Netzwerke von Migranten gegen Diskriminierung am Wohnungsmarkt

Wohnungsmarkt - ©flickr.com

20.08.2012 | 15:26 | Ania Haar

Nicht nur die Sprachbarriere macht Migranten auf dem Weg zu den eigenen vier Wänden in Österreich zu schaffen. Wie es ihnen trotzdem gelingt.

Wien – Migranten haben es bei der Wohnungssuche schwer. Mangelnde finanzielle Ressourcen und der Migrationshintergrund sind hier im Spiel, die Entwicklung von sozialen Netzwerken ist oft eine Alternative zu etablierten – schwer zugänglichen – Angeboten. Menschen, die noch sehr traditionell leben, stehen vor Herausforderungen auf dem Immobilienmarkt, meint Thomas Malloth, Obmann des Fachverbands der Immobilientreuhänder der WK Österreich. „Man muss unterscheiden, über welche Gruppen mit Migrationshintergrund man spricht“, fügt er hinzu. Nach Malloths Erfahrung gebe es grundsätzlich drei Gruppen, die auf dem Immobilienmarkt suchen: eine, die noch sehr in der Tradition ihres Herkunftslandes verwurzelt ist; ein „Durchstarter-Milieu“, das großen Wert auf Statussymbole legt und sich wenig von den Österreichern unterscheidet, und schließlich diejenigen, die „bikulturell“ sind.

Netzwerke und Mundpropaganda

Ein Selbstversuch auf dem Wiener Brunnenmarkt: „Brauchst du eine Wohnung, warte“, ein älterer türkischer Verkäufer greift zu seinem Handy, unterhält sich kurz und rückt eine Telefonnummer heraus. „Den rufst du an, er weiß mehrere Wohnungen“, erzählt er ganz stolz. Ein anderer Verkäufer möchte mit der Suche schon wesentlich detaillierter helfen: In welchem Bezirk und welche Wohnungsgröße sollte es sein? Er telefoniert mit mehreren Personen und gibt die Handynummer einer Kontaktperson weiter. Diese Vorgehensweise ist für Rudolf Giffinger, Professor am Department für Raumentwicklung, Infrastruktur- und Umweltplanung an der TU Wien, nicht überraschend: Rund um den Brunnenmarkt fanden Aufwertungsprozesse auch im Baubestand statt, die Änderungen der Einwohnerstruktur und der Wohnungspreise zur Folge haben. „Deshalb ist die Wohnungssuche hier nicht gerade leichter geworden“, sagt Giffinger, „und umso wichtiger sind allgemein auch solche Netzwerke.“

Zu beachten ist, dass „die Wohnungssuche von Migranten sehr differenziert ist, denn sie haben ganz unterschiedliche Erfahrungen. Hinzu kommt, dass beispielsweise die zweite oder dritte Generation schon einen anderen Zugang zum Wohnungsmarkt als die erste hat“, erzählt Giffinger. „Menschen aus neuen EU-Beitrittsländern stehen besser da als zum Beispiel türkische oder ex-jugoslawische Zuwanderer.“ Mitte der 1990er-Jahre waren besonders jugoslawische Flüchtlinge benachteiligt. „Polen in Wien hingegen waren schon immer sehr gut organisiert und haben eigene Netzwerke entwickelt“, erzählt Giffinger, „insbesondere in den 1980er-Jahren, als viele Polen immigriert sind, war das gut sichtbar.“ Und das sei heute immer noch so. In den polnischen Geschäften am Rennweg trifft das Angebot auf die Nachfrage: nämlich am Schaufenster. Wer eine Wohnung anzubieten hat, klebt einen Zettel aufs Fenster. Die meisten Wohnungsangebote und Suchanfragen sind in polnischer Sprache verfasst, selten findet man hier Angebote von Maklern.

Mundpropaganda dominiert in der Black Community. Bei der Wohnungssuche unterstützen sich Schwarze untereinander sehr intensiv. „Für uns ist die Wohnungssuche besonders schwierig“, erklärt Habiboulah Bakhoum, Vorsitzender von African Business Board, das rund 600 Unternehmer mit afrikanischer Herkunft in Wien vertritt. Deshalb haben Schwarze unzählige Netzwerke, sowohl in privaten als auch in Geschäftskreisen, entwickelt. „Wenn wir wissen, dass etwas frei wird, erkundigen wir uns vorab und sprechen auch bei Bedarf vor“, sagt Bakhoum. Die Nachfrage ist jedenfalls da. „Das African Business Board hat über eine Tätigkeit in dieser Branche bereits nachgedacht“, erzählt Bakhoum, „und hat vor, in diese Richtung tätig zu werden.“

Forschungsbedarf gegeben

Tatsache ist, dass es zum Thema Migranten auf Wohnungssuche kaum Forschungsergebnisse gibt. „In der Sozialforschung sind die Migranten immer noch eine eher vernachlässigte Gruppe“, sagt Gert Feistritzer, Projektleiter beim Institut für empirische Sozialforschung in Wien, das 2010 im Auftrag der AK-Wien eine Studie über die Zufriedenheit mit Maklern durchführte. Migranten wurden auch in dieser nicht gesondert ausgewertet. Dennoch: „Es wäre interessant zu wissen, wie Migranten eine Wohnung suchen und welche Probleme sie dabei haben – vor allem auch jene, die schlecht Deutsch können“, meint Feistritzer.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 18.08.2012)


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