Ethnomedizin: Krankheit ist nicht gleich Krankheit

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24.03.2009 | 16:07 | Ania Haar

Menschen aus anderen Kulturkreisen gehen anders mit Schmerzen und Krankheit um. Versteht der Arzt diesen Zugang nicht, kommt es zu Missverständnissen. Orakel, Leopardenzähne, Gifte, Heiler und Talismane?

Ein Arzt untersucht einen Patienten, der sich vor Bauchschmerzen krümmt. Er fragt ihn aus. Keine Antwort. Er tastet ihm den Bauch ab – und plötzlich klopft ihm der Patient auf die Finger. Eine Frechheit? Oder vielleicht nur ein falscher Umgang?

„Auch ich ertappe mich dabei, dass man gewisse Aggressionen entwickelt, wenn man einander nicht versteht“, sagt Armin Prinz, Leiter der Arbeitsgruppe Ethnomedizin der MedUni Wien. Fühlt sich der Patient nicht ernst genommen, wehrt er sich vor einer Untersuchung, die seiner Meinung nach nicht notwendig ist. Schließlich hat er ja gezeigt, was er hat, nämlich Bauchschmerzen.

Das Nichtkennen soziokultureller Gegebenheiten führt zu Missverständnissen. Denn Krankheit bedeutet nicht bei allen Menschen das Gleiche, so Prinz. Jeder Mensch lernt im Laufe seiner Entwicklung in der Gemeinschaft, wie er ausdrücken soll, dass er krank ist, wie er sich verhalten muss, damit man ihn als Kranken erkennt.

Und dieses Verhalten ist in verschiedenen Kulturkreisen völlig unterschiedlich. Was Schmerzempfinden betrifft, wird etwa in westlichen Ländern analytisch vorgegangen: die Qualität (wie stark) und die Lokalisation (wo am Körper) des Schmerzes werden beschrieben.

Bei Patienten aus dem östlichen mediterranen Raum kann das aber ganz anders sein: Hackt sich ein türkischer Bauarbeiter den Finger ab, verzieht er im Krankenhaus keine Miene, obwohl er höllische Schmerzen hat – der Arzt kann die Verletzung ja sehen. Bei Bauchschmerzen geht das nicht, deshalb signalisiert man den Schmerz in einer Art Performance – mit gekrümmtem Körper und den Armen um den Bauch.

Afrikanische Patienten wiederum sind beim Schmerzempfinden sehr introvertiert. Dies führt beim Arzt zur Vermutung, dass der Patient schmerzunempfindlich ist – was aber nicht stimmt. „Daher ist es unser Anliegen, angehenden Ärzten zu zeigen, wie Krankheit in anderen Kulturräumen gesehen wird“, erzählt Prinz.

Eine Krankheit, zwei Ursachen

Ethnomedizin bietet nicht nur praktische Hilfestellung im Umgang mit Patienten aus anderen Kulturzonen, sondern ist ein kultur- und sozialanthropologisches Fach, in dem die Vielfalt von Heilverfahren verschiedener Völker untersucht wird. Sie analysiert, beschreibt und vergleicht verschiedene Heilkunden miteinander.

Da ist etwa das Phänomen der Bikausalität: So glaubt das afrikanische Volk der Azande, dass zum Ausbruch der Krankheit zwei Ursachen notwendig sind. Die eine ist die natürliche, wie etwa eine Infektion, die andere ist ein Zeichen für soziales Fehlverhalten, das wiederum böse Magie oder Hexerei auslöst. Daher muss die Behandlung auf diesen zwei Ebenen erfolgen. Die Infektion wird mit vorhandenen Mitteln therapiert. Und für das gestörte soziale Verhalten wird eine Orakelbefragung durchgeführt.

Übernatürliche Erklärungen

Klingt exotisch, doch einer ähnlichen Form der Bikausalität begegnet man auch hierzulande. Sieht ein Lungenkrebspatient seinen langjährigen Zigarettenkonsum als Ursache, ist das rationales Verhalten. Andererseits wird er sich fragen: „Tausende um mich herum rauchen genauso viel – wieso haben sie keinen Krebs?“ Es entstehen Gedanken von Schuld und Sühne, die als übernatürliche Ursache gedeutet werden. Auch dafür gibt es entsprechende Therapien. Ähnlich wie bei den Azande, die durch die Befragung des Orakels eine Lebenshilfe bekommen.

Orakel, Leopardenzähne, Gifte, Heiler und Talismane? Der Ethnomedizin wird oft der Vorwurf gemacht, sie sei eine Art Paramedizin, Magie und Aberglaube, die nichts in der Schulmedizin zu suchen hat. „Das ist vollkommen falsch“, sagt Prinz, „das sagen nur Leute, die es nicht wissen.“ Jede Ethnie oder Gesellschaft entwickelt ihre eigene Heilkunde, die in ihrem soziokulturellen Kontext verstanden werden muss.

Auf der anderen Seite gibt es auch in hiesigen Krankenhäusern „magische Therapien“, die aus Sicht der Naturwissenschaften vollkommen wirkungslos sind. So spritzt man etwa bei der Makuladegeneration (Augenerkrankung) den Patienten Etaretin (Emulsion von Schweinenetzhäuten) ein. „Reine Magie“, sagt Prinz, trotzdem von der Schulmedizin anerkannt. Umgekehrt wird genau das, was wir bei anderen Völkern nicht erklären können, bei hiesigen Medizinern schnell als Aberglaube abgestempelt.

Ayurveda und Akupunktur

Es wäre aber auch falsch zu glauben, dass die Heilmethoden anderer Völker bei uns ein zu eins übernommen werden können. Dennoch kann man voneinander lernen und die Erkenntnisse auf die hiesigen Bedürfnisse anpassen. Man denke nur an Ayurveda oder Akupunktur – und das sind nur die bekanntesten Beispiele. (MONA PARUN)

“Die Presse”, Print-Ausgabe, 24.06.2009


ein Kommentar

  • georg holzmann

    ein vollkommener unsinn Geschrieben um 24. März 2012 um 20:26 Antworten

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