Migranten haben Feindbild-Status satt

default

11.11.2009 | 15:14 | Nasila Berangy

Integrationsexperten sehen genau in der ablehnenden Haltung gegenüber Migranten ein Hindernis für die Integration. Es fehle die grundsätzlich positive Einstellung, innerhalb derer man auch Probleme besprechen kann.

Eigentlich ist es ein Problem, dass du da bist. Eigentlich wollten wir dich nicht. Jetzt bist du aber da, jetzt schauen wir, wie wir damit umgehen.“ So schätzt Soziologe Kenan Güngör die momentane Grundstimmung zur Integration über weite Teile in Österreich ein.

Vielleicht mit ein Grund, warum sechs von zehn der türkischen Befragten der aktuellen Studie des Gfk-Instituts „Integration in Österreich“ sagen, sie haben schlechte Erfahrungen mit der Mehrheitsgesellschaft gemacht. Umgekehrt geben „nur“ 20Prozent der autochthonen Österreicher an, mit Muslimen negative Erfahrungen gemacht zu haben.

„Der Rassismus äußert sich Tag für Tag. Schau dir die Wände an“, sagt Hikmet Kayahan. Er hat jahrelang Menschen, die mit Rassismus konfrontiert waren, beraten. Und aus seiner Arbeit weiß er, was etwa rassistische Beschmierungen an Hauswänden auslösen können: „Wenn du immer als Feindbild dargestellt wirst, fragst du dich irgendwann: Was will ich von denen?“

Mehrheit gut integriert

Gfk-Politikchef Peter Ulram, der im Auftrag des Innenministeriums die Studie durchgeführt hat, kann verstehen, dass zum Teil so reagiert wird. Doch Migration sei nun einmal eine Tatsache, so Ulram. Selbst wenn sich Migranten zu Recht ungerechtfertigt behandelt fühlen, helfe es nicht, sich nicht auf die Gesellschaft einzulassen, „weil sie Teil dieser Gesellschaft sind“. Genauso müssten viele in der Mehrheitsbevölkerung lernen, dass die österreichische Gesellschaft nicht mehr dieselbe wie vor 20 Jahren sei.

Dass jeder zweite Migrant fehlende Aufstiegs- und Bildungschancen sieht, ist ebenfalls ein Ergebnis der Studie – und für Ulram ein weit gravierenderes Problem. Die Studie zeige aber auch Erfreuliches: Die Mehrheit der Migranten fühlt sich gut integriert und hat nicht nur berufliche Kontakte zur Mehrheitsbevölkerung.

Dass Migranten sich zu Österreich als Heimat bekennen, werde ihnen allerdings häufig nicht allzu leicht gemacht, meint Güngör – wegen der Ablehnung, die ihnen entgegenschlägt: „Es muss zuerst in der Gesellschaft bekannt sein, dass ich ein Teil davon bin, damit ich mich auch dazu bekennen kann.“ Während es in Österreich an Anerkennung fehle, hat etwa Deutschland eine Initiative gestartet und gesagt: Danke, dass du dieses Land mitunterstützt hast.

Güngör erklärt das Beispiel der Anerkennung exemplarisch: „Wenn jemand mitgeholfen hat, dein Haus aufzubauen, sagst du Danke. Und dann kann man auch sagen: Aber diese Ecke hier ist nicht so gut gelungen.“

Lange Zeit habe man miteinander gar nicht geredet und nebeneinander gelebt. In den Medien beispielsweise seien Migranten lange gar nicht vorgekommen, weder positiv noch negativ. Jetzt ist der Moment, in dem man zunehmend erkennt, dass diese Menschen Teil dieser Gesellschaft sind. Jetzt fängt die Debatte darüber an.

Man könne, so Güngör, „darüber diskutieren, ob die Inhalte so stimmen oder nicht“, aber immerhin, allein die Diskussion sei schon ein Zeichen der Weiterentwicklung. Er hätte sich nur gewünscht, „dass man von Anfang an sagt, wir wollen zusammenleben und jetzt diskutieren wir, wie das gehen soll“.

Dass die Diskussion oft einseitig verläuft, würden schon die Bilder von Türken zeigen, die in den Köpfen der Mehrheitsgesellschaft zu finden sind: Nationalratsabgeordnete Alev Korun etwa kann ein Lied davon singen: „Ich höre oft: ,Sie schauen gar nicht aus wie eine Türkin.‘“ Denn sie trägt kein Kopftuch, ist der deutschen Sprache mächtig, und – ein weiterer wesentlicher Grund – sie ist Akademikerin. Solche Türken würden nicht ins „typische Bild“ des Türken passen, so Korun.

Macho-Attitüden

Dieses Bild des „typischen Türken“ würde auf Dauer jene frustrieren, die gar nicht so sind. Und gleichzeitig auch jene einschränken, die zwar diesem Bild entsprechen, aber sich aus dieser Rolle emanzipieren wollen.

Doch was ist mit den türkischstämmigen Burschen, die bei Fernsehreportagen in die Kamera erzählen, wie sie es einmal mit ihren zukünftigen Kindern handhaben würden – der Sohn dürfe alles, die Tochter nicht? Eine Frage der Bildung, meint Korun – je gebildeter und je erfolgreicher im Beruf, desto weniger hätten es Männer nötig, sich durch derartige Macho-Attitüden zu beweisen und sich über ihre Männlichkeit zu definieren. „Wenn wir es schaffen, die Töchter solcher Männer in die Gesellschaft zu integrieren, dann werden sie ihnen Konter geben.“

In ein ähnliches Horn stößt auch Kayahan: „Es geht nicht um Ethnien, sondern um soziale Schichten.“ Es gebe Gruppen, die schlecht ausgebildet, sexistisch, homophob und nationalistisch sind, „aber das ist unabhängig von der ethnischen Zugehörigkeit“. Die Frage müsse sein: „Was sind verbindliche Spielregeln, an die sich alle zu halten haben, und welche Perspektiven biete ich denjenigen, die es offenbar noch notwendiger haben als andere?“

Gute Ausbildung am wichtigsten

Allerdings: Vor allem männlichen Jugendlichen falle es schwer, sich auf die neue Gesellschaft einzustellen. Doch selbst in dieser Gruppe herrscht laut der Gfk-Studie mit großer Mehrheit die Meinung vor, dass die Beherrschung der Landessprache und eine gute Ausbildung Grundvoraussetzungen sind.

 

AUF EINEN BLICK

Studie: Im Auftrag des Innenministeriums erhob das Meinungsforschungsinstitut Gfk unter anderem die Einstellungen türkischstämmiger Österreicher. Dabei gaben sechs von zehn an, dass sie bereits schlechte Erfahrungen mit der Mehrheitsbevölkerung gemacht haben.

Erkenntnis: Integrationsexperten sehen genau in der ablehnenden Haltung gegenüber Migranten ein Hindernis für die Integration. Es fehle die grundsätzlich positive Einstellung, innerhalb derer man auch Probleme besprechen kann.
Zu oft würden Diskussionen einseitig und mit Klischeebildern verlaufen.

 

(NASILA BERANGY, “Die Presse”, Print-Ausgabe, 11.11.2009)


Kommentieren Sie den Artikel





Weitere Artikel von Nasila Berangy