Sikhs: „Ich habe mich nach dem Attentat sehr geschämt“

03.06.2009 | 16:07 | Nasila Berangy

Nach dem Anschlag in einem Wiener Tempel fürchten Österreichs Sikhs, dass ihre Gemeinschaft in Verruf geraten könnte.

WIEN. Schockiert und erschüttert sind die zwei Worte, die man dieser Tage von Sikhs auf die Frage, wie es ihnen geht, hört. Einige hundert von ihnen haben gestern, Dienstag, von Guru Sant Rama Nand am Wiener Zentralfriedhof Abschied genommen, der vor seiner Überstellung nach Indien offen aufgebahrt (s. rechts) wurde. Schockiert und erschüttert zeigt sich auch der 49-jährige Sikh D., der seinen Namen in der Zeitung lieber nicht lesen möchte. „Es gibt schließlich Fanatiker.“ Immer wieder betont er, dass der Anschlag auf die zwei nach Österreich gekommenen Gurus im Tempel im 15. Wiener Gemeindebezirk nichts mit seiner Religion zu tun hat.

Dass in den Medien das Kastenwesen als Ursache kolportiert wird, sieht er als Propaganda, um Sikhs und Hindus auseinanderzubringen. Im Sikhismus gebe es kein Kastenwesen. So heißen alle Männer Singh (König) und alle Frauen Kaur (Prinzessin), um Gleichheit zu symbolisieren.

Schockiert sind viele Inder auch deswegen, weil es „unter Leuten aus demselben Bundesstaat passiert ist“, so der Übersetzer und Dolmetscher Amrit Bhatia. Dabei wäre die indische Gemeinde besonders stolz gewesen, jene Probleme, die man „untereinander in Indien im Punjab gehabt hat, hier hinter sich gelassen zu haben“. Er selbst ist zwar Hindu, hat aber regen Kontakt zur Sikh-Gemeinschaft in Wien.

Das Attentat empfindet der gläubige Sikh D. als große Beleidigung für „unsere Religion“. Aber auch die Berichterstattung „kränke“ ihn. Jahrzehntelanges friedliches Zusammenleben zähle auf einmal nichts mehr, und die Community wäre mit einem Schlag in Verruf. Er selbst habe sich „sehr geschämt“, als er am Tag nach dem Attentat in der U-Bahn zur Arbeit gefahren ist. Auch wenn er die Attentate verurteilt und nichts damit zu tun hat, würden die Menschen ihn nun wegen seines Turbans anders sehen.

Dass Opfer jetzt als Täter dargestellt werden, sieht Integrationsexperte Kenan Güngör als „tiefe Kränkung der Menschen“ und zieht den Vergleich zu einer vergewaltigten Frau, der man eine Mitschuld anhaften will. Umgekehrt sei das aber genauso: Wird ein Schwarzer von der Polizei geschlagen, würden die „Gutmenschen“ alle Polizisten als Rassisten sehen.

Migranten unter Pauschalverdacht

Tatsächlich haben Migranten einen anderen Druck, sich an Normen zu halten. Denn der Einzelne steht für die Community. „Dieser Verantwortung müssen sich Zugewanderte bewusst sein“, so Wiens VP-Integrationssprecherin Sirvan Ekici. „Jetzt steht eine ganze Religionsgemeinschaft unter Pauschalverdacht“ – und der Druck auf die einzelnen Sikhs steige. Ekici erinnert an den 11. September, nachdem auch Moslems pauschal als Terroristen verurteilt wurden.

Doch leben Migranten tatsächlich in Parallelgesellschaften? „Wenn man mit Vorurteilen behaftet ist, sieht man immer Andersartigkeit als Parallelwelt, so Nurten Yilmaz, SPÖ-Integrationssprecherin. Vielmehr gebe es Lebenswelten, die verschieden sind. Durch die „Pluralisierung der Zuwanderung wird die Gesellschaft vielfältig, daher nehmen auch die Konflikte weltweit zu“, so der Soziologe Güngör.

Auch wenn keine Sikhs in Österreich leben würden, wären wir dennoch betroffen. Als Beispiel nennt er die Wirtschaftskrise in den USA, die sich auf die gesamte Welt ausgewirkt hat. Das führe natürlich dazu, dass wir „ängstlicher und schutzbedürftiger“ werden. Für Güngör ein „nachvollziehbares Bedürfnis“. Dennoch, wir sind Profiteure der Globalisierung und müssen daher auch die Risken tragen. Güngör: „Österreich wäre ja ohne Globalisierung noch immer ein agrarisch geprägtes, halb verschlafenes Land.“

Tatsächlich steht das Bild der Sikhs der letzten Woche in krassem Widerspruch zu dem, was sie sind. Dies sei „symptomatisch für die politische Stimmung, dass eine gesamte Community in Geiselhaft genommen wird“, so Alev Korun, Nationalratsabgeordnete der Grünen. Sie ortet darin ein Ausbeuten des Konflikts, um Stimmung gegen Migranten zu machen.

Dass aber ein religiöses Oberhaupt von 35 Millionen Menschen nach Wien kommt und keinen Polizeischutz erhält, obwohl dieser angesucht war – die Polizei bestreitet das –, hat Korun kein Verständnis. Dass die Polizei nicht genug Wissen über Sikhs verfügt, liegt für sie nicht zuletzt daran, dass kaum Menschen mit Migrationshintergrund bei der Polizei arbeiten.

Als „absurd“ empfindet sie, dass dieser Konflikt nun auch auf andere ethnische Minderheiten projiziert wird. Denn Migranten haben kein Interesse an Konflikten, vielmehr wollen sie ihnen entgehen, so Korun. Zumal sie auch alle Hände voll zu tun hätten, sich ihr Leben zu sichern. (NASILA BERANGY)

“Die Presse”, Print-Ausgabe, 03.06.2009


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