Jugendbanden: „Hysterie sucht Sündenböcke“

Hysterie - ©flikr.com/Manticore

25.03.2009 | 19:50 | Clara Akinyosoye

Experten erklären, welche Faktoren Jugendliche zu Straftätern machen und welche vor allem in der öffentlichen Debatte meist vernachlässigt werden.

WIEN.Wenn es um junge Migranten in Österreich geht, ist oft die Rede von kriminellen Jugendbanden. Realität oder doch nur ein Stereotyp?

Ali Gedik ist seit 16 Jahren Jugendarbeiter bei Back on Stage Favoriten (Verein Wiener Jugendzentren) und hat tagtäglich mit jungen Migranten zu tun. Für ihn beruht das Bild des kriminellen Migranten zum größten Teil auf Vorurteilen. „Natürlich habe ich Jugendliche erlebt, die Gewalt ausüben, aber das sind Einzelfälle und kein Gesamtbild.“

„Böse Türken und Jugos“

Medien schreibt er bei der Entstehung bzw. Bekräftigung solcher Vorurteile eine bedeutende Rolle zu. Jugendkriminalität soll keinesfalls unter den Tisch gekehrt werden, doch Journalisten müssten sich mehr mit der Frage beschäftigen, wie über dieses Problem berichtet wird.

Nikolaus Tsekas, Leiter von „Neustart Wien 2“, einer Organisation zum Opferschutz und zur Täterhilfe, ortet eine „allgemeine Hysterie“, die von gewissen Medien zum Teil „gemacht“ und verstärkt werde. Als Folge davon würden Menschen mit bestimmtem Migrationshintergrund zu Sündenböcken erklärt. Dann sei schließlich von den „bösen Türken oder Jugos“ die Rede.

In der öffentlichen Debatte werden die unterschiedlichen psychosozialen Faktoren, die das Phänomen der Jugendkriminalität begleiten, außerdem häufig ausgeklammert. Die Ursachen für kriminelle Handlungen sind vielfältig und komplex. Sie hängen von Umgebung, Bildung und individuellen Aussichten der Betroffenen ab – nicht von deren Nationalität oder der ihrer Eltern. Nicht selten handelt es sich bei jugendlichen Straftätern um Kinder aus Familien unterer sozialer Schichten.

„Zudem kann es bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund angesichts der Pauschalierungen, die ihren nationalen oder religiösen Hintergrund betreffen, zu einem Gefühl kommen, ausgegrenzt zu sein“, sagt Gedik. Die Ausgrenzungspolitik, die im Kampf um Wählerstimmen alle Jahre wieder betrieben wird, wird bei den betroffenen Migranten kaum zu einem positiven Identitätsgefühl als Teil der österreichischen Gesellschaft beitragen.

Lösungen statt Stigmatisierung

Wenn ein Bewerbungsgespräch eines Jugendlichen nur solange positiv verläuft, bis dieser seinen Nachnamen genannt hat, kommt bei ihnen Frustration und das Gefühl auf, benachteiligt zu werden, so Tsekas. Solche Erlebnisse werden vom Gros der Migranten jedoch „konstruktiv verarbeitet“, indem sie lernen sich „durchzubeißen“, erklärt er.

Andere wiederum resignierten oder wiesen auf ihre schlechte Situation hin, manchmal mit Gewalt. Das treffe allerdings ebenso auf österreichische Jugendliche zu, die etwa keine Lehrstelle finden.

Egal, ob sie einer Minderheits- oder Mehrheitsgesellschaft angehören.“ (CLARA AKINYOSOYE)

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 25.03.2009)


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