Texte über Tibet lesen

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04.11.2009 | 15:04 | Duygu Özkan

Österreicher haben exklusiv Zugang zu Schriften.

China zeigt, dass es auch etwas für seine Minderheiten tut“, sagt Helmut Krasser. Er hat seine Brille aufgesetzt und vergleicht klitzeklein geschriebene und geschnörkelte Zeilen, die auf Tibetisch und in Sanskrit verfasst wurden. Krasser ist Leiter eines Projektes des Instituts für Kultur- und Geistesgeschichte Asiens der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Gemeinsam mit dem Zentrum für Tibetforschung in Peking untersuchen Krasser und sein Team Texte, die zwischen dem 8. und 14.Jahrhundert in Indien und Tibet entstanden sind. „Es ist eine mühevolle Arbeit, diese Texte zu entziffern und auch zu verstehen“, sagt der Tibetologe und Buddhismuskundler. „Außerdem habe ich mir dabei die Augen ruiniert.“

Der Buddhismus in Tibet wurde maßgeblich von indischen Mönchen beeinflusst, die ihre heiligen Schriften nach Tibet mitnahmen. Durch einen regen Kontakt zwischen indischen und tibetischen Geistlichen entstand eine Vielzahl philosophischer und religiöser Schriften. Wenn auch viele ins Tibetisch übersetzte Texte heute den Wissenschaftlern bekannt sind, galten die Sanskrit-Originale lange Zeit als verschwunden. Erst nach und nach tauchten die wertvollen Originale verstreut in ganz China wieder auf.

„Einzigartiger Einblick“

China stimmte 1986 unter dem damaligen Präsidenten, Deng Xiaoping, der Errichtung eines Zentrums für Tibetforschung zu. Hauptaufgabe des Instituts ist seither die Erfassung und Untersuchung tibetischer Schriften. Ausländischen Wissenschaftlern wurde der Zugang zu den Manuskripten mehrheitlich verwehrt. Erst im Jahre 2004 wurden die historischen Bestände der ÖAW – als einzige ausländische Institution – zugänglich. Krasser: „Diese Manuskripte bieten einen einzigartigen Einblick in das religiöse, kulturelle und soziale Leben von damals.“

http://ikga.oeaw.ac.at

(DUYGU ÖZKAN, “Die Presse”, Print-Ausgabe, 04.11.2009)


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