Integration beginnt bei der Hebamme

Hebamme Fidan Cinar
KURZ:
  • Hebammen: Die Ausbildung zur Hebamme erfolgt durch ein Bachelorstudium an einer Fachhochschule. Voraussetzung ist die Matura oder eine Studienberechtigungsprüfung.
  • Interkulturelle Kompetenz:Hebammen mit Migrationshintergrund sind noch eher selten. Gerade ihre Sprachkenntnisse und ihr Wissen um kulturelle Hintergründe wären aber wichtig.
  • www.hebammen.at

05.10.2011 | 15:18 | Milagros Martinez-Flener

Eine Hebamme braucht nicht nur fachliche Kenntnisse. Auch sprachliche und transkulturelle Kompetenzen sind wichtig, um schwangere Migrantinnen besser zu betreuen. Den geeignete Dolmetscher gibt es nur selten.

Wien. In den meisten heimischen Spitälern stellen schwangere Frauen mit Migrationshintergrund längst die Mehrheit dar. Allerdings: Geeignete Dolmetscher gibt es nur selten. Kommunikationsprobleme und Missverständnisse zwischen Hebammen und Patientinnen stehen daher fast schon auf der Tagesordnung. Und gerade bei Risikoschwangerschaften kann eine solche Situation gefährlich werden.

Die Kommunikation zwischen medizinischen Fachkräften und einer schwangeren Frau ist schon in der Muttersprache oft ein Problem – schon allein wegen der medizinischen Fachbegriffe. „Wenn sich eine Migrantin mit Fachausdrücken in einer anderen Sprache konfrontiert sieht, bleibt oft wenig von dem übrig, was transportiert werden soll“, sagt Margarete Lässig, Leiterin des Referats Gesundheitsvorsorge für Kinder und Jugend in der Wiener Magistratsabteilung 15. Daher seien die Fremdsprachenkenntnisse der Hebammen eine wesentliche zusätzliche Kompetenz.

Fremdsprachen als Kompetenz

Die Einwanderung der vergangenen Jahre hat auf den Job der Hebamme eine direkte Auswirkung: In vielen Fälle gibt es keine gemeinsame Sprache zwischen Hebammen und Patientinnen, vor allem mit jenen, die aus Südosteuropa, und der Türkei kommen. Von den 1907 in Österreich tätigen Hebammen kommen 25 aus diesen Regionen. Dennoch findet die Kommunikation in den medizinischen Abteilungen häufig noch über Dritte statt – manchmal sogar mit Unterstützung des Reinigungspersonals.

Ein Ergebnis, das Hebamme Doris Ruthensteiner für ihre Bachelorarbeit „Schwangerschaftsvorsorge bei türkischen Migrantinnen“ in Erfahrung bringen konnte. Eine richtige Übersetzung der Fachbegriffe oder die Beachtung der Wünsche der schwangeren Frauen sei dadurch in vielen Fällen nicht gewährleistet.

In den Hebammenschulen steht meist nur Fachenglisch auf dem Stundenplan. Ein Hebammenwortschatz in anderen Sprachen, etwa auf Serbisch, wird nicht vermittelt. Und auch die interkulturelle Komponente spielt bei der Ausbildung nur eine kleine Rolle.

Türkisches Frauenbild

Einen Vorstoß in diese Richtung hat die türkischstämmige Familienhebamme Fidan Çinar unternommen. Sie hält seit drei Jahren an der Hebammenakademie Vorträge, um den Studentinnen Einblick in den kulturellen und traditionellen Hintergrund ihres Mutterlandes zu geben – vor allem in Hinblick auf Frauen- und Körperbild. So spricht sie über muslimische Gebräuche bei der Geburt und erklärt auch die Ausdrücke für die häufigsten Anweisungen im Kreißsaal auf Türkisch.

Laut dem Österreichischen Hebammengremium kommen von den 227 Hebammen mit Migrationshintergrund, die in Österreich arbeiten, 29 von außerhalb der EU, davon fünf aus der Türkei, vier aus Bosnien-Herzegowina, vier aus Kroatien und eine aus Serbien.

Doch warum gibt es nur so wenige türkische Hebammen, obwohl der Bedarf in Österreich so groß ist? Viele interessierte Mädchen – auch Österreicherinnen – scheitern an der schwierigen Aufnahmeprüfung. „Auf der anderen Seite“, meint Fidan Çinar, eine von zwei türkischen Hebammen in Wien, „wenn ein türkisches Mädchen die Matura abschließt, steht ihr auch der Weg zum Medizinstudium offen. Und den bevorzugen die meisten.“

Für jene Hebammen, die ihr Studium in einem EU- bzw. EWR-Land absolviert haben, ist die Niederlassung in Österreich kein Problem. Seit 2008 wird ihr Titel ohne Nostrifikation anerkannt. Jene, die ihr Diplom außerhalb der EU erlangt haben, müssen die Nostrifikation bei einer Fachhochschule beantragen. Zwischen 2005 und 2010 bekamen zehn Antragstellerinnen diese Nostrifikation. Und können sich nun um jene nicht deutschsprachigen Frauen kümmern, die in Österreichs Spitälern ein Kind auf die Welt bringen.

 


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