Sméralda: “Der Schwarze und sein krausiges Haar wurden abgelehnt”

Frau Dr. Juliette Sméralda - @privat
HINTERGRUND:
  • Frau Dr. Sméralda ist Professorin für Soziologie an der "Universität Marc Bloch" in Straßburg/ Frankreich. Forschungsschwerpunkte: Soziologie der Domination und Interkulturalität
  • Das 356 seitige Buch ist bei "Edition Jasor, Gouadeloupe" 2005 erschienen und kostet 27 €

26.06.2012 | 13:14 | REDAKTION

“Schwarze Haut, Krausige Haare – Die Geschichte einer Entfremdung” – Mit diesem aus dem Französischen übersetzten Buchtitel, “Peau Noire, Cheveu Crépu – L´histoire d´une Aliénation”, macht die Soziologin Juliette Sméralda von sich reden. Denn sie begeht damit einen regelrechten Tabubruch. Ein Interview von T. Mirthil übertragen aus dem Französischen von Jean Baptiste Penté. 

T.M: Guten Tag Frau Sméralda, nach den in Ihrem Buch “Peau Noire, Cheveu Crépu – L´histoire d´une Aliénation” veröffentlichten Forschungsergebnissen würden “Schwarze Haut und krausige Haare” sowohl von Schwarzen als auch von den “Weißen” nicht akzeptiert, warum ?

SMÉRALDA: Um dieses Phänomen bei den Schwarzen, nämlich die Ablehnung ihrer krausigen Haare, zu verstehen, versuche ich in meiner Arbeit aufzuzeigen, dass das eine Konstruktion ist und wie all das entstand. Von dieser Warte aus untersuchte ich die Beziehung, die die Schwarzen zu ihrer Hautfarbe und krausigen Haaren seit Menschengedenken in Afrika hatten, wo der schwarzer Körper geliebt und begehrt war. Ich versuche aufzuzeigen, wie der Bruch mit diesem Ursprung, der originellen Beziehung zu seinem Körper, den schwarzen Menschen destabilisierte und ihn dazu bringt, eine völlige Distanz zu seinem Körper zu haben.

Ich spreche von einer tragischen Realität, nämlich die der Sklaverei und der Plantagenarbeit in Amerika und anderswo. Ich spreche von der Deportation von Millionen Afrikanern, die gewaltsam aus dem Kontinent gerissen wurden, um woanders unmenschlich missbraucht zu werden. Denn sie waren aus der “menschlichen Gesellschaft” ihrer christlichen europäischen, “weißen” Peiniger ausgeschlossen und demonisiert.

T.M: Dieser Bruch mit ihrer kulturellen Wiege hat sich auch auf die Haare kristalisiert. Habe ich Sie richtig verstanden ?

SMÉRALDA: Der Körper ist ein Mediator. Durch ihn perzeptiert man die Realität, durch ihn perzeptiert man andere Menschen und dass das Leben existiert. Die afrikanische Haarkunst ist in diesem Zusammenhang einzigartig in der Welt, und dies ist insbesondere ein Beweis dafür, dass die Afrikaner der Körperpflege und dem Aussehen einen höchsten Wert einräumten. Die Körper- und Haarpflege in Afrika ist stets eine kollektive Unternehmung gewesen.

Bei den Afrikanern gibt es eine Ritualisierung des Körpers und der Haare. Erst in der neuen Welt, wo sie deportiert wurden, hat der afrikanische Mensch angefangen seine Haare abzulehnen. Diese Ablehnung fängt schon in den sogenannten Sklavenschiffen an, wo sie wie Vieh zusammengepfercht wurden, und im Schmutz und eigenen Erbrochen Monate verbringen mussten. Nach ihrer Ankunft wurden sie gewaschen und zur Schau gestellt. Es fanden hier von Anfang an Kulturschocks statt. Die Dissoziation der Konzepte “sauber / schmutzig” = “weiss / schwarz” nimmt hier ihren entscheideten Anlauf. Demnach wurde der Schwarze und sein krausiges Haar abgelehnt.

T.M: Warum sind Haare in unserer heutigen Gesellschaft so wichtig?

