Großeltern unterrichten Kinder mit Migrationshintergrund

©Mili Flener
AUF EINEN BLICK
  • Oma/Opa-Projekt: Ältere Österreicher helfen Kindern mit Migrationshintergrund beim Lernen.
  • Das Projekt wurde 2010 für den Integrationspreis nominiert.
  • www.nl40.at

22.06.2011 | 14:36 | Ana Znidar

Senioren bringen Kindern mit Lernschwächen Deutsch bei. Ein Projekt, das bei einigen Kindern bereits Erfolge gezeigt hat – und das nebenbei auch das interkulturelle Verständnis auf beiden Seiten fördert.

 

Wien. „Ein schönes Garten“, sagt Feride. „Ein schöner Garten“, korrigiert sie die Dame neben ihr liebevoll. Feride wurde in Österreich geboren. Und doch hat die Tochter türkischer Eltern Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Genau darum sitzen die beiden hier – und arbeiten gemeinsam an der Erweiterung von Ferides Sprachschatz. Erst üben sie die richtige Aussprache, dann die Rechtschreibung.

Österreichische Großeltern helfen Migrantenkindern, das ist der Kern des „Oma/Opa-Projekts“, das der Verein NL40 initiiert hat. An zwei Nachmittagen pro Woche kommen Kinder, deren Eltern aus Indien, Pakistan, den Philippinen, aus Tschetschenien, Serbien und der Türkei stammen, in die Räume des Vereins nahe beim Ottakringer Brunnenmarkt, um zu lernen. „Mit gezielter Lernhilfe und Sprachförderung möchten wir Defizite ausgleichen und den Kindern bessere Entwicklungs- und somit Lebenschancen bieten“, sagt Projektinitiatorin Michaela Dirnbacher.

Entlastung für Lehrer

Die Volksschule Pfeilgasse in der Josefstadt, mit der NL40 kooperiert, nominiert Schüler, die wegen mangelnder Sprachkenntnisse und anderer Lernschwierigkeiten am wenigsten dem Unterricht folgen können. „Das sind Kinder, die die Unterrichtssprache bei Schuleintritt gar nicht oder nur wenig verstehen, und die aus ihrem Umfeld keine Unterstützung beim Lernen erhalten können“, sagt Dirnbacher. Hier sei zusätzliche Zuwendung und individuelle Betreuung zielführend – das meinen auch die Lehrerinnen, die das Projekt als große Hilfe und Entlastung empfinden. Im Schulunterricht fehle schlicht und einfach die Zeit, Kinder mit speziellen Bedürfnissen ausreichend zu fördern.

Das Gebäude des NL40 ähnelt mit seinem begrünten Innenhof und der geschützten Hofsituation den traditionellen Wohnformen des östlichen Kulturraumes, sagen die Betreiber. Vielleicht rufe genau das in den Kindern ein Gefühl von Geborgenheit und Zuhausesein hervor, meint Architektin Johanna Rainer, die maßgeblich an der Projektentwicklung beteiligt war. Hier, im Brennpunkt des multikulturellen Geschehens Wiens, soll Lernen mit Wohlfühlen und Spaß verbunden werden.

Die Kinder, die am Projekt teilnehmen, weisen Veränderungen in ihrer sprachlichen Entwicklung auf – das hat Dirnbacher auch dokumentiert und für ihre Bakkalaureatsarbeit verwendet. Dass das für ihre Zukunft mehr als nur bessere Noten im Zeugnis bedeutet, veranschaulichen einige Erfolgsbeispiele: Patrick, der aus Polen – ohne ein Wort Deutsch zu sprechen – in die vierte Volksschulklasse kam, lernte die Sprache so schnell, dass er die Aufnahme ins Gymnasium schaffte. Osman, der die zweite Klasse aus sprachlichen Gründen zweimal wiederholen musste und in der dritten Klasse immer noch weit davon entfernt war, sich auf Deutsch artikulieren zu können, schaffte mithilfe seiner „Oma“ den Sprung in die vierte Klasse. Und entkam so der Sonderschule.

Bilden von Vertrauen

„Was uns von anderen Projekten unterscheidet, ist die individuelle Betreuung und die enge Bindung zwischen den ehrenamtlich arbeitenden Senioren und ihren Schützlingen“, sagt Manuela Schaffran, die pädagogische Leiterin des Projekts. Viele Kinder fänden erst durch das Vertrauen zu einer deutschsprachigen Bezugsperson den Mut, in der neuen Sprache zu sprechen.

Doch bei dem Projekt geht es um mehr als nur um das Erlernen der Sprache. Im Fokus steht der Aufbau einer authentischen Bindung, von Vertrauen und von sozialer Kompetenz. „Die positive Erfahrung prägt das Leben der Kinder und ihre Einstellung zu dieser Gesellschaft“, sagt Dirnbacher. Kinder von Einwanderern und ihre österreichischen „Großeltern“ erkunden beim Lernen ihre interkulturellen Ähnlichkeiten und Unterschiede. „Und lernen, sich gegenseitig zu verstehen und so zu akzeptieren, wie sie sind.“ Die Senioren erhalten Einblicke in die Kultur ihrer Schützlinge. Und werden als Dank für ihre Hilfe oft in das Familienleben einbezogen.

Die Senioren arbeiten ehrenamtlich – und dürfen als Bonus an Vorträgen, Yogastunden oder Massagen, die der Verein organisiert, teilnehmen. Doch das ist eher sekundär. „Es ist eine Investition in die Zukunft“, sagt Willi Markom, einer der Senioren. „Und ich lerne selbst immer noch dabei, etwa die neue Rechtschreibung.“

Das NL40-Team, eine Psychologin, eine Pädagogin und Fachleute für interkulturelle Kompetenz unterstützen die Senioren bei der Betreuung der Kinder. Der regelmäßige Austausch mit der Schulleitung und den Lehrerinnen soll die Qualität sichern.

Derzeit werden zehn Kinder von österreichischen Großeltern betreut. Doch der Bedarf ist größer – es gibt eine lange Warteliste und laufend Anfragen von Bezirksschulinspektoren. Auch der Verein selbst sucht laufend Senioren. Gefragt sind bei ihnen vor allem Geduld, Hingabe und Engagement.

(ANA ZNIDAR, “Die Presse”, Print-Ausgabe, 22.06.2011)


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