ZARA: „Von einem rassismusfreien Österreich noch weit entfernt“

Claudia Schäfer, neue Geschäftsführerin von ZARA

14.12.2011 | 15:01 | Silvia Herburger

Der Verein ‚ZARA – Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit‘ wurde 1999 mit dem Ziel gegründet, Zivilcourage und eine rassismusfreie Gesellschaft in Österreich zu fördern sowie alle Formen von Rassismus zu bekämpfen. Jetzt gab es personelle Veränderungen im Verein. Ein Interview mit der neuen Geschäftsführerin Claudia Schäfer.

Seine Anti-Rassismus-Arbeit baut der ZARA auf drei Säulen auf – Beratung, Prävention und Sensibilisierung der Öffentlichkeit. Seit Jänner 2000 betreibt ZARA in Wien eine Beratungsstelle, wo Opfer und Zeugen von Rassismus kostenlos beraten werden. Die Berater sind juristisch und sozial geschult. Im Bereich der Prävention bietet ZARA außerdem ein Weiterbildungsangebot im Bereich Anti-Rassismus an, das Trainings, Workshops und interaktive Vorträge beinhaltet. Zudem wird jährlich der Rassismus Report herausgegeben, in dem anhand von Einzelfall-Berichten das Ausmaß  rassistischer Diskriminierung in Österreich aufgezeigt wird. Durch kontinuierliche Informationsarbeit über Medien versucht der Verein das Problembewusstsein für Rassismus zu steigern. Neben einem Standortwechsel gab es jetzt auch personelle Veränderungen im Verein. Die langjährige Geschäftsführerin Barbara Liegl hat ihre Agenden an Claudia Schäfer übergeben und ist jetzt im Rahmen eines EU-Projektes in Zagreb tätig. Aus diesem Anlass sprach M-MEDIA mit der neuen Geschäftsführerin über die Arbeit des Vereins und aktuelle Entwicklungen im Bereich (Anti-)Rasssismus. Die Fragen stellte Silvia Herburger.

M-MEDIA: Welche Erwartungen haben Sie als neue Geschäftsführerin an ihre Arbeit? Sind Änderungen für den Verein geplant?

Wir befinden uns bereits in einem Veränderungsprozess: Unser Büro ist umgezogen, die Mitgründerin von ZARA, Katrin Wladasch, ist seit kurzem unsere neue Vereinsobfrau, und am Wochenende haben wir bei unserem großen Charity-Event, dem ZARA:Fest 2011, herausfinden können, wie viel Mobilisierungskraft ZARA und der Kampf gegen Rassismus noch haben. Es ist sehr gut gelaufen, das Fest war ein voller Erfolg und ein großer Motivationsschub für alle MitarbeiterInnen, hartnäckig dranzubleiben und uns dafür einzusetzen, dass Rassismus in der Gesellschaft keinen Platz hat! Er macht die Gesellschaft kaputt, spaltet sie und verhindert ein respektvolles Miteinander. Solange Rassismus salonfähig ist und rassistische Aussagen von FunktionsträgerInnen- und AmtsinhaberInnen unkommentiert und konsequenzenlos geäußert werden, wird ZARA das an den Pranger stellen.

Barbara Liegl ist jetzt in Zagreb und baut dort für das Boltzmann Institut für Menschenrechte im Rahmen eines EU-Projektes eine Anti-Diskriminierungseinheit auf. Worum geht es dabei genau und was sind die Aufgaben von Frau Liegl?

Das übergeordnete Ziel dieses EU-Projekts ist es, ein effizientes und effektives System zur Bekämpfung von Diskriminierung zu schaffen und damit den Schutz vor Diskriminierung in der Republik Kroatien auszubauen. Die Kompetenzen und Fähigkeiten der begünstigten Institutionen – dem Büro des Ombudsmanns als zentrale, unabhängige Stelle zur Bekämpfung von Diskriminierung und dem Büro für Menschenrechte als staatliche Stelle zum Schutz und zur Förderung der Menschenrechte – werden vor allem im Rahmen von Trainings ausgebaut. Effiziente Systeme zur systematischen Erfassung gemeldeter und verfolgter Fälle von Diskriminierung und zur Erhebung von Gleichbehandlungsdaten sollen weiterentwickelt bzw. aufgebaut werden. Barbara Liegl konzipiert und implementiert diese Aufgabe vor Ort in Zagreb.