SMÉRALDA: Für die Konstruktion der individuellen Identität sind fremde urteilende Blicke entscheidend, insbesondere, wenn man das Gefühl hat, der andere nimmt seinen Körper als monströs, scheußlich und hässlich wahr. Bei der ersten Zusammenkunft der beiden Menschengruppen [Anm. der Übersetzung (AdÜ): Hier sollte das 15. Jh., der Anfang der christlich-europäischen Deportation und Animalisierung der Afrikaner verstanden werden. Denn die Afrikaner genossen einen privilegierten Status in der Antikewelt, da viele Völker, insbesondere die alten Griechen wußten, dass sie den Schwarzen fast alle Elementen der Zivilisation verdankten. Es ist auch anzumerken, dass der ASET-(Isis)Kult(eine schwarze Gottheit über Jahrhunderte bis zum 12. Jh. in ganz Europa populär war… Daher erscheint die spätere Verhaltensweise der Europäer total paradox, wenn nicht sogar unerklärlich] gab es ein Verhalten des weissen Mannes, das darin bestand, die schwarze Haut mit Erstaunen anzufassen, weil er der Überzeugung war, dass diese Schwärze eine Schmutzschicht ist und bei Waschen weggehen würde. Genauso war es mit den Haaren, die als fürchterlich und hässlich angesehen wurden. Diese Details geben uns die Möglichkeit die Modalitäten zu rekonstruieren, die den Schwarzen Menschen am Anfang und während der Sklaverei aufgezwungen wurden.

Diese Attitude weißer Menschen führt zu einem Horror bei anderen Menschen. Man lehnt sein Selbst kategorisch ab. Man toleriert sich nicht, man zerstört sich, man entstellt seinen Körper. Im Falle der Schwarzen, man zerstört sich, entstellt seinen Körper in einem Überlebensreflex. Der weisse Man hat es nie ertragen, neben Schwarzen zu leben, er hat es immer möglichst vermieden. Wir haben Tonnen von Quellenmaterial und Literatur, die dies belegen. Leben neben Menschen, die sehr schwarz sind, ist eine ständige Zumutung gewesen. So sind in diesem Zusammenhang die Technik der Hautverbleichung seit dem 18. Jh. in dem Westen (Europa) entstanden. Bei der Schwarz-Weiss-Beziehung muss die “Schwärze” der Haut attenuiert (abgeschwächt) werden und der weiße Mann gibt Beispiele durch Werbung und entsprechende Produkte (Bleichcreme). Die dominierende Gruppe hat immer die Möglichkeit ihre Ästhetik, ihre Wirtschaft und ihre Schönheitsideale durchzusetzen.

T.M: Man kann jemanden aufgrund seiner Hautfarbe diskriminieren, aber inwieweit kann jemand aufgrund seiner Haare diskriminiert werden ?

SMÉRALDA: Entweder hat ein Körper die Möglichkeit mit seinen natürlichen Eigenschaften glanzvoll zu existieren und sich zu zeigen oder er hat sie nicht. Wenn eine Gesellschaft ein Individuum mit schwarzer Haut und krausigen Haaren ablehnt, kann das Individuum nicht über diese geltende ästhetische Norm hinweg schauen und leben. Man wird es mit tausenden Mitteln, wie ich es aufgezeigt habe, es daran erinnern. Viele Frauen erzählen, dass wenn sie krausige Haare tragen, werden sie von ihrer Umgebung aufgefordert: “Geh dich frisieren..” als würde es bedeuten: “Geh deine Haare glätten, mach deine Haare weich…”. Sich frisieren ist heute ein Äquivalent von Haare glätten geworden. Viele schwarze Frauen geben zu, dass sie es tun, weil der Druck ihrer Umgebung sehr groß ist. Es gibt eine selektive, apartheid-ähnliche, rassistische Attitüde, die zum Ziel hat, die Beziehung, die die Schwarzen zu ihren Haaren haben, negativ zu modifizieren. Die Haarfrisur in der afrikanischen Kultur bedeutet die Haare sehr wunderschön zu flechten oder sie mit anderen “totemischen” Mustern und Fäden geometrisch, unnachahmbar und architektonisch zu modellieren. Afrikanische Männer hatten zum Beispiel immer lange Haare gehabt. Sie frisierten und verzogen ihre Haare mit wunderschönen Assessoires.

T.M: Eben, wir stellen heute doch fest, dass viele Afrikaner insbesondere in den westlichen Ländern afrikanische Haarfrisuren gern zur Schau tragen…

SMÉRALDA: Ja, es gibt heute ein immer wachsendes Bewusstsein. Einige kulturelle Organisationen sind bewusster geworden. Viele Menschen verstehen immer mehr die wahre Geschichte der europäischen Sklaverei und ihre Folgen jenseits des Eurozentrismus, obwohl das Thema in Schulbüchern bis heute ein Tabu geblieben ist. Je mehr die Afrikaner ihre wahre Geschichte kennen, desto besser werden sie ihre Körper lieben. Bei den Jugendlichen stellt man fest, dass sie diese einzigartige tragische Geschichte in Verbindung mit der Körper-Wahrnehmung-Problematik besser kennen. Es gibt Jugendliche, die das starke Bedürfnis haben, ihre Natürlichkeit zu pflegen, zur Schau zu stellen, um mit sich selbst seelisch im Reinen zu sein. Es gibt eine Jugend, die sich diesem Druck bewusst widersetzen. Der Körper wird demnach wieder Mediator, aber in einem ganz anderen Sinn.

