Internationalität als Fremdwort an den Unis

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02.12.2009 | 15:38 | Marion Guerrero

Wer aus einem Nicht-EU-Land zum Studium nach Österreich kommt, muss mit großem bürokratischem Aufwand rechnen. Dadurch wird der kulturelle Austausch enorm erschwert – auch für Österreicher.

Es tut sich was. Seit einem Monat protestieren Studierende in Österreich gegen die heimische Bildungspolitik. Auch in anderen Ländern sprießt der Widerstand: Über Facebook, Twitter und Blogs sind die Studierenden weltweit miteinander verbunden. Damit ist den Audimax-Besetzern gelungen, was die österreichische Politik immer wieder einfordert: die globale Vernetzung der Hochschulen.

„Leider gibt es in der Politik einen eklatanten Unterschied zwischen Reden und Tun“, sagt Barbara Sporn, Vizerektorin der WU Wien. „Das Bekenntnis zur Internationalität ist da, aber die Gesetze schauen anders aus. Es wird internationalen Studierenden sehr schwer gemacht, nach Österreich zu kommen.“

Besonders Studenten aus Nicht-EU-Ländern kämpfen sich durch einen regelrechten Bürokratiedschungel, um hier die Uni besuchen zu können. Sie müssen etwa Deutschkurse absolvieren und drei Monate vor ihrer Ankunft bereits einen Mietvertrag in der Tasche haben. Arbeiten in Österreich ist für ausländische Studierende kaum möglich; trotzdem müssen sie jedes Monat mindestens 426,57 Euro am Konto nachweisen, um in Österreich bleiben zu dürfen.

Auch wenn in den letzen Jahren europazentrierte Programme wie Erasmus ausgebaut wurden – Austauschmöglichkeiten mit nichteuropäischen Ländern werden kontinuierlich gekürzt. „Der Bedarf ist wesentlich höher als die Mittel, die zur Verfügung stehen“, sagt Elke Stinnig vom Österreichischen Austauschdienst. Sie kritisiert das strenge Auswahlverfahren für ausländische Studierende, das sich nicht nur an Leistung, sondern vor allem an der Heimatbindung orientiert: „Wenn jemand nicht nachweisen kann, dass zu Hause nach dem Studium ein fixer Arbeitsplatz auf ihn wartet, hat er wenig Chancen, überhaupt einreisen zu dürfen.“

Auf eine Stelle in Österreich zu spekulieren ist so gut wie aussichtslos: „Über 90Prozent der Absolventen gehen zurück in ihre Heimatländer. Es ist extrem schwierig, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, von einer Arbeitsbewilligung ganz zu schweigen.“

Ein guter Teil der Studienplätze und Stipendien für Studierende aus Nicht-EU-Ländern wird aus Entwicklungshilfegeldern finanziert. Stinnig: „Diese Programme haben einen anderen Charakter als zum Beispiel Erasmus. Es geht vor allem um Wissenstransfer, darum, die Herkunftsländer zu unterstützen, indem man Studierende bei uns ausbildet und dann wieder nach Hause schickt.“

In den USA – ein Land, das gerne als Beispiel für gelungene Uni-Politik herangezogen wird – diskutiert man das Thema anders. Kulturelle Vielfalt gilt nicht als Entwicklungshilfe, sondern als wünschenswerter Bestandteil der Hochschulbildung. Schon 1978 stellte der amerikanische Oberste Gerichtshof fest, dass Studierende mit unterschiedlichen ethnischen Hintergründen einen „robusten Ideenaustausch“ ermöglichen würden. Insofern sei es ein legitimes staatliches Ziel, Diversität an der Universität herzustellen.

„Nicht im eigenen Saft köcheln“

Sporn sieht das ähnlich: „Österreichische Studierende profitieren enorm von ausländischen Kollegen. Jemand, der mit einer Chinesin, einem Ukrainer und einer Japanerin ein Projekt umsetzt, eignet sich automatisch kulturelles Verständnis und soziale Kompetenz an. Außerdem wird so die Lehrveranstaltung spannender und bunter – das ist besser, als im eigenen Saft zu köcheln.“

Um im Bildungswettbewerb mithalten zu können, müssten sich österreichische Universitäten für ausländische Studierende attraktiv machen – nur so könne man die klügsten Köpfe bekommen. „Die Entscheidung, wer in Österreich studieren darf, sollte nicht die Politik durch restriktive Gesetze, sondern die Universitäten selbst treffen,“ so Sporn.

Ein internationales Umfeld an der Universität spiegelt auch den gegenwärtigen Arbeitsmarkt wider, erklärt Sporn: „Unternehmen suchen nach international kompetenten Mitarbeitern. Und ausländische Studierende können zukünftige Handelspartner sein; die Netzwerke, die so entstehen, sind sehr wertvoll.“ Derzeit sind es vor allem die Audimax-Besetzer, die diese Lektion umsetzen.

 

AUF EINEN BLICK

Ausländische Studierende aus Nicht-EU-Staaten müssen in Österreich große Hindernisse überwinden. Austauschprogramme wie Erasmus gibt es kaum, Auswahlverfahren berücksichtigen nicht nur die Leistung.

 

(MARION GUERRERO, “Die Presse”, Print-Ausgabe, 02.12.2009)


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