„Österreich ist das islamischste Land der Welt“

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HINTERGRUND
  • Bosnien hat als muslimisches Land eine gewisse Nähe zum restlichen, größtenteils christlichen Europa. In der Geschichte hat schon immer ein Austausch stattgefunden. Bosnische Muslime sind offen und liberal in Bezug auf das Anderssein, nicht zuletzt aufgrund der Erfahrung aus dem Vielvölkerstaat Jugoslawien.
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10.07.2012 | 21:54 | Nermin Ismail

Vor 20 Jahren flohen 90.000 Bosniaken nach Österreich. Was aus ihnen wurde, wie sie heute leben, und warum sie hierzulande vor allem die freie Glaubensausübung schätzen – eine Nachschau.

Wien. Für so manchen österreichischen Bosniaken ist 2012 ein markantes Jahr: Einerseits feiert dieser Tage das Islamgesetz sein 100-jähriges Bestehen, andererseits kamen viele von ihnen vor 20 Jahren und im Zuge des Balkankrieges ins Land. Doch wie leben diese Menschen heute?

„Ich bin glücklich und zufrieden, Österreicher zu sein“, sagt Ismet Hurtic. Der Salzburger ist 1992 mit der Hilfsorganisation „Nachbar in Not“ im Zuge des Bosnien-Kriegs nach Österreich geflüchtet. In diesem Jahr begann die Belagerung Sarajewos. „Die Wahl auf Österreich fiel spontan“, erzählt er heute. Immerhin war es eine Kriegssituation, in der man nicht viel Zeit zum Nachdenken habe.

Während des Bosnienkrieges von 1992 bis 1995 suchten 90.000 Menschen Zuflucht in Österreich. Von ihnen sind 60.000 geblieben, 11.000 kehrten nach Bosnien zurück, der Rest zog in andere Länder weiter. Heute leben 131.000 Personen aus Bosnien-Herzegowina in Österreich.

Hurtic könnte sich nicht vorstellen, woanders zu leben, schließlich sei er hier aufgewachsen. Trotzdem habe er beide Kulturen kennen gelernt und versuche, „aus beiden das Gute zu leben und das Schlechte zu vermeiden, um ein besseres Morgen für Österreich zu erreichen“, so der Salzburger.

Sehnsucht nach Lebensgefühl

Doch manchmal packt ihn die Sehnsucht nach der bosnischen Lebenskunst. Urlaube oder bosnische Freunde stillen diese dann. Nach Bosnien zurückzukehren komme für ihn nicht infrage, da er sich dort fremder vorkomme als hier. In nur einem Fall könnte er sich das Leben in Bosnien vorstellen: „Im Auftrag eines österreichischen Unternehmens.“ Auch bei der Ausübung seiner Religion sei er in Österreich „bestens aufgehoben“.

„Österreich ist das islamischste Land der Welt“, ist Hurtic überzeugt. Man könne seine Religion frei ausleben, solange man keine Mitmenschen missachte. Genau das fördere auch der Islam, und „deshalb passt er auch ideal zu einem aufgeklärten Österreich“. Er selbst habe eine österreichisch-islamische Identität und bete eben gerade da, wo er sich als Österreicher in seiner Heimat befinde. „Auf Skipisten, beim Bundesheer oder sonst wo.“

Auch Emilija Kelecija, eine Muslimin mit Kopftuch, sieht sich als Österreicherin, die ihre Religion gut leben kann. Dass der Islam vor 100 Jahren anerkannt wurde, sieht sie nicht als Besonderheit, sondern als Selbstverständlichkeit. „Ich sehe mich nicht als Bosnierin oder Österreicherin, ich bin Wienerin.“

Das sei ihre Stadt. Hier habe sie alles erlebt, woran sie sich erinnern könne. Für sie ist klar: „Österreich ist mein zu Hause.“ Seit der Flucht ist sie viermal in ihrem Herkunftsland gewesen. Diese Reisen beschreibt sie mit den Worten: „Hingehen und schauen.“ Schauen, wo die Wurzeln sind, schauen, wie der Krieg alles zerstörte. „Vielleicht ist das eine Realitätsverschiebung. Weil ich sehr viel verdrängt habe“, sagt die 31-Jährige.

Das Land und die Menschen seien noch zerstört, es sei bisher wenig Aufarbeitung passiert. „Bosnien ist wunderschön, und es hat trotz alldem noch diese Wärme.“ Mit einer gewissen Wärme begegnet Kelecija auch den Menschen. Wenn sie jemand anstarrt oder schlecht behandelt, bezieht sie das nie auf ihre Religion oder ihr Kopftuch.

Schwierigkeiten in Österreich

„Durchs Reden kommen die Leute zusammen“, sagt sie. Man müsse einfach aufeinander zugehen und miteinander sprechen. „Natürlich gibt es Stimmungsmacher, die versuchen zu hetzen. Doch Menschen, die sich davon anstecken lassen, schauen nicht weit über den Tellerrand“, ist sie überzeugt.

Damir Saracevic hingegen hat 18Jahre seines Lebens in Pirina verbracht und ist somit viel mehr mit dem Land vertraut. Der Anfang in Österreich war für ihn schwierig. „Personen mit Migrationshintergrund sind in den österreichischen Strukturen mit sehr vielen Hürden konfrontiert, angefangen bei der Dequalifizierung auf dem Arbeitsmarkt, über wenig Möglichkeiten zum sozialen Aufstieg bis zur Alltagsdiskriminierung“, erklärt der Familienvater. Diese Phänomene prägen weiterhin seinen Alltag, doch ist er glücklich, sich in bestimmten gesellschaftlichen Bereichen etabliert zu haben. Trotz der schlechten politischen und wirtschaftlichen Lage Bosniens ist eine Rückkehr für ihn nicht völlig ausgeschlossen, denn er fühle sich dort „zugehörig und willkommen“. Gern würde er auch zum sozialen Aufstieg des Landes beitragen.

Als Teil Österreichs

Bosnische Vereine und Gebetsräume gibt es jede Menge in Österreich. Es gibt Chöre, traditionelle und eher moderne Gemeinschaften, die sich auch um Folklore und die Kultur bemühen. „Es sind Wege, um einfach zusammenzukommen und nicht primär um die bosniakische Nationalität großartig zu stärken“, erklärt Emilija Kelecija. Einige der Vereine sind auch um Aufklärungsarbeit bemüht. Wie das Zentrum für zeitgemäße Initiativen in Linz, dessen Obmann Saracevic ist. „Es ist eine Plattform für Entwicklungszusammenarbeit zwischen Österreich und Bosnien und soll somit als kulturelle Brücke dienen.“

In Zukunft müssten wir miteinander statt nebeneinander leben, ist Hurtic überzeugt. „Der Islam ist ein Teil von Österreich und Europa, darüber zu debattieren ist ein Zeichen von Realitätsfremdheit.“ Aufeinander zuzugehen und Vorurteile abzulegen, kurzum miteinander zu leben sei die Devise.


ein Kommentar

  • günter

    interessanter sichtweise. Geschrieben um 21. Juli 2012 um 16:33 Antworten

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