International Refugee Conference Hamburg: „Wir müssen eine Lösung finden“

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11.03.2016 | 12:35 | Kerstin Kellermann

Von 26. bis 28. Februar 2016 fand in Hamburg die Internationale Flüchtlingskonferenz statt. Ein Ziel wurde erreicht: Gruppen haben sich stark vernetzt und sich nicht bevormunden zu lassen. Ein Bericht von Kerstin Kellermann.

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Männliche Flüchtlinge wären eben nicht geschlechtsneutral, Flüchtlingsfrauen keine „Refugee Clowns“ und Deutschland sollte sich endlich seiner kolonialistischen Vergangenheit stellen, erfuhren interessierte ZuhörerInnen auf der dreitägigen Refugee Conference im Hamburger Tanzquartier „Kampnagel“, die 2000 Flüchtlinge besuchten.

Pro Panel sitzen durchschnittlich zehn Flüchtlinge auf dem Podium

„Ihr alle solltet syrische Flüchtlinge nicht wie Kinder behandeln, wie jemand der hilflos und ein Opfer ist!“, ruft der syrische Aktivist aus Köln, der die Plattform „Syrer gegen Sexismus“ gegründet hat. „Diese Art des Verhaltens ist die Wurzel aller Probleme. Wir fahren zu den Organisationen und reden mit ihnen darüber.“ Flüchtlinge wären keine Kinder, sondern großteils Männer, aber eben nicht nur Männer, sondern auch Flüchtlinge. Im Gegensatz zu Kindern, die lieb sind und quasi geschlechtsneutral, wären viele Flüchtlinge eben männlichen Geschlechts. Es gälte, sie nicht zu verniedlichen bzw. altersmäßig zu verkleinern sozusagen.
Auf der Hamburger „Refugee Conference“, zu der um die 2000 TeilnehmerInnen angereist sind, geht es dicht auf dicht, Panel auf  Panel, Workshop auf Workshop. Pro Panel sitzen durchschnittlich zehn Flüchtlinge auf dem Podium. In der wunderschönen alten Fabrik auf Kampnagel ist auch genug Platz dafür. Kampnagel ist gewöhnlich ein Synonym für Tanzveranstaltungen, nun rauchen Gruppen von Flüchtlingen im Hof, bevölkern die große Eingangshalle mit den Aluminiumrohren oben an der hohen Decke und füllen den schwarzen Tanzsaal bis obenhin.
Dutzende ÜbersetzerInnen arbeiten fleißig. Der selbstbewußte Syrer redet noch gegen die Flüchtlingslager, die Camps, die schlecht für die Gemeinschaft wären. „Wir müssen damit umgehen und klar kommen“, sagt er. „Die Gemeinschaft und wir.“ Er wehre sich gegen die weit verbreitete Ansicht, dass ein Flüchtling jemand wäre, der weniger Gehalt bekommen will als Deutsche oder automatisch in einer Gegend leben möchte, „in der nur Ausländer leben“.  Applaus. Die Syrer, die auf der Konferenz auftreten, sind voller Energie und gewöhnt, in der Mitte der Gesellschaft zu leben. Sie wollen nicht plötzlich an den Rand der Gesellschaft. „Wir müssen eine Lösung finden“, betont er, „die vorherrschende Desintegration ist eine Verantwortung für alle, die Gemeinschaft und die Flüchtlinge“. Am Rande des Podiums steht eine deutsche Aktivistin und möchte dringend etwas zu Sexismus sagen.

Weigerung, ein „Refugee Clown“ zu sein

Es ist interessant zu beobachten, wie auf dieser Konferenz alte Strukturen und Traditionen aufbrechen. So wurde etwas abseits vom Geschehen ein Schutzraum für Frauen und Kinder eingerichtet, ein Haus, das von den Flüchtlingsfrauen nicht angenommen wird. Sie kommen in einer kleinen Demonstration in die Konferenz gelaufen, unterbrechen das Panel, stürmen das Podium und reden etwa neunzig Minuten über ihre Bedürfnisse und Ideen. „Wir wollen nicht abseits stehen, sondern unsere Stimmen hörbar machen“, ist der Tenor. Es wird schon seinen Grund haben, dass Flüchtlingsfrauen 2014 eine eigene Konferenz in Hamburg einberiefen, bei der nur Frauen und Kinder zugelassen waren (der Augustin berichtete). „Ihr müsst klar zu uns sein“, sagt eine Afrikanerin, „und uns auch sagen, wer ihr seid. Wir wollen nicht arm aussehen. Diese Schuld, die Schuldgefühle, die ihr oft mit euch herumtragt, erzeugt Rassismus. Ich will hier nicht den Clown spielen, den Refugee Clown!“ Applaus. Es gibt den „International Women Space“ in Berlin, die „Women in Exile“, die Bustouren organisieren, die 8. März Demo und noch immer wie schon 2014 den Aufruf sich zu melden, um isolierte Flüchtlingslager zu besuchen.
Anschließend zeigt der Maler Flatter Zenda eine Leinwand her, auf der vier Flüchlinge gemeinsam malten. Groß steht „Refugee Land“ darauf. Flatter bezieht sich auf die Künstler Banksy und Ai Wei Wei, im Foyer hängt eine Ausstellung von seiner Malerei. Eine syrische Flüchtlingsfrau sitzt neben dem großen Bild und deutet auf die einsamen Gestalten, die sie in den Wüstensand malte, „Das sind die leidenden Seelen derer, die…“. Sie wird unterbrochen.

Asylwerber aus Syrien arbeitete in der österreichischen Botschaft in Damaskus

„Deutschland hat den Togo kolonisiert, Namibia ebenfalls, überall dort, wo es Krieg gibt, herrschten die Kolonisatoren. Warum also können wir jetzt nicht nach Deutschland kommen? Es war nicht unsere Wahl und Entscheidung, das Deutschland zu uns kommt.“ Auf der Konferenz sind die größte Gruppe von Flüchtlingen „Sans Papiers“ aus Frankreich, die sich sehr gut artikulieren und einbringen. Ein schwarzer Junge mit Hut aus Dänemark mokiert sich über das seltsame „Refugee Land“ auf Kampnagel. „Hier kannst du es warm haben, hier kannst du Nahrung bekommen, während Deutschland im Sudan Kriminelle unterstützt“, sagt er laut. Die jungen Männer, die aus dem großen Flüchtlingslager in der Schnackenburgallee  kommen, dem Erstaufnahmelager auf dem Parkplatz des Fußballvereins HSV, sitzen mit Kapuzen über den Köpfen, in ihre Jacken gehüllt und sind leise. Sie sind erschöpft. In Teilen der Wohncontainer läuft die Heizung schon wieder nicht. „Die Behörde hat die Zelte weggepackt“, erzählt ein Syrer, der jahrelang in der österreichischen Botschaft in Damaskus arbeitete, „nun wohnen wir eng, überfüllt und aufeinander gepackt“. In den Zelten gab es mehr Platz. Während die kanadische Botschaft ihre syrischen Mitarbeiter aus Damaskus rettete, fiel das den Österreichern trotz Aufforderung nicht ein. Sie ließen ihre Angestellten im Kriegsgebiet zurück. Als sich später ein syrischer Kaufmann bei dem „deutschen Volk, das mehr gegeben hat, als es besitzt“ bedankt, läuft der ehemalige Botschafts-Mitarbeiter auf die Bühne und winkt mit den Händen. Bitte sofort aufhören mit dieser Dankesrede.

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