Rassismus: Das Vorurteil als täglicher Begleiter

Drogendealer

01.08.2012 | 12:27 | Ania Haar

Vorurteile dienen unter anderem dazu, das Verhalten anderer im Vorhinein einzuschätzen. Durch sie ergeben sich aber auch Gefahren – und das nicht nur, wenn sie in einem negativen Kontext verwendet werden.

Wien. „Zugespitzt gesagt, sind Vorurteile für einen Menschen lebensnotwendig“, sagt Helga Amesberger, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Wiener Instituts für Konfliktforschung. Wenn man etwa über die Straße geht, geht man davon aus, dass sich die anderen Verkehrsteilnehmer den Regeln entsprechend verhalten. Aber letztlich weiß man nicht, ob sie es tatsächlich tun – daher ist es ein Vorurteil.

„Problematisch wird es, wenn das Vorurteil mit Abwertungen einhergeht, wenn das Eigene höher als das Andere gestellt wird“, sagt Amesberger. „Und wenn die vermeintlichen Eigenschaften der anderen von Natur aus, oder kulturbedingt gegeben, also als unveränderlich gesehen werden.“ Vorurteile zeichnen sich dadurch aus, dass Menschen zu homogenen Gruppen zusammengefasst werden, ohne jegliche Differenzierung. Zugeschriebene Eigenschaften treffen dann unterschiedslos auf alle Gruppenmitglieder zu.

Ein Beispiel dafür ist etwa die Verbindung von schwarzer Hautfarbe mit Drogendealen – und das kann direkte Folgen haben. „Wenn ein Polizist das glaubt, wird er sich auch entsprechend verhalten“, meint die Politikwissenschaftlerin, „und bei einer Kontrolle diesen Menschen genauer checken.“

Vorurteile sind ein Teil unserer Sozialisation, etwas lang Gewachsenes, sagt Amesberger. „Und viele Vorurteile sind uns nicht bewusst, so sehr sind sie Teil unserer Geschichte.“ Das Interessante dabei ist, dass die meisten rassistischen Bilder von Menschen zwei Seiten aufzeigen: eine positive Überhöhung und eine negative Abwertung. So liege demnach „Zigeunern“ und Schwarzen Musik und Tanz im Blut. Gleichzeitig werden sie als faul, naiv, betrügerisch stigmatisiert.

Transportvehikel Israelkritik

Aber es gibt auch Vorurteile, die subtiler auftreten. So wird etwa Kritik an der israelischen Politik gerne als Transportvehikel antisemitischer Ressentiments benutzt. „Ich erlebe es in vielen Diskussionen, wenn wir über die Benachteiligung von Minderheiten und den Rassismus in Österreich reden, dann kommt sehr schnell der Vergleich mit Israel: sie würden es mit den Palästinensern auch nicht anders machen“, sagt Amesberger.

Ähnlich verbreitet sei das Bild des „intellektuellen, gebildeten Juden“ der aber gerade durch seine „Schläue“ gefährlich erscheint. Es sind also bestimmte Bilder, die sich schnell dekodieren lassen – vorausgesetzt, das Wissen ist vorhanden. Einen Beitrag will das Buch „Kompetenz im Umgang mit Vorurteilen“, herausgegeben vom Sir-Peter-Ustinov-Institut, leisten. Primär für den Schulunterricht gedacht, beinhaltet die Publikation Tipps, Übungen und Abhilfen, etwa in Form rhetorischer Techniken oder Gegenargumentation.

Ein großes Problem dabei ist, dass auch im Zuge der antirassistischen Bildung und Aufklärung durch das wiederholte Aufzählen von Vorurteilen die Gefahr besteht, diese gleichzeitig zu tradieren und zu zementieren. Es ist also schwierig. Was laut Experten wie Amesberger hilft ist dennoch: „Bewusstsein schaffen, Bildung und sensibler Umgang.“

Psychischer Stress

Wenn rassistische Vorurteile nicht erkannt und reflektiert werden, bestimmen sie oft das Verhalten. „Es ist durch zahlreiche Studien erwiesen, dass die wiederholte Erfahrung von rassistisch motivierter Abwertung und Diskriminierung zu erhöhtem psychischen Stress führt und sich negativ auf die psychische Gesundheit auswirken kann, bis hin zu Depressionen und Angstzuständen“, sagt Leonore Lerch, Vorsitzende des Wiener Landesverbandes für Psychotherapie. „Rassistische Erfahrungen thematisieren alle Patienten mit Migrationshintergrund, die zu mir in die Praxis kommen.“

Auch wenn die Lebenssituationen dieser Menschen sehr komplex und unterschiedlich sind; manche Patienten sind in Österreich geboren und aufgewachsen, manche als Jugendliche oder Erwachsene nach Österreich gekommen – weil sie vor Krieg und Verfolgung fliehen mussten. Sind sie mit Vorurteilen konfrontiert, so können sie erneut traumatisiert werden.

„Es krankt die Gesellschaft“

„In der Psychotherapie ist es gerade bei Patienten, die von Rassismus betroffen sind, wichtig, sie in ihrem Selbstwert zu stärken, denn obwohl sie es sind, die unter Rassismuserfahrungen leiden, haben nicht sie das eigentliche Problem, sondern die, die aufgrund von Hautfarbe oder Herkunft diskriminieren.“ Die Psychotherapeutin ist sich sicher, dass es immer noch an Bewusstseinsbildung und Aufklärung fehle. „Es sind die Patienten, die leiden, aber im Grunde krankt die Gesellschaft.“


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