Wie würden sie die aktuellen Entwicklungen im Bereich Rassismus und Fremdenfeindlichkeit beurteilen?

Es geht in die richtige Richtung, wenn auch sehr langsam. Dass die Bundesregierung von den Empfehlungen des Menschenrechtsrates der Vereinten Nationen nur sehr wenige angenommen hat, die konkret mit Rassismus zu tun haben, finden wir bedauerlich. Rassismus beim Namen zu nennen fällt offenbar sehr schwer. Lieber wird das Thema im Zusammenhang mit Migration/Integration behandelt und auf die Zielgruppe der MigrantInnen beschränkt. Wir finden, dass potentiell alle Menschen von Rassismus betroffen sein können. Es handelt sich ja um ein Konstrukt, das im Kopf des Täters bzw. der Täterin entsteht und Vorurteile, die zum Beispiel beim Anblick eines Kopftuchs entstehen. Von daraus resultierenden abwertenden Äußerungen, Ausgrenzungen und/oder Beleidigungen bis hin zu körperlichen Angriffen ist eine zum Islam konvertierte Österreicherin genauso betroffen.

Welche Veränderungen in ihrer Arbeit hat es seit der Gründung des Vereins gegeben?

Grundsätzlich hat sich die Situation seit der Gründung von ZARA vor 12 Jahren gebessert: Mit dem Gleichbehandlungsgesetz gibt es seit 2004 einen rechtlichen Rahmen, der es möglich macht, rassistische Diskriminierungen zu ahnden und auch Schadenersatz zu fordern. An den Fallmeldungen bei unserer Beratungsstelle für Opfer und ZeugInnen von Rassismus können wir ablesen, dass die Zahl der Meldungen von ZeugInnen seit Beginn unserer Tätigkeit zugenommen hat. Das lässt eindeutig auf ein gesteigertes Bewusstsein und mehr Sensibilität für die Problematik schließen. Das merkt man auch daran, dass die Nachfrage nach Workshops und Trainings in diesem Bereich stetig steigt. Unser TrainerInnenpool ist seit der Gründung auf 23 Personen angewachsen.

Wie würden sie ihren Beitrag im Bereich der Anti-Rassismus-Arbeit in Österreich einschätzen?

ZARA – Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit ist nach wie vor die einzige NGO in ganz Österreich, die sich dezidiert und ausschließlich mit Rassismus und seiner Bekämpfung befasst. Das sendet ein sehr klares Signal nach außen. Wann auch immer zu diesem Thema etwas gefragt wird, klingelt bei uns das Telefon. Nur noch sehr selten trudeln bei uns Bewerbungen für die gleichnamige Modekette rein.

Sind wir dem vom Verein anfangs gesteckten Ziel einer ‘rassismusfreien Gesellschaft’ näher gekommen?

Das können wir natürlich schwer messen, und von einer rassismusfreien Gesellschaft ist Österreich leider noch weit entfernt. Mit Sicherheit aber ist die Sensibilität für das Thema und die damit zusammenhängende Problematik gestiegen. Das zeigt auch die steigende Nachfrage nach unseren Workshops zum Thema Anti-Rassismus. Viele Organisationen und Unternehmen kommen auf uns zu, weil sie erkannt haben, dass Ausgrenzung und Diskriminierung die Stimmung am Arbeitsplatz kaputt machen, und, sollte ein solches Verhalten im Umgang mit KundInnen auftreten, natürlich fatal ist.


Kommentieren Sie den Artikel





Weitere Artikel von Silvia Herburger