Orthodoxe Juden: „Je mehr Kinder, desto besser“

Jüdische Großfamilie (c) M. Flener

19.10.2011 | 11:35 | Ida Labudovic

Im orthodoxen Judentum wird eine große Familie als hoher Wert gesehen. In Wien leben Schätzungen zufolge 20 bis 30 jüdische Familien mit mehr als zehn Kindern. Potenzial für Vorurteile wegen der vielen Kinder.

Wien. „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde.“ So steht es im ersten Buch der Thora, der jüdischen Bibel. Für orthodoxe Juden ist das eine Aufforderung, an die man sich zu halten hat. Soll heißen: Je mehr Kinder, desto besser. In Wien leben etwa 20 bis 30 jüdische Familien, die mehr als zehn Kinder haben. Familie Ashkenazy gehört zu ihnen.

Lea und David Ashkenazy sind mittlerweile 25 Jahre verheiratet – und haben mehr als elf Kinder zwischen zwei und 24 Jahren, außerdem schon fünf Enkelkinder. Die genaue Zahl ihrer Kinder möchten sie nicht sagen, aus Angst vor Repressalien – so wie sie auch ihre richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchten. „Religiöse Juden sprechen nur ungern über ihr Privatleben, weil sie sich von ihrer Umgebung oft missverstanden fühlen“, sagt Rav Pardess, Rabbiner der orthodox-zionistischen Misrachi-Gemeinde in Wien. Eine große Familie zu gründen bedeute anderen sehr viel zu geben: „Wenn Menschen, die einen ganz anderen Lebensstil haben, von so einer Familie hören, dann ist das etwas, das gegen ihre Werte und ihren Verstand gerichtet ist – und das ist ein weiterer Grund für Vorurteile.“

Kinder helfen mit

Und Potenzial für Vorurteile ergibt sich schon aus der heute eher ungewöhnlichen Situation, so viele Kinder zu haben. Doch der Alltag sei gar nicht so schwierig, wie Lea Ashkenazy meint: „Die Kinder kamen ungefähr im Abstand von zwei Jahren zur Welt, also kocht man nicht auf einmal für 14 Familienmitglieder.“ Ihr Mann David ergänzt: „Bis zum fünften Kind ist es schwer, aber dann, wenn das Älteste schon zehn ist, kann es bereits mithelfen.“

Aufstehen, die Kinder für den Alltag bereit machen, die Kleineren in den Kindergarten mitnehmen, das alles gehört längst zur Routine. Den Haushalt führt Lea allein und übernimmt u.a. auch das Kochen. Nur am Abend bekommt sie zusätzliche Hilfe: Eine Haushälterin unterstützt sie zweimal pro Woche für vier Stunden. Wenn die Hausarbeit erledigt ist, geht Lea ins Geschäft, das sie gemeinsam mit ihrem Mann führt. Zeit für sich allein hat das Paar nur selten – an manchen Abenden geht sich ein gemeinsamer Spaziergang aus, die älteren passen in dieser Zeit auf die jüngeren Kinder auf.

Mit den Großeltern gibt es ein Jour fixe – jeden Freitag trifft man einander. „Eltern und Großeltern haben eine wesentliche Funktion, Kinder zu lehren, auf eigenen Füßen zu stehen, und weiterzugeben, was sie zu Hause gelernt haben. So ist das ein Überbrücken zwischen manchmal fünf oder mehr Generationen“, sagt Rabbiner Pardess.

Finanzielle Hilfe für Familien

Trotz der finanziellen Belastung fühlt sich Familie Ashkenazy finanziell unabhängig. „Wir kochen alles selbst, unsere Kinder tragen die Schulkleidung, und wenn wir etwas brauchen, kaufen wir es im Ausverkauf“, sagt David. Es gibt aber jüdische Familien, die finanziell in Not sind. „Die Quote der finanziellen Bedürftigkeit jüdischer Familien liegt genauso hoch wie in der Mehrheitsgesellschaft: Zwölf Prozent sind armutsgefährdet, sechs Prozent davon längerfristig arm“, sagt Gerda Netopil, Leiterin der Sozialarbeit des psychosozialen Zentrums ESRA.

Hier springen Wohltätigkeitsvereine wie Ohel Rahel ein. Der Verein ist seit 1999 in Wien aktiv. Oberstes Ziel ist, die Mittel für eine ausreichende Ernährung aller bedürftigen Juden in Wien aufzubringen. „In der jüdischen Religion ist Wohltätigkeit eine Pflicht“, sagt Renate Erbst, Gründerin und Obfrau des Vereins.

Wie schön es ist, eine große Familie zu haben, merke man besonders an hohen Feiertagen. „Schabbath und die Feiertage sind Verbindungsmittel innerhalb der Familie“, sagt Rabbiner Pardess. „Und der Zusammenhalt der Familie ist eine der wichtigsten Säulen des Judentums.“

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 19.10.2011)


Kommentieren Sie den Artikel





Weitere Artikel von Ida Labudovic