Migranten im Alter: „Geplant war das nicht“

Arbeitsmigrantinnen in Villach - © Initiative Minderheiten
KURZ:
  • Ältere Migranten. Laut Statistik Austria lebten im vergangenen Jahr in Österreich 191.700 Zuwanderer der ersten Generation und 29.700 der zweiten Generation, die 60 Jahre alt oder älter waren. Mit dem Älterwerden in der Migration beschäftigt sich auch das Buch „Nach der Gastarbeit“ (Braumüller Verlag) von Christoph Reinprecht.

15.02.2012 | 12:09 | Ania Haar

Andrzej Wasiak wollte ursprünglich nur für kurze Zeit nach Wien kommen, um etwas Geld zu verdienen und sich in seiner Heimat Polen eine neue Existenz aufzubauen. Aber es kam alles anders als geplant.

Wien. „Ich hätte noch einiges zu tun“, sagt Andrzej Wasiak (Name geändert), „nur brauchte ich jemanden mit zwei gesunden Augen.“ Dem 78-Jährigen sieht man sein Alter nicht an. Er könnte noch viel selbstständiger sein, hätte er vor knapp zwei Jahren seine Sehkraft nicht fast vollständig verloren. „Ich wollte gerade mit meinem Auto nach Polen fahren, dann ist es passiert“, erinnert sich Wasiak.

Er ist bereits über 40, als er Anfang der 1980er-Jahre zu seinem Sohn nach Wien kommt. Er will nur zwei, drei Jahre bleiben, etwas Geld verdienen und zurückkehren zu seiner Frau und Tochter nach Polen. Er nimmt auf Baustellen jede Arbeit an, die er bekommt, verdient gut und spart eisern, um das Geld seiner Familie zu schicken.

Die ersten Jahre vergehen, und es kommt alles anders als geplant. Die Ehe geht in die Brüche, seine Tochter wandert nach Amerika aus und sein Sohn stirbt. Wasiak bleibt allein in Wien und nimmt die österreichische Staatsbürgerschaft an. „Ich habe in Polen niemanden mehr, zu dem ich zurückgehen kann“, sagt er. „Nur ein paar Bekannte, denen ich bis heute den guten Kaffee aus Wien schicke.“

In der internationalen Forschung wird das Altern im Zusammenhang mit der Migration in vielfältigen Bereichen untersucht. In Österreich dagegen gibt es noch viel Nachholbedarf. 2012 ist das „Europäische Jahr für aktives Altern und Solidarität zwischen den Generationen“. Ältere Migranten sind dort aber noch kein spezifisches Schwerpunktthema.

Typische Biografie

Wasiaks Biografie ist typisch für viele Arbeitsmigranten, die nur für eine bestimmte Zeit kommen wollten und dann doch in Österreich geblieben sind. Sie haben die Sprache gelernt, ihre Kinder wurden hier geboren und sie wurden alt. „Das Alter wurde oft nicht geplant“, sagt Christoph Reinprecht, Soziologieprofessor an der Universität Wien. „Es war plötzlich da.“ Die Gesellschaft habe lange ihre Augen betreffend die kulturelle Diversität im Alter verschlossen, diese sei aber im Umgang mit älteren Migranten sehr wichtig.

„In ein Pflegeheim will ich auf keinen Fall“, betont Wasiak. „Bei mir zu Hause komme ich am besten zurecht.“ Auch wenn er auf Unterstützung angewiesen ist. Die Caritas schickt ihm drei bis vier Pflegekräfte pro Tag. „Aber jeder nur für 45 Minuten“, beschwert er sich, „das ist mir zu kurz.“ Und obwohl für Wasiak Deutsch kein Problem darstellt, hat er sich eine polnischsprachige Pflegerin gewünscht. Das sei für ihn einfacher.

Reinprecht kann diesen Wunsch gut nachvollziehen. „Obwohl ich sehr viele Jahre in Frankreich gelebt habe und Französisch hervorragend beherrsche, kann ich mich in gewissen Dingen am besten in meiner vertrauten Sprache, also Deutsch, ausdrücken.“ Im Alter spielt die Kommunikation in der Muttersprache eine große Rolle. „Es wäre wichtig, Personen zur Verfügung gestellt zu bekommen, mit denen ich selbstverständlich kommunizieren kann“, erklärt Reinprecht.

Freunde für Alltagsbedürfnisse

Wasiaks Netzwerke funktionieren dennoch bestens. Freunde gehen für ihn einkaufen, andere lesen ihm die Zeitung vor. Als nächstes will er eine neue Zentralheizung einbauen lassen. Für Reinprecht ist das Altern ein erstaunliches Phänomen und kein Problem. „Es herrscht eine defizitorientiertes Altersbild bei Migranten“, sagt Reinprecht, „es ist aber wichtig, dieses zu brechen.“ Es gebe, wie in jeder Gesellschaft, auch im Alter aktive und passive Menschen. Und jeder habe eine unterschiedliche Biografie. „Es gibt Potenziale, die aber kaum sichtbar sind. Die heutige Gesellschaft ist gegenüber älteren Migranten noch zu verschlossen und müsste sich dementsprechend öffnen“, so der Soziologe. „Und sie müsste neue Formen der kulturellen Vielfalt in die vorhandenen Strukturen integrieren.“

Wasiak hat noch ein letztes großes Projekt vor sich. Obwohl er in Österreich heimisch geworden ist, will er seine letzte Ruhe in Polen finden. „Ich habe mich bereits erkundigt, was alles kosten wird“, sagt er. „Mit Transport und Gebühren vor Ort um die 3000 Euro.“ Bei seiner Beerdigung sollen seine Angehörigen guten Kaffee trinken und leckeren Kuchen essen. „Da gebe ich noch ein paar hundert Euro dazu.“ Er will alles notariell festlegen und habe auch schon angefangen zu sparen. Denn: „Erst dann kann ich in Ruhe sterben.“

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 15.02.2012)

 


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