Jobsuche: Diskriminierung ist allgegenwärtig

30.11.2011 | 11:38 | Ania Haar

Migranten klagen, dass sie bei der Jobsuche schon allein wegen ihrer Herkunft benachteiligt werden. AMS Wien will sich um diese Gruppe verstärkt kümmern, das Sozialministerium plant sogar eine eigene Studie.

Wien. „Sehr geehrter Herr Barghigir, danke für Ihre Bewerbung, wir haben schon jemanden gefunden.“ Eine Absage, so wie viele? Nicht ganz, denn Parastoo Barghigir ist in Wirklichkeit eine Frau. Und die gebürtige Perserin glaubt deswegen, dass ihre Bewerbung gar nicht erst gelesen wurde. Allein schon, weil ihr Name ausländisch klingt.

Wie häufig Migranten bei der Jobsuche wegen ihrer Herkunft benachteiligt werden, lässt sich empirisch bisher nicht sagen. Denn bis dato erhob das AMS nur die Staatsbürgerschaft der Jobsuchenden, nicht aber ihre Herkunft. Das ändert sich aber bald – ab 1.Jänner 2012 sollen alle Menschen mit Migrationshintergrund beim AMS gezielt betreut werden.

Einige der geplanten Maßnahmen: Ausbildungen mit Lehrabschluss sollen in Modulen absolviert werden können, um Arbeitslosigkeitsphasen sinnvoll zu nutzen. Deutschkurse sollen mit Konversationskursen gekoppelt werden. Und bei der Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse soll es auch mehr Hilfe geben. 2012 sind beim AMS Wien für diese Maßnahmen zwei Millionen Euro vorgesehen.

Webdesign für Textildesigner

Für Menschen wie Parastoo Barghigir sollen damit leidvolle Erfahrungen künftig ausbleiben. Die gebürtige Perserin hat derer schon einige gemacht. Der Absolventin einer Schule für Textildesign wurde beim AMS vorgeschlagen, sich zur Webdesignerin umschulen zu lassen. Nach der Umschulung erfuhr sie aber, dass Webdesigner nicht mehr gebraucht würden.

Jobangebote bekam sie in der Folge nur wenige. „Für Teilzeit und geringfügig wird man immer genommen“, sagt sie. Ein adäquater Job ist nicht drin. Das weiß man auch beim AMS. „Da der ökonomische Druck bei Migranten oft höher als bei Inländern ist, nehmen sie auch Jobs auf, die unter ihrem Qualifikationsniveau sind“, sagt Sebastian Paulick, Sprecher des AMS Wien.

„Oft bekommt man nicht einmal eine Antwort auf die Bewerbung“, bedauert Barghigir, „oder man hört, die Stelle wäre vergeben, aber das Inserat läuft weiter.“ Daran änderte auch die österreichische Staatsbürgerschaft nichts. „Bewusste Diskriminierung ist sicher nicht die Regel“, meint AMS-Sprecher Paulick, „aber gerade bei Jugendlichen beobachten wir oft, dass eine Bewerbung von Ahmed schneller zur Seite gelegt wird als eine von Peter.“

Dass Menschen mit Migrationshintergrund in den Arbeitsmarkt integriert werden sollen, um durch Leistung etwas aufzubauen und somit einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten, wie Staatssekretär Sebastian Kurz kürzlich verkündet hat, kann Barghigir nicht mehr hören. „Das hat nichts mit der Realität zu tun.“ Das höchste Gehalt für einen 40-Stunden-Job sei bei 1200 Euro gelegen. Damit könne man doch nichts aufbauen, meint sie.

Sie zog letztlich daraus eine Konsequenz. „Ich bin in die Selbstständigkeit gedrängt worden“, sagt sie. Vor eineinhalb Jahren hat sie ein Geschäft mit Antiquitäten eröffnet. „Ich habe auch schon Stammkunden, die von weit her kommen“, erzählt sie stolz, „und sie verhalten sich mir gegenüber ganz anders als damals, als ich bei der Kassa gesessen bin.“

Studie zu Diskriminierung

Barghigir hat es nun leichter – sie muss nicht mehr nach Arbeit suchen. Viele andere Menschen mit Migrationshintergrund sind aber weiter auf der Suche. Und müssen wohl auch mit Diskriminierungserfahrungen rechnen. Wie schlimm die Lage tatsächlich ist, das soll nun aber auch empirisch geklärt werden. Im Sozialministerium plant man, eine eigene Diskriminierungsstudie durchführen zu lassen.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 30.11.2011)


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