Mahmut Dilbagi: Ziegel auf Ziegel und bei jedem Wetter

04.09.2012 | 19:20 | Serkan Tektas

Mit zwölf verließ Mahmut Dilbagi sein Dorf. Seit 22 Jahren arbeitet er in Österreich auf dem Bau. Fünfter und letzter Teil der Serie über Karrieren mit Migrationshintergrund.

Steyr. Auf der Baustelle in Steyr geht es hektisch zu. An diesem heißen Sommertag arbeitet dort der Kurde Mahmut Dilbagi gemeinsam mit seinen Arbeitskollegen in schnellem Tempo, um den Auftrag noch rechtzeitig zu beenden.„In meinem ganzen Leben habe ich beim Bau vieler Gebäude mitgewirkt, die genaue Anzahl kenne ich jedoch nicht“, sagt Dilbagi und zeigt auf das noch nicht fertiggestellte Gebäude, an dem außer ihm noch vier Migranten arbeiten.

„Die Arbeitsbedingungen eines Bauarbeiters sind hart. Wir müssen sowohl bei Hitze als auch bei schlechtem Wetter meistens draußen arbeiten“, erzählt der 56-jährige Maurer. Trotz seines Alters arbeitet er bis zu zwölf Stunden pro Tag und verrichtet schwere körperliche Arbeit. Und diese ist und bleibt auf einer Baustelle trotz Arbeitsschutzmechanismen und Sicherheitsvorkehrungen gefährlich. Körperliche Belastung und permanenter Lärm verursachen unterschiedlichste Berufskrankheiten. Die Witterungsabhängigkeit der Arbeit im Baugewerbe bringt weitere Schwierigkeiten mit sich. „Es kommt vor, dass wir bei länger andauernder Kälte im Winter bis zu vier Monate nicht arbeiten können.“ Der Lohnausfall führt dann nicht nur zu finanziellen Schwierigkeiten, sondern auch zu Problemen mit der Aufenthaltsgenehmigung. So wird Dilbagi auch dieses Jahr, wie viele andere Bauarbeiter, in den Wintermonaten als arbeitslos gemeldet sein.

Ruhestand in der alten Heimat

Mahmut Dilbagi verließ sein Dorf im Osten der Türkei gleich nach der Volksschule und ging nach Istanbul, wo es viel mehr Möglichkeiten gab. Dort lernte er den Beruf des Maurers, womit er heute noch sein Geld verdient. In den 1980er-Jahren nahm er einen Job als Bauarbeiter in Libyen an. Und seitdem arbeitet er im Ausland. Nach zwei Jahren Aufenthalt in Libyen verbrachte er fünf Jahre in Deutschland. Danach führte ihn sein Weg nach Österreich, wo er seit mittlerweile 22 Jahren lebt. Anfangs lebte er allein, seine Frau zog erst 2002, als die Kinder ihre eigenen Wege gingen, nach Österreich. Inzwischen fühlen sich Mahmut Dilbagi und seine Frau im Mühlviertel in Oberösterreich zu Hause. Da Kinder und Enkelkinder in der Türkei leben, planen er und seine Frau in der Pension, in die Türkei zurückzukehren.

Die Bauwirtschaft gehört neben der Gastronomie schon seit Beginn der Arbeitsmigration vor 50Jahren zu den Branchen mit den höchsten Anteilen an Migrantenbeschäftigung. Während nur sieben Prozent der Menschen mit österreichischer Staatsbürgerschaft im Bauwesen tätig sind, ist der Anteil der Menschen ohne österreichische Staatsbürgerschaft fast doppelt so hoch.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 05.09.2012)


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