Viele Hindernisse für Migranten in der Freiwilligenarbeit

Sunita Dhanda vom Mutter-Kind-Haus der Caritas ist eine von vielen in der freiwilligenarbeit - ©Mili Flener
Freiwilligenbericht. 
  • Der vom Sozialministerium in Auftrag gegebene Bericht gibt einen Überblick über freiwillige und ehrenamtliche Tätigkeiten in Österreich. Auch die Rolle der Migranten wird darin behandelt – mit dem Ergebnis, dass es nur wenig empirische Daten dazu gibt. Festgehalten wird, dass ein großer Teil der Freiwilligenarbeit von Migranten informell stattfindet, also abseits von Organisationen.
Ethnische Selbsthilfe 
  • Gerade Migranten helfen einander stärker im Rahmen von Nachbarschaftshilfe und Selbstorganisation – etwa bei Renovierungsarbeiten, Kinderaufsicht oder Krankenversorgung sowie im Rahmen von Behördenkontakten. Auch ethnisch-geprägte Vereine erfüllen wichtige Funktionen zur Bewältigung des Lebensalltags. Sie erfüllen eine Funktion als soziopolitische Interessenvertretung.

09.08.2011 | 20:34 | Milagros Martinez-Flener

Noch immer gibt es Organisationen, die keine Mitarbeit von Migranten erlauben. Ein großer Teil der Freiwilligenarbeit findet daher informell statt – etwa im Rahmen von Nachbarschaftshilfe und Selbstorganisation.

Wien. „Ich wollte etwas tun, nicht mehr nur vor dem Fernseher sitzen und hören, was alles gesagt wird“, sagt Malgorzata Mikolajczyk. Und so entschloss sie sich, sich als Freiwillige im Karwan-Haus der Caritas zu engagieren. Die gebürtige Polin ist nur eine von vielen Menschen mit Migrationshintergrund, die in Österreich als Freiwillige arbeiten.

Wie viele es genau sind, wurde bisher noch nicht erhoben, denn die meisten Organisationen erfassen die Herkunftsländer ihrer Mitarbeiter nicht zentral. Außerdem sind viele Migranten in zweiter Generation ohnehin schon längst Österreicher.

Ein Aspekt, der dabei oft übersehen wird, ist die sogenannte „informelle Freiwilligenarbeit“, also jene Hilfe, die nicht im Rahmen einer Organisation geleistet wird. Das reicht von Nachbarschaftshilfe bis zur Blutspende – das Rote Kreuz organisiert etwa regelmäßige Spendenaktionen gemeinsam mit dem Islamischen Zentrum am Hubertusdamm. „Die Leute wollen helfen“, sagt Malgorzata Mikolajczyk, „die Frage, ob sie Migranten sind, ob sie sich integrieren müssen, stellt sich nicht.“

Dass Migranten oft nicht den Weg zu Organisationen finden, um als Freiwillige zu arbeiten, liegt nur zu einem Teil am fehlenden Interesse. Was auch noch mitspielt, ist, dass viele Migranten gar nicht wissen, dass sie bei Hilfsorganisationen wertvolle Freiwilligenarbeit leisten können. „Es gibt keine explizite Einladung der Gastgesellschaft zur Mitarbeit“, sagt Martin Haiderer, Geschäftsführer der Wiener Tafel, die laufend auf freiwillige Helfer angewiesen ist.

Erst kürzlich wurde bekannt, dass es zum Teil nicht nur an der „expliziten Einladung“ fehlt, sondern, dass Migranten in manchen Einrichtungen sogar noch unerwünscht sind. Die Freiwillige Feuerwehr in der Steiermark und jene in Kärnten stehen etwa nach wie vor nur für Österreicher und EU-Bürger offen. Immerhin, in der Steiermark ist an eine Änderung der entsprechenden Regelung gedacht. In Kärnten sieht man derzeit keinerlei Bedarf dafür.

Ein Fehler, wie viele Experten meinen. „Ein Migrationshintergrund ist eine Kompetenz“, sagt etwa Diana Karabinova, Migrationsbeauftragte beim Österreichischen Roten Kreuz. Und auch María Rosa Muñoz-Schachinger, ehrenamtliche Mitarbeiterin des mobilen Hospizes der Caritas, sieht den kulturellen Hintergrund als Vorteil: „Manche Menschen haben Angst vor dem Tod. Aus diesem Grund werden viele Sterbende nicht von den eigenen Familien besucht und verbringen ihre letzten Tage allein.“ Als Lateinamerikanerin empfinde sie es hingegen sogar als Geschenk, diese Personen in ihrem letzten Lebensabschnitt begleiten zu dürfen und sie nicht allein sterben zu lassen.

Andere Länder sind schon weiter

Diesen anderen Zugang, den etwa die Freiwilligen aus Lateinamerika, der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien durch ihre kulturelle Prägung zum Thema Sterben und Tod haben (siehe Artikel unten links), war sogar mit ein Grund für die Gründung eines interkulturellen Teams des mobilen Hospizes.

Doch nicht überall finden sich solche Beispiele für eine positive Rolle der Migranten in Freiwilligenorganisationen. Experten orten ein strukturelles Problem dahinter: „Barrieren im Zugang zur formellen Freiwilligenarbeit in Organisationen der Mehrheitsgesellschaft sind keine österreichische Besonderheit, doch im Unterschied zu Österreich werden in anderen europäischen Ländern gezielt Maßnahmen gesetzt“, schreibt Soziologe Christoph Reinprecht im ersten Freiwilligenbericht, der kürzlich vom Sozialministerium präsentiert wurde. In Großbritannien und den Niederlanden würden etwa seit Jahren bewusst die ethnischen Minderheiten aufgefordert, die Gesellschaft zu unterstützen. „In Deutschland ist das sogar schon Teil des nationalen Plans“, sagt Petra Mühlberger, Leiterin des Freiwilligen Engagements der Caritas. Organisationen wie das Rote Kreuz und die Caritas haben daher begonnen, gezielt um Freiwillige unter den Migranten zu werben.

Wichtig für die Integration

Befürchtungen, dass es durch die informelle Freiwilligenarbeit in der eigenen Community zu einer Einkapselung der Migranten kommt und die Integration darunter leidet, hat Martin Haiderer nicht. Im Gegenteil: „Sie ist sehr wichtig, um sich in den Integrationsprozessen gegenseitig zu unterstützen, weil dadurch Informationen besser fließen können.“

Die Freiwilligenarbeit in einer Organisation hilft den Migranten, sich besser zu integrieren, denn sie erlangen nicht nur Grundkenntnisse über die Aufnahmegesellschaft, „sondern sie haben in weiterer Folge auch bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, da sie durch Einschulungen zusätzliche Kompetenzen erwerben oder verbessern können“, sagt Diana Karabinova vom Roten Kreuz.

Da die Organisationen oft Teams bilden, kommen die Migranten und die österreichischen Freiwilligen zu einem kulturellen Austausch und lernen einander besser kennen. Das trage zum Abbau von Ängsten, von Vorurteilen und Diskriminierung bei. Caritas-Helferin Mikolajczyk fasst zusammen: „Begegnungen machen Räume auf, und dort entstehen neue Möglichkeiten zu finden, was die Menschen verbindet.“


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