Warum es Italiener nach Österreich zieht

Italiener in Wien (c) M. Flener

25.07.2012 | 13:26 | Milagros Martinez-Flener

Früher kamen die Italiener auf der Suche nach Arbeit ins Land. Saisonarbeiter wie die Eisverkäufer gibt es nach wie vor, doch die klassischen Klischees wie das vom italienischen Pizzabäcker haben sich längst überlebt.

Wien. „Ich heiße Lino, so wie Lino Ventura – mit dem Unterschied, dass ich noch lebe.“ Lino Ghezzo stellt sich mit einem charmanten Lächeln vor. Er ist einer von rund 16.000 Italienern, die heute in Österreich leben. Vor 40 Jahren kam er der Liebe wegen nach Wien. So wie Paolo Manganiello, der seine Frau, eine Wienerin, vor 26 Jahren während eines Urlaubs in London kennenlernte. Und auch Emanuela, die über ein Erasmus-Stipendium nach Wien kam und sich in einen Österreicher verliebte. Danach blieb sie in Wien. Und auch nachdem die Liebe vorbei war, „entschloss ich mich, trotzdem hierzubleiben“, erzählt sie, „weil mir die Stadt so gut gefällt“.

Italienern wird generell eine offene Mentalität zugesprochen. Sie argumentieren das unter anderem auch damit, dass sie nicht nur mit Italienern, sondern oft auch mit Österreichern Beziehungen eingehen, auch Partnerschaften und Ehen mit Lateinamerikanern, Polen, Bosniern und Japanern sind nicht ungewöhnlich. „Die Italiener reisen viel um die Welt und haben wenig Angst vor dem Fremden“, sagt Christian Stampfer aus Südtirol, der selbst mit einer Polin verheiratet ist. Im Jahr 2009 verzeichnete der österreichische Verein Fibel über 83 binationale Ehen mit einem italienischen Partner.

2140 in Wien geborene Italiener gehören der zweiten Generation an. Wie viele von ihnen, die um die 40 Jahre alt sind, noch Italienisch sprechen, ist unklar. In den 50ern schämten sich viele, auf der Straße Italienisch zu sprechen, da sie verspottet wurden.

In den 60er- und 70er-Jahren war die mehrsprachige Erziehung der Kinder sehr umstritten. „Meine Mutter wollte uns auf keinen Fall zweisprachig erziehen“, erzählt Michael, der Sohn von Lino Ghezzo. „Sie hatte Angst, dass wir weder Deutsch noch Italienisch richtig lernen“, ergänzt er. Da sie in Wien lebten, stand es für sie außer Frage, dass ihre Kinder Deutsch lernen mussten. Und so ging bei Michael und seinem Zwillingsbruder Alexander die Muttersprache des Vaters verloren – was er bis heute sehr bereut.

Unterstützung beim Lernen

Heute ist die mehrsprachige Erziehung der Kinder kein Problem mehr. Hinzu kommt, dass die Kinder in Wien Unterstützung erhalten, etwa durch den vom italienischen Außenministerium mitfinanzierten Kindergarten sowie durch die italienische Schule, die in der Minoritenkirche Unterricht auf Italienisch anbietet.

Als seine Tochter geboren wurde, nahm sich Christian Stampfer vor, mit ihr Italienisch zu sprechen, gab aber wenige Monate später auf. Mit den eigenen Kindern Italienisch zu sprechen, wirkte für den Südtiroler künstlich, da in seiner Familie kein Italienisch gesprochen wird. Und trotzdem besteht für ihn kein Zweifel, dass er ein „vero Italiano“ ist. „Ich liebe Italien, seine Kultur und die Squadra Azurra“, sagt er stolz.

Die dritte Generation der Italiener spricht im Gegensatz zur zweiten häufig kein Italienisch mehr. Dies liegt nicht nur daran, dass sich Italiener rasch integrieren, sondern auch daran, dass die kulturelle Umgebung verloren gegangen ist. „Oft sind die Großeltern schon verstorben und mit den in Italien lebenden Verwandten gibt es nur eine entfernte Beziehung“, meint Christian Stampfer.
Die Liebe war jedoch nicht immer der Hauptgrund für die italienische Einwanderung. Schon im 16. Jahrhundert wurden aus Italien Künstler geholt, aber auch Saisonarbeiter für die Erledigung von niedrig qualifizierten Arbeiten. Als im 19. Jahrhundert die Semmeringbahn gebaut wurde, lebten in Wien und Umgebung bis zu 30.000 Italiener, die nach Beendigung der Arbeiten aber wieder abreisten.

Heute hat sich das Bild der Italiener stark von den alten Vorstellungen und Klischees gelöst. Dass Italiener etwa vor allem als Pizzabäcker oder Eisverkäufer arbeiten, ist nur mehr Legende. Heute findet man in der italienischen Community Bankangestellte, Juristen, Museologen, EDV-Programmierer, Eventmanager – und sogar Mitarbeiter im Parlament. „Was wir nicht mehr finden“, meint Paolo Manganiello, „sind Handwerker.“ Und abgesehen davon – viele Pizzerien werden längst von Türken oder Kroaten betrieben, echte Italiener haben hier Seltenheitswert.


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