Flashmob: Gegen Antisemitismus im strömenden Regen

Flasmob-gegen-antisemitismus - ©simon INOU

13.09.2012 | 13:08 | Marlies Kastenhofer

Gestern fand am Wiener Schwedenplatz der Flashmob „Kein Platz für Antisemitismus“ statt. Unter den hunderten Demonstranten waren unter anderem auch Integrationsstadträtin Sandra Frauenberger und die Integrationssprecherin der Grünen Alev Korun.

Wien – Tausende Regentropfen prallen an den aufgespannten Schirmen umherstehender Menschen ab. Das Farbenmeer der Schirme kann nur schwer gegen das graue Licht der Wolken ankommen. Wer keinen Schirm hat, versucht unter den Bäumen oder den Sonnenschirmen des nebenanliegenden Mc Donalds am Schwedenplatz Ecke Rotenthurmstraße Schutz zu finden. Jede freie Hand hält rosa oder grünfärbige Plakate, auf denen in dicker Schrift: „Kein Platz für Antisemitismus“ geschrieben steht.

Nikolaus Kunrath, Koordinator der Plattform „Jetzt Zeichen setzen!“, freut sich, dass trotz Regen so viele Leute gekommen sind. Für den Kampf gegen Antisemitismus sei eine „breite Basis“ wichtig. „Ich glaube grundsätzlich, dass Aktionen auf der Straße Veränderungen schaffen“, meint er. In eine grüne Regenjacke gehüllt, schweifen seine Augen unter der schwarzen Brille mit dickem Rand umher. Ständig treten neue Teilnehmende an ihn heran. „Du Niki, alle Leute stehn noch da drüben“, beschwert sich eine Frau in schwarzem Annorak. Rund 500 Personen haben seinen Angaben zufolge heute am Flashmob teilgenommen.

Anlass „Zeichen zu setzen“ gebe es genug. „47 Prozent der Österreicher möchten noch immer nicht mit Juden leben“, schildert der Wiener Grüne. „Des is mir net wurscht!“ Es sei eine Sensibilisierung der Bevölkerung und mehr Verantwortung „von oben“ nötig. Um Veränderung zu schaffen, müssten „wirkliche Maßnahmen“ umgesetzt werden, beispielsweise im Bildungsbereich. „Nicht nur ein bissl“, sagt er mit fester Stimme. Die Geschehnisse in Österreich lieferten auch im Ausland ein schlechtes Bild. Kunrath kann das nachvollziehen. Es gehe nicht primär um Fußballfans, die antisemitische Äußerungen tätigen. Er kritisiert die Selbstverständlichkeit, mit der WKR-Bälle veranstaltet, Cartoons im Internet veröffentlicht, die Staatspolizei wegesehen würde und nachher keine Konsequenzen folgten.

Auch lange nach der eigentlichen Aktion harren Personen bei Regen und Kälte aus. Für Erika ist das selbstverständlich: „Dieses Anliegen ist nicht wetterabhängig. Es geht mir um die Sache.“ Die kleine Frau mit grauen langen Haaren hält ihren roten Regenschirm fest in der Hand. Sie schildert von ihren Großeltern, die während des zweiten Weltkrieges im Untergrund gearbeitet haben. Dadurch sei sie sehr geprägt worden. Auf der anderen Straßenseite steht Renate vor der Stange einer Halteverbotstafel. Auch für sie ist das Wetter egal. Die blondhaarige Frau findet, dass in Österreich im Gegensatz zu Deutschland noch einiges getan werden müsse. Sie könne nicht verstehen, wie tief verwurzelt der Antisemitismus in Österreich ist: „Ich halte es für untragbar, wie wenig Unrechtsbewusstsein in Österreich herrscht und dass es in Österreich keine breite gesellschaftliche Debatte gibt.“

Auslöser für den Flashmob waren zwei Ereignisse in den vergangenen Wochen. Vor dem Fußballspiel Rapid Wien gegen PAOK Thessaloniki wurde ein Rabbiner von einem Fußballfan vor schweigenden Polizisten antisemitischen Beschimpfungen ausgesetzt. Der Polizei wird vorgeworfen, nicht eingeschritten zu haben. Zweiter Anlass waren Cartoons, die der Bundesparteiobmann der FPÖ Heinz-Christian Strache, auf Facebook veröffentlicht hatte. Er wird beschuldigt, bei einer Figur eine Hakennase und Davidsterne hinzugefügt zu haben.


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