Schwule Migranten im doppelten Out

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Fluchtgrund: In vielen Ländern der Welt sind Homosexuelle mit Diskriminierung konfrontiert, in einigen sogar mit Strafe bedroht. Die Flucht vor sexueller Diskriminierung wird manchmal als Asylgrund anerkannt. Integration: Homosexuelle Migranten sind doppelt von Diskriminierung betroffen. Einige Institutionen betreuen Homosexuelle bei ihren Problemen:

12.02.2008 | 17:32 | Ewa Dziedzic

Homosexuelle und Migranten kämpfen mit ähnlichen Problemen. Homosexuelle Migranten mit doppelt so vielen.

Morgen ist Valentinstag, der Tag der Liebe. Was aber, wenn ein Valentin einen anderen Valentin liebt? Oder eine Valentina eine Valentina? Sie bekommt ein paar Peitschenhiebe, ihm droht vielleicht die Todesstrafe. Denn in einigen Ländern der Welt ist Homosexualität noch immer strafbar (s. Artikel unten), was viele Schwule und Lesben dazu nötigt, sich zu verstecken. Oder zu fliehen.

Auch in Österreich kennt man Fälle von Asylwerbern, die als Grund für ihre Flucht ihre Homosexualität angeben. So wurde etwa im Jahr 2005 zwei Iranern Asyl wegen ihrer sexuellen Orientierung gewährt. Allerdings: Explizit ist Homosexualität kein Asylgrund. Doch fällt sie in den Erläuterungen zum Asylgesetz unter einen der fünf in der Genfer Flüchtlingskonvention angeführten Verfolgungsgründe, nämlich unter „Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe“.

„Die beiden Iraner sind inzwischen zum christlichen Glauben übergetreten und haben ihre Partnerschaft in einer evangelischen Pfarre in Wien segnen lassen“, sagt Kurt Krickler, Generalsekretär der Homosexuellen-Initiative (HOSI) Wien – ein Vorhaben, das sie schon länger geplant hatten.

„Österreich hat Zivilcourage bewiesen“, meinen die beiden damaligen Asylwerber, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung sehen wollen. Sie waren allerdings nicht die ersten, die wegen ihrer Homosexualität in Österreich Schutz suchten. Der erste Fall datiert aus dem Jahr 1984, betroffen war ebenfalls ein Flüchtling aus dem Iran. Krickler erzählt, dass allen fünf von HOSI betreuten Asylwerbern – vier Iranern und einem Rumänen – Asyl gewährt wurde.

Homosexualität als Vorwand?

Tatsächlich ist es für die meisten homosexuellen Asylwerber aber problematisch, im Bundesasylamt den eigentlichen Grund ihrer Flucht zu nennen. Aus Angst vor weiterer Diskriminierung aber auch vor dem Vorwurf, nur ein schwer überprüfbares Scheinargument als Asylgrund anzugeben.

Liegt es an der Scham, sich beim Asylantrag zu outen oder gibt es tatsächlich nur wenige Asylwerber, die wegen ihrer sexuellen Orientierung flüchten? Tatsache ist, dass es sehr selten vorkommt, dass Homosexualität als Asylgrund angegeben wird: „In den letzten zwei Jahren gab es 20 bis 30 Fälle“, berichtet eine Mitarbeiterin des Bundesasylamtes.

Doch selbst in Österreich haben es homosexuelle Migranten nicht immer leicht. In vielen Communities herrscht nach wie vor ein großer Sensibilisierungsbedarf – so betrachten etwa in Österreich lebende streng gläubige Muslime Homosexualität als schwere Sünde. Und die LesBiSchwulen- und Transgender-Szene, die vorwiegend von Österreichern dominiert ist, ist auch nicht immer für „unpassende Exoten“ offen.

Eine Konsequenz aus dieser Situation war 2004 die Gründung von „ViennaMix“, des ersten Vereins für LesBiSchwule&Transgender- Migranten und -Migrantinnen in Österreich. Ziel des Vereins: den Bedarf an fachspezifischer Information, mehrsprachiger Beratung abzudecken und einen Raum für Kommunikation zur Verfügung zu stellen.

Doppelte Stigmatisierung

Daneben hatte sich der Verein das Ziel gesteckt, die österreichischen LesBiSchwulen-Vereine mit Organisationen aus der Migrantenszene zu vernetzen. Unterstützung kam unter anderem von den Grünen Andersrum, der HOSI, der Wiener Antidiskriminierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen oder der sozialdemokratischen Schwulenorganisation SoHo. Die ersten Sitzungen fanden in der „Villa“, dem ersten Wiener Lesben und Schwulenhaus statt – doch nicht allzu lange, denn einige Betroffene hatten Bedenken, in ein „Lesben- und Schwulenhaus“ Gebäude zu gehen – und sich somit öffentlich zu outen.

Die Zielgruppe des Vereins, homosexuelle Migranten, hat es doppelt schwer, weil sie gleich doppelt stigmatisiert ist – auf der einen Seite wegen der Herkunft, auf der anderen Seite wegen der sexuellen Orientierung. Und hier haben die Kritiker eingehakt. Ihr Vorwurf: Warum wird diese doppelte Stigmatisierung überhaupt in der Öffentlichkeit heraus gekehrt und in den Mittelpunkt gerückt?

Bedarf ja, Ressourcen nein

„Was uns auffällt, ist, dass es schwulen und lesbischen Migranten leichter fällt, sich in die österreichische Gesellschaft einzugliedern“, meint HOSI-Generalsekretär Kurt Krickler. Sie wären einerseits flexibler, andererseits hätten sie Erfahrung, „anders zu sein” und „ausgegrenzt” zu werden. So seien Diskriminierungen wegen ihrer von der Mehrheit abweichenden sexuellen Orientierung für sie nicht neu. „Sie“, so Krickler, „haben gelernt, damit umzugehen.“

Und dennoch: Durch die „abweichende“ sexuelle Orientierung fühlen sich homosexuelle Migranten noch isolierter und mehrfach ausgeschlossen. Sie führen nicht selten ein Doppelleben und wagen weder in der Familie noch in ihrer Herkunfts-Community ein Coming-Out. Gerade Migranten haben in einer solchen Situation Angst vor Verlust von Solidarität. Davor, dass sich Freunde aus der Community plötzlich abwenden, man allein dasteht.

Genau in dieser Situation sollte der Verein „ViennaMix“ da sein, den Betroffenen in ihrer Ratlosigkeit und Einsamkeit helfen. Doch der Anlaufstation für schwule Migranten war keine allzu lange Lebensdauer beschert. Zwar gab es viel Solidarität, doch fehlten die Ressourcen, um die Arbeit durchführen zu können. Öffentliche Förderungen blieben weitgehend aus, und so löste sich der Verein im Jahr 2006 wieder auf. Fördergebern war dies nicht unrecht: Dass „ViennaMix“ von der Bildfläche verschwunden ist, macht für sie die Szene ein wenig überschaubarer. Und Homosexuelle mit Migrationshintergrund stehen nun wieder ohne eigene Vertretung da.


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