Österreich: Afrikabilder in Schulbüchern zwischen Krieg und Armut

08.10.2013 | 15:09 | simon INOU

Der Befund der Wissenschaftlerinnen Christa Markom und Heidi Weinhäupl zum Thema: Afrika in den österreichischen Schulbüchern ist vernichtend: “Insgesamt ist festzuhalten, dass die untersuchten Geografie- und Geschichtebände ein Bild von Afrika zeichnen, in dem Probleme und Katastrophen vorherrschen: Armut und „Unterentwicklung“, Kriege und wirtschaftliche wie politische Probleme ab der Zeit der Kolonialisierung sind die vorherrschenden Themen. Von der vielfältigen Geschichte und Kultur des Kontinents vor der Kolonialisierung wird zumeist nur die Hochkultur Ägyptens erwähnt, wobei diese kulturell häufig dem europäischen Raum zugeordnet wird (als „Wiege“ der europäischen Zivilisation) und nicht dem afrikanischen.”

Diese Vorgehensweise ist nicht nur auf Österreich reduzierbar, sondern kann ebenso in anderen EU Ländern beobachtet werden,  wie etwa Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Portugal oder Spanien. Da diese Nationen die meisten afrikanischen Länder kolonialisiert haben, waren sie auch für die Geschichtsschreibung vieler Länder Afrikas zuständig. Bis heute findet man über afrikanische Geschichte mehr Dokumente in Europäischen Bibliotheken und Institutionen als in ganz Afrika. Und wie Jean Baptiste Pente bemerkt „Geschichtsschreibung ist – jenseits aller wissenschaftlichen Rhetorik im Gegensatz zu den Naturwissenschaften – immer zuerst eine Frage der nationalen oder kontinentalen Interessen (…)“[1].

In Nordamerika sieht die Situation nicht anders aus als in Europa. AfrikanerInnen werden bis heute als Objekte und nicht als Subjekte in der Weltgeschichte wahrgenommen. Heutzutage werden viele AfrikanerInnen durch die Schulbildung so erzogen, dass ein negatives Image ihres Selbst entsteht und es zu einer Verneinung ihrer eigenen Identität kommen kann.

Kinder wachsen seit Generationen mit negativen Bildern über Afrika auf. In Bildungsinstitutionen wird der Kontinent nur mit Sklaverei, Kolonialismus, Armut, Ausbeutung und Neokolonialismus in Verbindung gebracht. Davon sind auch afrikanische Kinder in Afrika sowie in der Diaspora betroffen. Die Beibehaltung dieser Negativität wird politisch, wirtschaftlich, kulturell, und vor allem wissenschaftlich von einer sehr rassistischen eurozentristischen Verneinung der Schwarzen Geschichte und der Errungenschaften von Schwarzen, gepflegt.

Warum die Ergebnisse des hochwissenschaftlichen Kolloquium[2] zum Thema neue afrikanische Geschichtsschreibung, das von der UNESCO in Kairo 1974 organisiert wurde, bis heute nicht von WissenschaftlerInnen ernst genommen wird bleibt ein Rätsel. Bei dieser Konferenz in Kairo zeigten zwei hochrangige afrikanische Wissenschaftler, nämlich Cheikh Anta Diop aus dem Senegal und sein Schüler Theophile Obenga (Professor Emeritus und ehemals Lehrstuhlinhaber der Afrika-Studien an der Staatsuniversität San Francisco) aus der Republik Kongo, dass das alte Ägypten in jeder Hinsicht eine afrikanische Hochkultur ist.

Auch Martin Bernal, der namhafte englische Historiker, wäre Ende der 80er Jahren beinahe gesteinigt worden als er in seinen Werken „Black Athena“ (1987, 1991, 2006) klar und deutlich den Eurozentrismus als Ursache der Geschichtsfälschung Afrikas[3] offenbarte.

Selten werden Schwarze Menschen in einem positiven Zusammenhang erwähnt. Mit Ausnahme von Situationen, in denen Schwarze gegen etwas gekämpft haben, wie z.b. Rassismus, Kolonialismus etc. erscheinen Schwarze Menschen in der eurozentristisch geprägten Geschichtsschreibung passiv.

Man hört und liest nie etwas über Schwarze ErfinderInnen. Nur wenige Menschen wissen, dass der Erfinder der Ampel ein Afro-Amerikaner war. Informationen über große afrikanische Reiche, Zivilisationen (angefangen mit dem Alten Ägypten) die Afrika und die Diaspora geprägt haben wird teils bewusst, teils unbewusst geschwiegen, die wahre Geschichte vertuscht und manipuliert.

In den letzten 10 Jahren sind hauptsächlich in Nordamerika vermehrt afrikanische Schulen bzw. afrikanisch zentrierte Schulen entstanden. Diese Entstehung wird damit begründet, dass durch den Eurozentrismus ein sehr einseitiges und rassistisches Bild von Afrika und AfrikanerInnen verbreitet wird.

Der Großteil dieser Schulen gründet ihr Ausbildungs- und Erziehungskonzept auf der Basis der Sozialen Theorie der Afrozentrizität (Afrocentricity[4]), die auf den wissenschaftlichen Arbeiten von Cheikh Anta Diop zurückgreifen. Die Theorie der Afrozentrizität, entwickelt von Molefi Kete Asante von der US Temple University stellt die AfrikanerInnen als Subjekte ihrer eigenen Geschichte in den Fokus.

In Europa und besonders in Österreich sind wir noch sehr weit von dieser Bewegung entfernt. Während es französische, japanische, chinesische, jüdische, muslimische Schulen etc. gibt, existieren keine afrikanische Schulen. Kein afrikanischer Staat versucht auf internationaler Ebene die Bilder Afrikas in den Schulbüchern anders, nämlich positiv und selbstbestimmt zu thematisieren.

In Österreich gilt es staatliche Institutionen, genauso wie Eltern (AfrikanerInnen sowie Nicht-AfrikanerInnen) einzubinden, die ein solch brisantes Vorhaben, die Gründung einer afrikanischen Schule unterstützen könnten. Auf der einen Seite liegt es natürlich in der Verantwortung des Staates die Lehrpläne zu reformieren, wenn so eindrücklich, wie durch die Studie von Christa Markom und Heidi Weinhäupl bewiesen, falsche und einseitige Bilder besonders in Schulen verbreitet werden. Andererseits sind Eltern, in erster Linie, afrikanische Eltern dafür zuständig Impulse zu geben, damit die Ausbildung in Bezug auf Afrika in österreichischen Schulen und Hochschulen mit neuen, wesentlichen Informationen und Perspektiven ergänzt werden. Im Jahr 2008 entwickelten MitarbeiterInnen des Internetportals Afrikanet.info ein Konzept für eine Schule mit afrikanischem Schwerpunkt, die für alle Kinder offen sein sollte. Dieses Konzept wird weiter verfeinert und wird hoffentlich in Zukunft umgesetzt werden können. Denn in Österreich, Europa und in der Welt brauchen wir dringend ein neues Afrikabild.



[2] The Peopling Of Ancient Egypt And The Deciphering Of The Meoroitic Script, Diop, Leclant, Obenga, Vercouter, Karnak Egyptology / African Studies, USA, 1997, The book was originally published by UNESCO in 1978

[3] Martin Bernal (Hrg.), Schwarze Athena – Die Afroasiatischen Wurzeln der Griechischen Antike – Wie das klassische Griechenland erfunden wurde, List Verlag, München, 1992


Kommentieren Sie den Artikel





Weitere Artikel von simon INOU