Stadtbild: Denkmäler prägen Bild des „bösen Türken“

Gedenkbrunnen in Klosterneuburg (c) M. Flener
Buch-Erinnerungen - Erinnerungen an die Türken in Österreich
KURZ:
  • Projekt: „Die Türken vor (und in) Wien“. Zur Vermittlung und Vergegenwärtigung von Geschichtsbildern der ,osmanischen Bedrohung‘ in Österreich“ gibt es ein interdisziplinäres Dissertationsprojekt am Institut für Sozialanthropologie der ÖAW, das von den ÖAW-DOC-Team- Stipendiatinnen Silvia Dallinger, Judith Pfeifer und Johanna Witzeling durchgeführt wird. „Shifting Memories“ ist ein Projekt zur Erforschung der Vorgänge um die Errichtung jener Denkmäler, die an die „Türken“ (Osmanen) erinnern und das Bild der Türken mitprägen.

04.01.2012 | 10:00 | Milagros Martinez-Flener

Den Belagerungen Wiens durch die Osmanen sind viele Denkmäler und Gedenktafeln gewidmet, mehr als anderen historischen Ereignissen. Forscher kritisieren, dass die Türken so als Feindbild einzementiert werden.

Wien. „Die Schulkinder lernen viele Daten, in Erinnerung bleiben den meisten aber nur zwei: 1529 und 1683“, sagt Ernst Petritsch, Historiker am Österreichischen Haus-, Hof- und Staatsarchiv. Die Rede ist von den „Türkenbelagerungen“ Wiens. Dass die Belagerer eigentlich Osmanen waren, also aus einem Vielvölkerstaat stammten und bei Weitem nicht nur Türken waren, spiele keine Rolle. Schweden, Franzosen und Preußen konnten ihre Rolle als Feindbild bei den Österreichern längst ablegen, nicht aber die Türken.

Mehr als 200 Straßennamen, Gedenktafeln und Denkmäler erinnern die Wiener unentwegt an die osmanischen Belagerungen. Erinnerungen an andere historische Ereignisse gibt es in dieser Fülle nicht. Woher kommt dieses Ungleichgewicht? „Im Unterschied zu anderen Geschehnissen haben die Österreicher bei der Belagerung von 1683 zweifelsfrei einen Sieg gefeiert“, sagt Historikerin Maureen Healy vom Internationalen Forschungszentrum für Kulturwissenschaften an der Kunstuniversität Linz. Dass der polnische König Jan Sobieski die entscheidende Schlacht gewonnen hat, wird dabei häufig vergessen.

Die Türken als Bedrohung, und Siegesszenarien sind in der Politik gut einsetzbar, sagt Sozialanthropologe Johann Heiss. Zu diesem Thema hat er gemeinsam mit dem Historiker Johannes Feichtinger das Forschungsprojekt „Shifting Memories“ an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) durchgeführt. Ein Ergebnis war, dass die Türkendenkmäler im Laufe der Zeit instrumentalisiert wurden, um ein imaginiertes „Wir“ zu stärken und sich gleichzeitig gegen einen „Feind“ von außen abzugrenzen.

Diese Denkmäler werden heute von Wienern mit türkischem Migrationshintergrund auf unterschiedliche Art und Weise wahrgenommen. Für manche ist es eine emotionale Angelegenheit, sagt Silvia Dallinger, Mitglied des interdisziplinären Forschungsteams „Die Türken vor (und in) Wien“ an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. „So fühlen wir uns immer noch“, berichtete ihr eine Österreicherin mit türkischen Wurzeln beim Anblick der Capistrankanzel am Stephansdom, die den Geistlichen Giovanni da Capistrano triumphierend auf einem am Boden liegenden osmanischen Soldaten stehend zeigt.

Neue Zugänge in der Schule

Einige Wiener befürchten, dass diese Denkmäler eine historische Kontinuität mit den jetzigen Türken herstellen und aktuelle Feindbilder unbewusst mitprägen, ergänzt Dallinger. Einige Menschen türkischer Herkunft sehen die Denkmäler wiederum positiver: „Für manche sind diese Denkmäler ein Erinnerungszeichen dafür, wie groß und mächtig das damalige Osmanische Reich war“, berichtet Dallinger.

Ähnlich positiv deuten auch einige Kinder mit türkischem Migrationshintergrund die Belagerungen Wiens, wenn sie darüber in den Schulen lernen. „Aber das ist oft auch eine Reaktion auf Diskriminierungserfahrungen im Alltag, denen sie ausgesetzt sind“, sagt Johanna Witzeling, ebenso Doktorandin im ÖAW-Projektteam.

Dass das Thema der Belagerungen Wiens sensibel behandelt werden muss und Konfliktpotenzial bergen kann, zeigt sich auch darin, dass Schüler mit türkischem Migrationshintergrund teilweise mit negativen Zuschreibungen konfrontiert sind oder sich schuldig fühlen. Um diese Assoziationen zu verhindern, überlegen einige Lehrer, wie sie das Thema behandeln sollen, ohne dass sich die Kinder damit negativ identifizieren“, berichtet Witzeling. Ein Anfang wäre es schon, den Namen an die historischen Tatsachen anzupassen und statt von „Türkenbelagerungen“, von „Osmanischen Belagerungen“ zu reden.

Seite an Seite gekämpft

Die Vermischung der Türken mit den historischen Osmanen, die zahlreichen Denkmäler, wie etwa Kugeln von osmanischen Kanonen und die Tafeln, die von den zerstörten Häusern berichten, verstärken das Bild des „bösen Türken“, meinen die Forscher. Dass die Osmanen dagegen im Ersten Weltkrieg einst Seite an Seite mit Österreich kämpften, das sei längst vergessen.


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