Integration in den Alpen: Nepalesen auf der Berghütte

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30.05.2012 | 12:55 | Prerana Dahal Sharma

Auf Berghütten in den österreichischen Alpen sind Nepalesen als Kellner, Köche und Betreuer für die Gäste tätig. Durch ihre Herkunft aus dem Himalaya sind sie an die hochalpinen Verhältnisse bestens gewöhnt.

Dachstein. „Viele sind nicht bereit, in dieser Höhe zu arbeiten“, sagt Ang Doma. „Und die, die bereit sind, halten nicht lange durch.“ Für Ang Doma Sherpa und Chitra Bahadur Sherpunja ist die Arbeit in der „Lodge am Krippenstein“ in 2063 Meter Seehöhe kein Problem. Sie kommen aus Nepal und sind Verhältnisse wie in den Alpen bestens gewohnt. „Es ist eine ähnliche Arbeit für mich wie zu Hause. Manchmal vergesse ich, ob ich in Österreich oder in Nepal bin.“

Nepalesen in österreichischen Berghütten sind keine Seltenheit. Sie arbeiten als Kellner, Köche, Reinigungskräfte und Empfangsdamen. Seinen Ursprung hat das Phänomen in einem Bergsteigerprojekt zwischen Nepal und Österreich vor rund einem Jahrzehnt, bei dem zahlreiche Nepalesen die Arbeitsmöglichkeit in den Alpen entdeckten.

So wie auch Indra Channtyal. Er stammt aus der westlichen Bergregion von Nepal in der Nähe von Pokhara. Bevor er nach Österreich kam, hatte er in seiner Heimat nur die Chance, von Gelegenheitsjobs zu leben. Ein Bekannter hatte ihm von den Möglichkeiten in Österreich erzählt. In den letzten zehn Jahren kam er zweimal jährlich, im Sommer und im Winter, um auf der Gjaidstation Alm in Obertraun zu arbeiten.

Dalai-Lama und Muttergottes

Dass hier Nepalesen arbeiten, ist schon auf den ersten Blick erkennbar: Von der Terrasse der Hütte wehen bunte Gebetsfahnen, in der Rezeption werden Gäste von einem Bild des Dalai-Lama begrüßt – direkt neben einem der Gottesmutter Maria.

Eine Saison dauert in der Regel vier bis fünf Monate. Normalerweise wird ein Pauschalbetrag für eine Saison, Versicherung, Unterkunft und Verpflegung bezahlt. Und jeder Arbeiter bekommt ein Privatzimmer.

Die diversen Aufgaben werden eigenverantwortlich in der Hütte geteilt. Indra kümmert sich hauptsächlich um die Küche, die Sauberkeit, und manchmal auch um das Servieren. Er unterhält dabei nicht nur die Gäste des Hauses, sondern kümmert sich auch darum, dass stets kühles Bier und starker Kaffee serviert werden können und die Gäste mit Informationen versorgt sind. Mit zwei weiteren Nepalesen und einer österreichischen Kollegin sorgt Indra dafür, dass der Betrieb in der Hütte reibungslos abläuft.

Manchmal, wenn die Seilbahn nicht in Betrieb ist, muss Indra den Berg zu Fuß hinaufgehen. „Für uns Hochlandleute ist das ein vertrautes Terrain. Wir brauchen nur halb so viel Zeit wie andere Menschen. Das ist für uns nicht störend oder beunruhigend.“

Die Motivation für die Arbeit in Österreich ist klar – man kann hier recht gut verdienen. „Das Geld, das ich in acht Monaten verdiene, ermöglicht mir, meine erweiterte Familie zu unterstützen und meinen Kindern, eine gute Schule in Nepal zu besuchen“, sagt Indra Channtyal. Und auch die Bedingungen sind besser als anderswo: „Hier wird unsere harte Arbeit nicht ausgenützt“, sagt Ang Doma. „In Österreich haben wir einen besseren Lebens- und Arbeitsstandard.“ Die Arbeitgeber wiederum sind begeistert von den nepalesischen Arbeitern, nicht nur wegen ihrer Widerstandsfähigkeit, Kompetenz und Erfahrung mit der Höhe. Sondern auch wegen ihrer Zuverlässigkeit.

120 nepalesische Arbeiter

Insgesamt ist die Zahl der nepalesischen Einwanderer in Österreich aber gering – gerade einmal 120 Personen weist die Statistik des Arbeitsmarktservice vom Jänner 2012 aus. Rund die Hälfte (genau 46,7 Prozent) sind in der Beherbergung und Gastronomie beschäftigt. Rund 18Prozent von ihnen arbeiten in Tirol, etwa 17Prozent in Salzburg. Den Großteil der Nepalesen, etwa 59Prozent, zieht es allerdings nach Wien. Und auch in andere Branchen als die Gastronomie, viele von ihnen sind im Gesundheits- und Sozialwesen tätig.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 30.05.2012)


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