Genitalbeschneidung – “Frauen haben Recht auf Sexualität”

Tarafa Baghajati c M. Flener
HIN­TER­GRUND:
  • Teil 15 der 16-tei­li­gen Por­t­rät­se­rie „Unsere Hände gegen Gewalt".
  • In Koope­ra­tion mit White Rib­bon Öster­reich, dem Ver­ein von Män­nern zur Prä­ven­tion von männ­li­cher Gewalt, hat M-MEDIA am 25.11.2012 (Beginn der 16 Tage gegen Gewalt an Frauen) eine Por­t­rät­se­rie  gestar­tet, in der wöchent­lich Por­träts von Män­nern mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, die moderne Männ­lich­kei­ten leben und Por­träts von migran­ti­schen Ver­ei­nen, die Bei­träge und Zugän­gen zu Gleich­be­rech­ti­gung und Gewalt­prä­ven­tion leis­ten,ver­öf­fent­licht wer­den.
  • Die Koope­ra­tion wird vom Bun­des­mi­nis­te­rium für Arbeit, Sozia­les und Kon­su­men­ten­schutz geför­dert

11.03.2013 | 17:17 | Milagros Martinez-Flener

2005 organisierte Tarafa Baghajati eine Veranstaltung über weibliche Genitalbeschneidung in Wien. Seither ist der gebürtige Syrer dem Kampf gegen diese grausame Tradition treu geblieben. Teil 15 der 16-tei­li­gen Por­t­rät­se­rie „Unsere Hände gegen Gewalt”.

“Der Islam verdammt und verbietet die weibliche Genitalverstümmelung”, sagt Tarafa Baghajati. Das sei „eine Tradition aus der vorislamischen Zeit“, die „hauptsächlich in einigen Regionen Afrikas” Anwendung finden würde. Tarafa Baghajati engagiert sich seit Jahren gegen die weibliche Genitalbeschneidung – eine Menschenrechtsverletzung gegen die Frauen und Männer immer wieder aufmerksam machen. Baghajati ist einer von ihnen. Außerdem ist er ehrenamtlicher Imam in Wien, Gründungsmitglied und Obmann der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen und ein aktives Mitglied der Plattform “Christen und Muslime”.

Gefängnis und Folter

Geboren wurde Baghajati in Damaskus. 1980 erhielt er ein Stipendium für die Universität in Temesvar, Rumänien, wo er ein Bauingenieurstudium absolvierte. Während der Semesterferien wurde Baghajati 1984 wegen angeblicher oppositioneller Betätigung gegen die Regierung in Syrien festgenommen und inhaftiert. Er wurde gefoltert. Politisch aktiv war Baghajati allerdings gar nicht gewesen. Ein Jahr später wurde er freigelassen und kehrte nach Rumänien zurück, wo er 1986 sein Studium beendete.

Da eine Rückkehr nach Syrien riskant war, beschloss er ein Doktoratsstudium in Wien zu absolvieren. Heute erinnert sich Tarafa, wie unkompliziert es damals war, ein Visum zu bekommen. “Ich stellte den Antrag im Konsulat der österreichischen Botschaft in Bukarest und erzählte, dass ich eine Tante in Wien habe. Sie riefen bei ihr in Wien an, um meine Angaben zu bestätigen und zwei Stunde später hatte ich das Visum in meinem Pass”. Eine Prozedur, die heute für einen syrischen 24 Jährigen undenkbar wäre.

Seine Reise nach Wien organisierte der damalige Student so knapp, dass er nur drei Stunden bevor sein Deutschkurs anfing, in Wien ankam. “Ich musste auf meine Ressourcen  schauen”, erzählt der gläubige Muslim, der seit 1991 Österreicher ist. Der Aufstieg Jörg Haiders und dessen populistische Fremdenfeindlichkeitspolitik waren für Baghajati ausschlaggebend, sich für Themen wie Migration und Integration zu engagieren.

Recht auf Sexualität

Ende der neunziger Jahre kochte die Islamfeindlichkeit hoch und er gründete mit Freunden 1999 die “Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen”, die es sich zum Ziel gesetzt hat, ein gesellschaftliches Klima zu fördern, das von gegenseitigem Verständnis und Toleranz geprägt ist. Das Thema weibliche Genitalverstümmelung wurde ab 2005 nach der Veranstaltung in Wien Teil seiner Arbeit. Viele glauben, dass mit der Verstümmelung die sexuelle Lust gedämpft werde, sagt Baghajati. Doch das stimme nicht, denn die Lust bleibe, aber die Erfüllung sei nicht mehr gegeben, erklärt Tarafa Baghajati. “Frauen haben das Recht auf eine erfüllte Sexualität, aber mit der Genitalverstümmelung wird ihnen dieses Recht genommen.“ Doch eine erfüllte Sexualität für beide Partner sei wichtig für eine harmonischen Ehe.

Für den ehrenamtlichen Imam wäre es ein Traum, die Abschaffung der Genitalverstümmelung noch mitzuerleben. Seine Prognose lautet auf 2020. Denn „die weibliche Genitalverstümmelung ist kein Frauenproblem, sondern ein gesellschaftliches Problem das thematisiert, bekämpft und abgeschafft werden muss”.


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