Exil-Tunesier von Österreich enttäuscht

Tunesier demonstrieren in Wien - ©Farzad Dadgar

18.01.2011 | 16:25 | Nasila Berangy

Wien. Warum verlässt jemand ein Urlaubsparadies? Ein Urlaubsparadies, das die eigentliche Heimat ist? Eine Frage, die ausgewanderte Tunesier immer wieder zu hören bekamen. Zumindest bis vor einigen Tagen – denn mit dem Sturz des Präsidenten Zine el-Abidine Ben Ali rückte das Schicksal vieler Exil-Tunesier an die Öffentlichkeit.

Exil-Tunesier – meist politische Aktivisten, die vor dem Regime fliehen mussten – wünschen sich von Österreichs Außenpolitik mehr Engagement. Europa schaue bei Konflikten allzu oft weg.

Seit Ben Alis Machtergreifung vor 23 Jahren waren viele Oppositionspolitiker gezwungen, das Land zu verlassen. Ein Vorgehen gegen politische Aktivisten, das der westlichen Bevölkerung lange verborgen blieb. Doch nachdem sich Mitte Dezember der junge Tunesier Mohamed Bouazizi aus Perspektivlosigkeit selbst anzündete und damit in Tunesien Demonstrationen und Widerstand gegen das Regime entfachte, solidarisierte sich auch die tunesische Community in Österreich mit den jungen Akademikern in Tunesien.

Das allerdings mit einigem Zögern. So strömten die Exil-Tunesier in Wien erst zur zweiten Mahnwache, die der Verein Nordafrika Liga am Stephansplatz organisierte – zu diesem Zeitpunkt hatte Präsident Ben Ali das Land bereits verlassen. Zu groß war vorher die Furcht, erkannt und registriert zu werden, sagen die Organisatoren. Denn, so heißt es aus der Community, jeder Tunesier wird beobachtet – auch im Ausland.

Die Furcht der Exil-Tunesier: Werden Antiregierungsaktivitäten wahrgenommen, dann terrorisiert man die daheimgebliebenen Familienmitglieder stellvertretend. So war es im Fall des studierten Orientalisten und Rechtswissenschaftlers Karim Bousalem, der zwei Mal in Tunesien inhaftiert gewesen war. Während seines Studiums hatte er als Studentenvertreter gewirkt und gegen die Sparmaßnahmen der Regierung protestiert. Als er ein drittes Mal ins Gefängnis sollte, verließ er das Land. Seine Familie wurde bis vor einigen Jahren noch regelmäßig aufgesucht und bedroht. In Österreich, wo er heute als Religionslehrer arbeitet, konnte niemand glauben, dass ihm in Tunesien Haft und Folter drohen würden. Sein Asylantrag wurde deswegen auch erst nach sieben Jahren positiv erledigt. „Die österreichische Gesellschaft soll mitbekommen, was in Tunesien geschieht“, meint Bousalem. Abwechselnd auf Arabisch und auf Deutsch fordern die Demonstranten Demokratie und Freiheit für Tunesien und zeigen Fotos junger Männer, deren Körper von Folter gezeichnet sind.

Stolz … und Angst vor Chaos

Doch nun ist man stolz auf das, was die Oppositionsbewegung in Tunesien erreicht hat – und sieht einen Neubeginn. Während die einen erleichtert und zufrieden sind, ihre Gesichter Hoffnung widerspiegeln, machen sich andere allerdings Sorgen vor einer politischen Leere, dem Chaos und den Zerstörungen der Milizen.

Amor Jelliti, Obmann der Nordafrika Liga, musste 1992 über Algerien nach Österreich flüchten. In Tunesien war er Agraringenieur gewesen – aber eben auch politischer Aktivist und daher von der Polizei und dem Geheimdienst gesucht. Nach seiner Flucht musste seine Frau seinetwegen für ein Jahr ins Gefängnis. „So wollte man auf mich Druck ausüben, damit ich wieder zurückgehe.“

Seine Frau hatte ihm für seinen Asylantrag Dokumente aus Tunesien gefaxt – und sich damit dem tunesischen Gesetz widersetzt. Denn will man Dokumente ins Ausland faxen, braucht man dafür eine Identitätskarte mit einer Erlaubnis zum Faxen. Nach ihrer Freilassung musste sie sich fünf- bis sechsmal täglich bei unterschiedlichen Polizeistationen, verteilt auf ganz Tunis, melden. Das galt für alle entlassenen politischen Häftlinge. Ansonsten drohten Sanktionen wie der Verlust der Versicherung, oder Familienmitglieder wurden stattdessen schikaniert, gefoltert oder inhaftiert.

In Österreich war Jelliti zwölf Jahre lang in einem Gartencenter als Verkäufer und Gartengestalter angestellt, bis er sich vor einigen Jahren selbstständig machte. Heute engagiert er sich im Verein Nordafrika Liga für Menschenrechte und Umweltschutz. In Österreich habe er keine Probleme, seine neue Heimat habe ihm und seiner Familie Freiheit und Sicherheit gegeben.

Unterstützung für Diktatoren

Dass nun das wahre Gesicht Tunesiens zum Vorschein komme, freut Exil-Tunesier. Allerdings stößt man sich an der Rolle Europas, das bei derartigen Konflikten allzu oft wegschaue. „Wenn westliche Länder keine Migration wollen“, meint Karim Bousalem, „sollten sie Menschenrechte und Demokratieprozesse unterstützen – anstatt Diktatoren und korrupte Regierungen.“ Gerade Länder wie Tunesien hätten eine junge, gut ausgebildete Population, die aber wegen der hohen Arbeitslosigkeit gezwungen sei, ins Ausland zu gehen.

Dabei kommen nur die wenigsten nach Österreich. Für die meisten ist Frankreich oder die Schweiz interessanter – wegen der Sprache – oder Italien wegen der geografischen Lage. Laut Statistik Austria leben 3300 Tunesier in Österreich. Fast die Hälfte davon ist mittlerweile eingebürgert.

Die Exil-Tunesier in Österreich stoßen sich vor allem an der österreichischen Außenpolitik. Begonnen hat es 1995, als Österreich die Visapflicht für Tunesier einführte. Bis dahin konnten sie ohne Aufenthaltsgenehmigung nach Österreich einreisen. Sehr zum Missfallen von Präsident Ben Ali, denn so konnten ihm Oppositionelle entwischen. Also forderte er eine Visapflicht für seine Bevölkerung – ein Wunsch, dem Österreich nachkam. Genau dieses österreichische Vorgehen kritisieren viele Exil-Tunesier und setzen daher kaum Hoffnung auf Österreich, wenn es um die Zukunft ihrer alten Heimat geht.

„Wir könnten unsere Forderungen bei Politikern deponieren, aber was bringt das schon“, fragt Bousalem, der sich vom österreichischen Außenminister klare Worte erwartet hat. Konkret hätte sich die tunesische Community gewünscht, dass die Ermordungen tunesischer Demonstranten durch Ben Ali verurteilt werden. Bousalem: „Wenn Außenminister Spindelegger die Christenverfolgung in Ägypten verurteilt, wäre es für uns schön gewesen, auch einen Satz über Tunesien zu hören.“ (NASILA BERANGY)


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