T.M: Zu seiner Natur (Körper, Hautfarbe, Haare) zu stehen, bedeutete Diskriminierungen zurückzudrängen ?

SMÉRALDA: In der westlichen Gesellschaft wurde die schwarze Hautfarbe von Anfang an als Stigma gesehen, bevor der schwarze Mensch dieses Hirngespinst seinerseits verinnerlicht und zu eigen machte. Er stellt sich dann als ein Stigma dar. Ein Stigma ist eine Beziehung, die eine andere Person zu ihnen etabliert. Die Schwarze Diaspora ist in der ganzen Welt verstreut. Sie sind in vielen Sprachen und Repräsentationen entfremdet und entstellt. Überall in der Welt, wo die Schwarzen diskriminiert wurden, stößt man auf die gleichen Phänomene der “Schwarzen Problematik”. Sie haben die gleichen Verachtungen, Entwürdigungen erlebt. Es gibt an dieser Sache etwas Faszinierendes, Dramatisches und Schmerzhaftes.

T.M: Viele Schwarze in Frankreich fordern eine bessere Präsens der Schwarzen in den Medien, Kinos und anderen Institutionen. Kann das dazu beitragen, dass Schwarze sich selbst akzeptieren ?

SMÉRALDA: Durch mein Buch haben viele Menschen verstanden, dass es anormal ist, dass ein ganzes Volk, eine kulturelle Gruppe auf diese Weise stigmasiert wird. Das einzige, worauf du als französischer Staatsbürger zum Beispiel ein Recht hat, wird einfacher zu erhalten, wenn dein Körper als Norm – die von Weißen konstruiert wurde – mediatisiert und akzeptiert wird.

Was wollen diese Schwarzen eigentlich, die in Europa sich in die westlichen Institutionen integrieren möchten ? Einige von ihnen instrumentalisieren sogar die “Schwarze Problematik”, um persönliche Profite zu ergattern. Ein schwarzer Journalist zum Beispiel verbreitet nur Informationen und Visionen der westlichen Welt, die von der westlichen Welt konstruiert wurden. Die brennende Frage ist zu wissen, welche Informationen und Werte werden solche Schwarzen verbreiten. Das ist eine entscheidende Frage, worüber sie viel nachdenken müssen, denn das was ein schwarzer Journalist in den (eurozentristischen:AdÜ) Medien erzählt, unterscheidet sich nicht von dem seines weißen Kollegen. Und hier liegt der Clou, sein weißer Kollege spricht von seiner Gesellschaft, seiner Kultur, von seiner Welt, und insbesondere, von dem Verhältnis, das seine Welt zum Rest der Welt unterhält.

T.M: Für einen Jugendlichen, der sich durch seine Hautfarbe diskriminiert fühlt, wäre die Präsens schwarzer Menschen in verschiedenen Institutionen nicht eine Ermutigung?

SMÉRALDA: In diesem Fall sollte man für sich selbst kämpfen und nicht damit seine Kultur in Frankreich repräsentiert wird. Das letztere wäre nur dann möglich, wenn es schwarze (in allen Schattierungen) Politiker geben würde. Hierzu müsste auch ein starker Wille für die Repräsentation einer kulturellen Gruppe vorhanden sein. Eine Gesellschaft ist eine Einheit, man durfte nicht seinen Körper mediatisieren wollen, um zu sagen: “Wenn ich Schwarze im Fernsehen sehe, würde ich mich besser fühlen und das Gefühl haben, ich sei wichtig.” ; und dann auf eine ganze Reihe von Elementen, die mich insbesondere als eine Entität ausmacht, verzichte. Auch wenn das Dominierende mir sagt, ich sei nur ein Körper und hätte meine Kultur vergessen. Ich sollte nicht vergessen , dass ich in einer Umwelt lebe, die einen Sinn hat und nicht irgendwie zufällig strukturiert ist. Dass ich nicht nur biologisiert, rassialisiert und sozialisiert bin. Wenn ich eine schwarze Person im Fernsehen sehe, passe ich immer sehr genau auf was sie sagt. Wenn diese Person Sachen erzählt, die mich weder interessieren noch kulturell nachdenklich machen – also für uns Schwarze förderlich und rehabilitierend, dann schalte ich gleich ab. Ich würde mich nie von einer solchen Person repräsentiert fühlen.

Ein Interview von T. Mirthil [ RFO ] – Übertragung aus dem Französischen: Jean Baptiste Pente


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