Kindergarten: Mehr Sprachen für mehr Chancen

Ein Kindergarten in Wien - ©Farzad Dadgar

28.01.2011 | 16:22 | Karim Khattab

In mehreren Kindergärten wird die Mehrsprachigkeit der Kinder als Vorteil gesehen und auch aktiv gefördert. Im täglichen Umgang mit den geschulten Pädagogen erlernen die Kinder die Sprache schnell.

Wien. Sprachbildung beginnt nicht erst in der Schule. Viel Pionierarbeit für das weitere Leben und die Karriere wird schon im Kindergarten geleistet. Für die rund 65.000Kinder im Kindergartenalter, die in Wien leben, ist also ein entscheidender Faktor, dass schon hier die Weichen für die Zukunft gestellt werden. Gerade auch, weil viele Kinder von daheim eine andere Muttersprache als Deutsch mitbekommen haben.

Geht es nach Emina Andric vom multikulturellen Kindergarten „Medina“, ist die Muttersprache im Kindergarten aber ohnehin sekundär: „Es geht darum, den Kindern eine gegenseitige Wertschätzung zu vermitteln, dabei ist es egal, aus welchem Land man kommt oder welcher Religion man angehört. Der Mensch steht im Mittelpunkt, nicht seine Herkunft.“

Der Kindergarten im 15. Bezirk ist einer von insgesamt fünf privaten Kindergärten, die die aus Ägypten stammende Pädagogin Suer Abdaa mit ihrem Verein „Donya“ gegründet hat. „Es geht uns um aktive Sprachförderung und einen gelebten Kulturaustausch“, sagt Ali Abdaa, rechte Hand und Sohn der Gründerin.

Der Eigentümer des Hauses, in dem sich der islamisch geprägte Kindergarten befindet, ist die Israelitische Kultusgemeinde – und doch ist es das Normalste der Welt, wenn viermal in der Woche eine ausgebildete Islampädagogin die Kinder dort besucht, um ihnen Geschichten aus dem Koran zu erzählen. „Die Kinder sollen selbst einzuschätzen wissen, was das denn ist: ,Religion‘“, betont Abdaa. Auch die Herkunft christlicher Bräuche und Feste wird den Kleinen erklärt. „Von klein auf sollen sie so lernen, die Vielfalt zu schätzen, und sich später in der Schule nicht wegen Herkunft, Religion oder Hautfarbe gegenseitig beleidigen. Kinder sind Wanderer, die nach dem Weg fragen“, beschreibt Emina Andric ihre Arbeit. Die Sprache, die alle verstehen, ist Deutsch.

Positive Zweisprachigkeit

Mit Deutsch als Muttersprache wachsen zwar nur vier der derzeit 46 Kinder des städtischen Kindergartens in der Rosa-Luxemburg-Gasse auf, „aber ihre Zweisprachigkeit ist eine zusätzliche Qualität, kein sogenannter Migrationshintergrund“, glaubt Leiterin Gabriela Kernstock. „Bei den Einschreibungen habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich die Mehrheit der Eltern selbst als Österreicher sieht und auch so wahrgenommen werden möchte.“ Deshalb sei das natürliche Erlernen der deutschen Sprache die Hauptmotivation für sie, ihre Kinder in den Kindergarten zu schicken.

„Kinder haben eine außerordentlich hohe Sprachkompetenz, sie sind unheimlich wissbegierig und Neuem gegenüber aufgeschlossen.“ Deshalb sollen die Kinder auch die Sprachen kennenlernen können, die zu Hause in den anderen Familien gesprochen werden. So gibt es eine Kommode mit Büchern in fast allen Sprachen der Kinder. Eine Hörspielsammlung mit Geschichten in verschiedenen Sprachen kommt dann zum Einsatz, wenn sich gerade niemand zum Vorlesen findet.

Hin und wieder vermischten die Kinder ihre Sprachen zwar auch, aber das sei nur vorübergehend, erklärt Gabriela Kernstock. „Die Kinder wissen, welche Sprache sie sprechen. Und sie lernen gleichzeitig auch die Sprachen der anderen Kinder kennen.“ Völlig selbstverständlich kämen dann Sätze wie: „Ich spreche Deutsch und Serbisch“, aber auch Sätze wie: „Toll, wenn ich das bloß könnte!“ „Ich habe großen Respekt davor, wie schnell die Kinder, aber oft auch die Mütter die Sprache erlernen“, meint Kernstock. „Ich könnte das wohl nicht.“

„Im Umgang mit Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen ist manchmal eine besondere Sensibilität gefragt“, sagt Margit Tauber, Bereichsleiterin der Wiener Kinderfreunde. Seit drei Jahren bietet der Verein spezielle Seminare an, um die Kollegen gezielt für die Sprachförderung im Kindergarten zu schulen. Einige Mitarbeiter des Kindergartens in der Schwendergasse besitzen selbst einen vielfältigen kulturellen Hintergrund, was bei Kindern und Eltern schnell zusätzliches Vertrauen schafft. Aber auch die Eltern werden mit Seminaren wie „Mama lernt Deutsch“ stark in die Sprachförderung eingebunden. „Wir können alle nur voneinander lernen“, meint Tauber.

Keine Grüppchenbildung

Der Kindergarten in Rudolfsheim-Fünfhaus hat in seinen Gruppen eine besonders hohe Mischung an Nationalitäten und Muttersprachen. Diese Vielfalt kann sich sogar als gewisser Vorteil erweisen, wie die Leiterin des Kindergartens, Christa Verdi, feststellt: „Es gibt bei uns gar nicht erst die Möglichkeit der Grüppchenbildung. Allein schon wegen unserer großen Mischung bleibt den Kindern fast nichts anderes übrig, als miteinander Deutsch zu sprechen.“

Im täglichen Umgang mit den geschulten Pädagogen, mit ehrenamtlichen Vorlesern und im ständigen Miteinander erlernen die Kinder die Sprache schnell wie von selbst, ob mit Musik, Bilderbüchern oder beim gemeinsamen Spielen. Wenn sich einmal größere Schwierigkeiten mit der Sprache ergeben, steht jeder Gruppe im Kindergarten zudem ein eigener Computer zur Verfügung. Hier haben die Kleinen dann die Möglichkeit, ihr Sprachwissen spielerisch selbst zu verbessern. Am erfolgreichen Ende eines Spiels winkt den Kindern dann das „Schlaumäuse-Abzeichen“ für besonders gute Sprachkenntnisse. Eine Auszeichnung, die motivieren soll, auch in Zukunft Mehrsprachigkeit als einen Vorteil zu sehen.


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