Wie Roma gegen Klischees kämpfen

Rom in Perpignan, Frankreich - ©Flickr.com/Ivan Constantin
AUF EINEN BLICK
  • In Österreich leben, Schätzungen zufolge, bis zu 40.000Roma. Zu dieser anerkannten Volksgruppe bekennt sich offiziell allerdings nur ein Bruchteil von ihnen: Zu groß ist die Angst vor Vorurteilen und weit verbreiteten Klischees. „Die Presse“ lässt Wiener zu Wort kommen, die ein sogenanntes „bürgerliches Leben“ führen – und doch oft von den Vorurteilen, die gegen die Roma bestehen, eingeholt werden.

22.10.2008 | 15:48 | Clara Akinyosoye

In Österreich leben Schätzungen zufolge 40.000 Roma, aber viel weniger bekennen sich zu ihrer Volksgruppe. Einer der Gründe ist die Angst vor möglicher Diskriminierung.

WIEN. „Wir betteln nicht.“ Das sagen Branko Paunovic und seine Frau Zaklina. Sie leben in Wien, und das Ehepaar führt, was gemeinhin „bürgerliche Existenz“ genannt wird; ein „normales Leben“ sozusagen.

Und dennoch sind sie nicht ganz im Mainstream – beide gehören der Volksgruppe der Roma an. Eine Minderheit, die immer wieder gegen Klischees und Vorurteile zu kämpfen hat. Etwa gegen jene, dass „Zigeuner“ sich bestenfalls den Lebensunterhalt als Bettler oder durch die Lande ziehende Musikanten verdienten. Vorurteile, die Paunovic nicht unkommentiert lassen will – nicht lassen kann.

Der 27-Jährige ist selbst der lebende Gegenbeweis. Der Rom stammt aus Serbien und ist seit drei Jahren in Wien zu Hause. In seiner ursprünglichen Heimat hat er ein Lehramtsstudium abgeschlossen, er lässt sich gerade das Diplom nostrifizieren. Derzeit arbeitet er als Nachhilfelehrer für Englisch und Mathematik. Seine Frau ist „waschechte“ Wienerin und arbeitet als Sachbearbeiterin in einer österreichischen Versicherung.

Angst, sich zu bekennen

Branko Paunovic ist außerdem als Assistent in Schulen tätig – und agiert als solcher in Klassen, in denen viele Roma-Kinder unterrichtet werden. Paunovic vermittelt zwischen Schülern, Eltern und dem Lehrpersonal und glättet interkulturelle Wogen.

Gerade in dieser Funktion hat der Neowiener rasch Einblick in die tatsächliche Lebenswelt der Roma in Österreich bekommen. Aufgrund seiner Beobachtungen glaubt er: „Viele Roma wollen sich nicht als Roma deklarieren.“ Dieser Gedanke mache sich vor allem unter den Kindern und Jugendlichen dieser Volksgruppe breit. Ursache: Angst vor Diskriminierung, der Roma auch heute noch ausgesetzt sind.

Derartige Berichte kennt Paunovic nicht nur aus Erzählungen, sondern auch aus eigener Erfahrung. Als er einen Raum für Nachhilfestunden suchte, sagte ihm ein Schuldirektor unverblümt: „Alle Roma sind ungepflegt und stinken.“ Offenbar hat der Direktor dieses Vorurteil ungeniert verbreitet: Denn später wird Paunovic vom Gespräch zweier Lehrerinnen berichtet, die ebendieses Vorurteil laut ausgesprochen haben.

Wo das Vorurteil zuschlägt

Vor diesem Hintergrund seien subjektive Wahrnehmungen nicht selten: Wenn etwa ein Roma-Kind mehrmals nicht zum Unterricht kommt, dann kann daraus schon die Aussage werden, dass dies „typisch“ für diese Volksgruppe sei. Bleibt ein anderes Kind der Schule fern, dann grübeln dessen Lehrerinnen über Ursachen: Probleme mit dem Elternhaus? Im Freundeskreis? Oder schlägt die Pubertät durch? Keine Rede jedenfalls von einem Pauschalurteil.

Für Paunovic ist es vor diesem Hintergrund nicht überraschend, dass sich viele offiziell nicht zu ihrer Volksgruppe bekennen. Deshalb sind die offiziellen Zahlen nur teilweise aussagekräftig: Laut Statistik Austria haben 2001 6273 Menschen in Österreich angegeben, zu Hause Romanes als Umgangssprache zu verwenden. 4348 von ihnen sind österreichische Staatsbürger. Schätzungen gehen bis zu 40.000 Sinti und Roma. Die Situation in Österreich ist damit kaum besser als in anderen Ländern Europa.

Adrian Gaspar dagegen sagt, er sei bisher noch keiner Diskriminierung ausgesetzt gewesen. Der 21-Jährige ist als Kind nach Wien gekommen und hat eine Doppelstaatsbürgerschaft – die rumänische und die österreichische. Er studiert Musik und bezeichnet sich als „aktiven Pianisten“. Er konzentriert sich darauf, Roma-Musik zu machen (siehe Artikel unten), und dabei, meint er, sei es von Vorteil, selbst ein Rom zu sein.

Ilija Jovanovic hört solche Biografien vergleichsweise selten: Er ist Obmann des „Romano Centro“, eines Vereins in Wien, der sich für Roma einsetzt. Jovanovic’ Karriere ist ebenfalls ein Beispiel dafür, dass Klischees nicht mehr sind als vorgefertigte, trügerische Meinungen: Er ist 1971 aus Serbien nach Österreich gekommen und war – bis zu seiner Pensionierung – im Allgemeinen Krankenhaus tätig.

CLARA AKINYOSOYE, Die Presse”, Print-Ausgabe, 22.10.2008


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