sage ich mehr über die Welt, als würde ich versuchen, die ganze Welt zu beschreiben. In diesem Fall ist unser Dorf Österreich – und ich wollte sehr konkret werden, mit konkreten Menschen, die sich lieben und vorhaben, miteinander zu leben.“ In dem Moment, in dem sie beschlossen hat, den Film so zu gestalten, hat es richtig begonnen.

„Casting ist immer eine Arbeit, bei der man die Welt erforscht“, meint Anja und erzählt nicht ohne Stolz von ihren Erfahrungen. Wie ist sie zu den Darstellern des Films, den Paaren gekommen? Einerseits durch ein Netzwerk von Menschen, die einander kennen, anderseits aber auch durch die Organisation „Ehe ohne Grenzen“. Dort unterstützen die Betroffenen einander gegenseitig und tauschen sich darüber aus, wie man den Verbots- und Paragraphendschungel bewältigen kann. Zunächst führte die Regisseurin offene Gespräche mit ihren Protagonisten – binationale Paare, bei denen jeweils ein Partner aus einem Land außerhalb der EU kommt. „Den Menschen war es immer wichtig, ihre Geschichte zu erzählen, weil sie selber nicht verstehen, warum ihnen dieses Unrecht passiert“, erinnert sich Anja an das Casting. Sie hat die Frauen und Männer als mutig und trotzig empfunden –Heldinnen und Helden, die um ihre Liebe kämpfen. Anja wollte ihre Geschichte möglichst ohne Mitleid erzählen, einen kräftigen Film machen, der zeigt, wie viele Menschen betroffen sind. Sie wird kämpferisch, wenn sie sagt, dass das ein politischer Einsatz von ihr gewesen sei. Aus ihrer Erziehung und ihrer Identität heraus erwächst eine Geisteshaltung, ein Unrechtsbewusstsein. Deswegen kämpft sie um Gerechtigkeit.

Farben und Geräusche

Alle gefilmten Wohnungen und Plätze sind authentisch. Ein Schlafzimmer mit vielen bunten Polstern hat Anja besonderes schön gefunden, weil es in ihre Farbenwelt gepasst hat. Die Frau sitzt allein auf ihrem Bett und liest einen Brief ihres Vaters vor. Er ist strikt dagegen, dass seine Tochter einen Marokkaner heiratet: „Multikulti funktioniert bei Partys mit Musik“, schreibt er. „In diesem Brief vermischt sich sehr viel, eine väterliche Sorge mit ganz althergebrachten rassistischen Vorurteilen“, meint Anja. Der Brief sowie die Stimme der Frau, die ihn liest, klingen hoffnungslos.

So sind die meisten Geschichten in Anjas Film, wie auch im Fall von Elisabeth: Sie war eine einsame Frau. Plötzlich begegnete sie an einem trüben Wintertag einem unbekannten Mann und sie war gerührt, dass sich jemand für sie interessiert. Daraus entwickelte sich eine Liebe. Ein schlimmer Schlag war es für sie, als er wieder weggehen musste. Warum? Es gibt keine Geburtsurkunden in dem Ort, wo der Mann geboren wurde, und so konnten sie nicht heiraten. Nach Jahren des Kampfes kehrte er in seine Heimat zurück, weil er es nicht mehr aushalten konnte, sich verstecken zu müssen, nicht arbeiten zu können. „Es war, als würde ich in ein tiefes schwarzes Loch stürzen“, sagt sie in Anjas Kamera. Anja findet es absurd, dass man in diesen Fällen heiraten muss, um in Österreich zusammenbleiben zu können. Und wenn es manchmal vielleicht doch um eine Scheinehe geht, so ist das Anja egal. „Die gegenwärtige Situation des Fremdenrechts ist unerträglich, unmenschlich und schlicht böse. Ich wollte Bewusstseinsarbeit leisten, konkret zeigen, um was es hier geht“, sagt Anja wütend. Deswegen wollte sie auch den Film ursprünglich „Ein wütender Film“ nennen.

Anja wollte einen ungewöhnlichen Dokumentarfilm gestalten, damit aus einer anderen Perspektive auf dieses Thema geblickt wird. Sie wollte poppiges Kino machen, mit hellen Farben und vielen Geräuschen. Wie bereits in ihrem vorherigen Film hat sie eine dominante Farbe ausgewählt. Diese ermöglicht eine Abstraktion, und die Überhöhung und Abstrahierung des Alltags soll es dem Zuschauer ermöglichen, hinter die persönlichen Schicksale zu schauen und zu erkennen, dass es sich um ein System handelt. Anja erzählt die Geschichten von 21 Paaren, um zu verdeutlichen, wie groß die Zahl der betroffenen Menschen ist. „Die Farbe kann die Menschen in gewisser Weise auch beschützen, denn sie geben nicht alles von sich preis, sondern ihr Leben wird verändert gezeigt“, sagt Anja. Ihr ist es wichtig, zu betonen, dass diese Farbenwelt – vor allem Gelb, aber es ist auch viel Orange, Grün, Lila oder Weiß zu sehen – nicht nur die Protagonisten einhüllt, sondern alle Menschen und Gegenstände im Film. Die Standesbeamtin, die Deutschlehrerin, alle und alles ist in diese Welt getaucht. So wird niemand gekennzeichnet oder ausgestellt.

„Es wäre schön, wenn man mit dem Film etwas ändern kann, und wenn es auch nur eine Bewusstseinsveränderung wäre. Du kannst dich weder mit Geld, noch mit Anwälten, noch durch Wissen rausnehmen – sobald du im Hamsterrad der Qual drinnen bist,  kommst du nicht mehr raus, weil das System stärker ist.“ Das ist eine Erfahrung der Ohnmacht, die die Menschen erleben müssen, „eine Erschütterung ihres Glaubens an den Rechtsstaat“, meint Anja. Der Film ist ihr Beitrag, das zu zeigen. 

 


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