Österreicher in Peru: Nicht nur Schnitzel

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21.10.2009 | 14:38 | Milagros Martinez-Flener

12.000 Kilometer von Wien entfernt begehen Auswanderer und ihre Nachkommen den Nationalfeiertag. Zwischen 1919 und 1945 wanderten ca. 420 Österreicher, so wie Doris Cáceres Findelberger und ihre Mutter, nach Peru aus.

Als mein Großvater starb, hörte meine Oma auf, mit ihren kleinen Kindern Deutsch zu sprechen. Sie mussten sich an ihre neue Heimat anpassen.“ Doris Cáceres Findelberger, 73 Jahre alt, erinnert sich an ihre Vorfahren, die aus Graz stammen – und nach Peru auswanderten. „Sie waren fünf Kinder, die jüngeren waren Zwillinge. Meine Mutter musste deswegen die Schule abbrechen, um meiner Oma zu helfen, Geld zu verdienen.“

Sie wird, wie viele andere in Peru ansässige Österreicher, die 1929 als Gastarbeiter hierher kamen und deren Nachkommen, den Nationalfeiertag am 26.Oktober in der Botschaft in Lima verbringen. Ein Großteil der Nachkommen besitzt nur die peruanische Staatsbürgerschaft, kennt Österreich nur aus Erzählungen und spricht kaum mehr Deutsch.

Allerdings kennen fast alle Peruaner mit österreichischen Wurzeln die Geschichte ihrer Großeltern – und wissen, was sie durchmachten. Dass sie angesichts der verzweifelten Lage von tausenden Arbeitslosen, die die zusammengebrochene k.u.k.-Monarchie hinterlassen hatte, eine Alternative im Ausland suchten, dass sie alles verloren hatten. Weniger bekannt ist, dass ihre Großeltern Opfer von Schleppern, Ausländerfeindlichkeit und der weltweiten Wirtschaftskrise wurden.

Die Auswanderung

Bei der Vorbereitung des Ceviche – das traditionelle Fischgericht Perus – erinnert sich Teresa Liebminger, dass ihre Eltern und ältere Geschwister unter den 103 Auswanderern waren, die 1929 in Peru ankamen. „Meine Familie bekam kaum zu essen, sie musste mit ihren dürftigen Ersparnissen und den Einnahmen aus Gelegenheitsjobs Lebensmittel kaufen.“ Den schlimmsten Moment erlebte die Familie, als der jüngste Sohn aus dem Spital entführt und nie wieder gesehen wurde.

Ludmila Koch, die mit ihren Geschwistern eine kleine Plantage ohne fließendes Wasser außerhalb Limas betreibt, erzählt: „Die peruanische Regierung hatte versprochen, ein Jahr lang für Kost und Logis aufzukommen.“ Doch über das Allernotwendigste ging diese Hilfe von peruanischer Seite nicht hinaus. Aus einem alten Brief an das Bundeskanzleramt in Wien, den sie hervorkramt, geht hervor, dass die Auswanderer in einer alten Zündholzfabrik untergebracht wurden, dem sogenannten „Einwandererhotel“.

Heidi Yerkes, die mittlerweile in den USA lebt, stöbert in alten Fotos und erinnert sich dabei an ihren Großvater: Albert Bizjak war der einzige Landwirt der Gruppe, die in den Regenwald ging, um dort die Kolonie von Satipo zu gründen. 500 km östlich von Lima, auf der anderen Seite der Anden, wollte sie ihre Zelte aufschlagen.

Nach Wochen erreichte sie endlich Satipo, auf 400 Metern Seehöhe gelegen und von Malaria und Gelbfieber verseucht. Als Yerkes’ Großvater starb, mussten ihre Mutter und Tante selbst ein großes Loch graben, um ihn beizusetzen.

Da die Regierung Perus die Kolonie aufgrund der Wirtschaftskrise im Stich ließ, litten die ausgewanderten Österreicher an Unterernährung und Krankheiten, die oft tödlich endeten. So starben im Regenwald Perus auch Maximilian Hadler (19), Franz Torker (26) und Marie Flosser (38, schwanger) ohne jede ärztliche Hilfe.

Rückkehr oder Integration

Die Verzweiflung unter den Österreichern war so groß, dass einige – wie Ernst Natzler – auf ein neues Leben in Peru verzichteten. Natzler fand einen Job als Matrose auf einem deutschen Schiff und kam 1930 nach Wien zurück, wo er in einer Zeitung seine Erlebnisse veröffentlichte: Sie mussten täglich bis zu acht Stunden ohne Pause auf bis zu 5000 Metern Seehöhe reiten und auf ihrer Reise über die schneebedeckten Kordilleren im Freien übernachten.

Die Mehrheit der „neuen Landwirte“ schaffte es trotz aller überstandenen Strapazen nicht, sich im Peru zu etablieren – und verlor ihr restliches Hab und Gut. Jene, die in Peru sesshaft wurden, integrierten sich nach und nach. Und obwohl sie ihre alte Heimat nicht vergaßen, betrachteten die Auswanderer aus Österreich Peru bald als ihre neue Heimat.

Heute leben rund 460 Österreicher in Peru. Und sie feiern ihren Nationalfeiertag gleich zwei Mal: am 26.Oktober mit einem Wiener Schnitzel. Und am 28.Juli mit einem peruanischen Ceviche.

 

AUF EINEN BLICK

Ausgewandert: Zwischen 1919 und 1945 wanderten ca. 420 Österreicher, so wie Doris Cáceres Findelberger (r.) und ihre Mutter, nach Peru aus.

Scheitern:Die Kolonie in Satipo scheiterte – kaum einer der Auswanderer verstand etwas von Landwirtschaft. Die von Tirolern schon im Jahr 1859 gegründete Kolonie in Pozuzo, im Regenwald Perus, gibt es aber nach wie vor.

Rund 460 Österreicher leben heute noch in Peru, die meisten davon in Lima. [privat]

 

(MILAGROS MARTÍNEZ-FLENER, Die Presse”, Print-Ausgabe, 21.10.2009)


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