Vorarlberg: Islamischer Friedhof steht vor der Fertigstellung

Islamischer Friedhof Vorarlberg (c) Bernardo Bader

12.03.2012 | 17:42 | Silvia Herburger

Im November 2006 verkaufte die Gemeinde Altach für die Errichtung eines islamischen Friedhofes ein Grundstück an den Vorarlberger Gemeindeverband. Jetzt steht die Anlage kurz vor ihrer Fertigstellung. Im Juni dieses Jahres soll die offizielle Eröffnung des zweiten islamischen Friedhofs Österreichs stattfinden.

Die erste Generation jener Menschen, die als Gastarbeiter nach Österreich gekommen sind, nähert sich dem Pensionsalter oder hat dieses bereits erreicht. Mit dieser Entwicklung wird auch die Frage, der letzten Ruhestätte immer relevanter. Bisher wurde die Mehrzahl der Verstorbenen in ihr Herkunftsland rücküberführt. Diese Praxis entsprach der lange geltenden Annahme, dass diese Menschen nach getaner Arbeit dahin zurückkehren würden, wo sie her gekommen waren. Längst ist die gelebte Realität aber eine andere. Die Menschen haben sich niedergelassen, Familien gegründet und sind jetzt hier heimisch. Dies hat zur Folge, dass auch die Großelterngeneration ihren Ruhestand nicht wie zunächst geplant, im Herkunftsland, sondern bei ihren Kindern und Enkelkindern verbringen will. Somit muss wohl über kurz oder lang auch die Frage neu überdacht werden, ob Rücküberführungen nach wie vor sinnvoll sind. Laut Eva Grabherr, Geschäftsführerin von ‚okay. zusammen leben – Projektstelle für Zuwanderung und Integration‘ gibt es keine einheitliche Zählstelle für Rücküberführungen, weil darin mehrere Konsulate und auch Bestattungsunternehmen involviert sind. ‚Wir richten uns nach den Zahlen des türkischen Generalkonsulates, weil die Mehrzahl der MuslimInnen in Vorarlberg aus der Türkei stammen.‘ Grabherr geht somit von etwas mehr als 100 Rücküberführungen pro Jahr in Vorarlberg aus.

9 von 10 Toten sind Türken

2006 lebten in Vorarlberg 9 Prozent Muslime, das sind ca. 30 000 Menschen. Über 50 Prozent dieser Menschen haben die österreichische Staatsbürgerschaft. Im Jahr 2001 lag die Sterberate in dieser Gruppe bei 1,4 Toten pro Tausend im Jahr. 2020 soll sie auf 4,8 Tote pro Tausend im Jahr ansteigen. In den Jahren 2006 bis 2020 wird von ca. 1 800 muslimischen Toten ausgegangen, wovon 9 aus 10 aus der Türkei stammen und einer von 10 aus Bosnien. Grabherr rechnet damit, dass mit der Fertigstellung des islamischen Friedhofes auch die Rückführungen unter Angehörigen der ersten Generation zurückgehen werden.

Der Friedhof ist zwar bereits fast fertig gestellt, die offizielle Eröffnung wurde aber aus Baustellen-technischen Gründen auf den Frühsommer gelegt. Durch das Islamgesetzt von 1912 steht den Muslimen in Österreich als Angehörige einer staatlich anerkannten Religionsgemeinschaft das Recht auf eine entsprechende konfessionelle Beerdigung zu. Diesem Umstand wird jetzt in Altach Rechnung getragen. Der neue Friedhof soll Muslimen aus allen Vorarlberger Gemeinden zur Verfügung stehen. In 93 der 96 Vorarlberger Gemeinden leben Muslime, wobei von diesen ca. die Hälfte in Moscheevereinen organisiert ist. Für die Errichtung einer Begräbnisstätte haben sich 2003 die Vereine aller religiösen Richtungen mit der Religionsgemeinde Bregenz der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) zur ‚Initiativgruppe Islamischer Friedhof‘ zusammengeschlossen.

Islamische Rituale

Für religiöse Muslime ist die Einhaltung des islamischen Bestattungsrituals eine Form des Glaubensbekenntnisses. Zentral sind dabei die rituelle Waschung des Toten, die als Gottesdienst gilt, die Beerdigung des Toten mit den Gesicht Richtung Mekka und inmitten der Gemeinschaft der Gläubigen. Die Glaubensgemeinschaft der Muslime ist auch im Tod von Bedeutung, weshalb gemischte Friedhöfe nicht erwünscht sind.

Grundsätzlich sollte ein muslimisches Grab nicht aufgelöst werden. Es wird von einer ewigen Totenruhe ausgegangen. In Ausnahmefällen, etwa bei eingeschränkten Raumressourcen, wird aber ein islamisches Rechtsgutachten angewendet, das nach 15 Jahren eine Wiederbelegung des Grabes ermöglicht. Eine Urnenbeisetzung und damit eine Verbrennung von Toten ist aus theologischer Sicht nicht möglich, weil der Mensch zur Auferweckung am jüngsten Tag möglichst unversehrt bestattet werden sollte.

Im traditionellen Islam werden Tote nur in einem Leichentuch bestattet. In europäischen Ländern, darunter auch in Österreich werden Muslime zusätzlich in einen Sarg gebettet. Beim Begräbnis selber spricht der Imam die Totengebete. Musikbegleitung ist nicht üblich. Mitunter kann ein rhythmisches gemeinsames Sprechen von Lobpreisungen Gottes den Verstorbenen begleiten. Die Gräber sind traditionell einfach gehalten und nicht geschmückt. Das Grabmal ist mit dem Namen des Verstorbenen versehen.

Vorarlberger Friedhof offen für alle Muslime

Das Besondere am Vorarlberger Projekt ist laut Grabherr, dass es ein Gemeinden-übergreifendes Projekt ist und außerdem in guter Zusammenarbeit mit den vielen und heterogenen islamischen Gemeinschaften im Land errichtet wurde. ‚Es können sich MuslimInnen aus allen Kommunen Vorarlbergs und aus allen islamischen Gemeinschaften dort begraben lassen. Wir haben in Vorarlberg also nicht einen Friedhof für die Muslime einer Stadt, sondern für die Kommunen des ganzen Landes. Für Bundesländer abseits von Wien wird diese Zusammenarbeit von Kommunen auch aus Effizienzgründen von Bedeutung sein.‘



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