Zdravko Haderlap: „Der Wahnwitz war ein Teil des Krieges“

Auf Partisanenwanderun(c) Heiko Kilian Kupries
ZUR PERSON:
  • Zdravko Haderlap, geb. 1964 in Bad Eisenkappel/Železna Kapla, aufgewachsen in Lepena. Er ist u.a. Theatermacher, Kulturarbeiter, Imker und Schnapsbrenner. Er ist der Bruder von Schriftstellerin Maja Haderlap.

13.08.2013 | 14:58 | Kerstin Kellermann

REPORTAGE. Der Lepena Graben in Südkärnten und seine Vergangenheit zwischen nationalsozialistischen Truppen und Widerstandskämpfern. Auf  Partisanen-Wanderung mit dem Theatermacher Zdravko Haderlap.

Dicke schwarzgelbe Kärntner Feuersalamander, so genannte „Sterngucker“, schleichen quer über den Weg, verlangsamt von der Kälte. „Es bräuchte Laubbäume hier am Hang für Humus und Erde, denn die Hopfenbuchen bauen ein Wasserreservoir auf. Die Römer bauten ihre Kriegsschiffe aus dem Holz der Hopfenbuche und in Wien sind die alten Gewerks-Gebäude aus diesem Holz“, sagt Zdravko Haderlap unter seiner grünen Partisanen-Mütze hervor und deutet mit dem Stock auf den belaubten Waldboden: „Die Triasblume sehen wir jetzt nicht, sie blüht nur im Frühling. Sie geht um 250 Millionen Jahre zurück, sie war die allererste Pflanze, die die Erde bevölkerte.“ Der Name „Haderlap“ kommt übrigens von „Haderlump“, einem „Fetzensammler“.

Widerstand in Gläsern

In der Früh gab es für die Teilnehmer der Partisanen-Wanderung den so genannten „Widerstandsgeist“, einen selbst angebauten Schnaps in bunten Gläsern. Zdravko Haderlap, ein jüngerer Bruder der Schriftstellerin Maja Haderlap, lebt wieder auf dem elterlichen Hof in Lepena, am alten Winkel-Hof mitten im Graben in Südkärnten. Er kehrte zurück, denn „in Berlin, wo ich mit Johann Kresnik Theater machte, ereilte mich die Nachricht, dass der Vater am Totenbett liegt. Ich habe schon genug verdrängt und dachte, ich gehe hier nie mehr her. 13 Jahre war ich weg.“ Wer Maja Haderlaps Buch „Engel des Vergessens/Angel Pozabe“ gelesen hat, weiß, worauf er anspielt: Auf äußerst anstrengende Kinderjahre und Auseinandersetzungen mit einem Vater, der als Elfjähriger zu den Partisanen ging und durch die Todesbedrohungen der Nationalsozialisten einen Schaden davon trug, den er später auf seine Art auslebte. Der alte Zdravko Haderlap, auf den die Nazis schossen, als er ein Kind war, bedrohte später die eigenen Kinder mit dem Schrotgewehr. Der junge Zdravko steckte einmal die Finger in den Lauf, um den Vater aufzuhalten.

„Bei uns wachst der Weißdorn, wenn man den wegrodet, verhungern Neuntöter und Wiedehopf, denn die hängen  ihre Beute auf die Spitzen und essen von ihnen herunter. Ich ziehe diese Dornengestrüppe ganz bewußt auf“, schwärmt der kräftige Tanztheater-Mann, der manchmal ein ganz junges Gesicht bekommt, als ob er selber als Kind oder als Jugendlicher durchscheinen würde.

Wahnsinn und Wahnwitz 

Kinder und Enkel ehemaliger Partisanen aus dem langgestreckten, früheren Partisanen Gebiet, den Tälern, Gräben, Bergen, hüben und drüben der heutigen Grenze nach Slowenien wandern mit. In Maja Haderlaps Buch „Engel des Vergessens/Angel pozabe“ werden die Kinder in Aufregung gestürzt, weil der Vater immer wieder droht, sich zu erhängen und sie sich ständig in Alarmbereitschaft befinden, ob er es wirklich einmal tut. Die Nazis hängten ihn als Jugendlichen, der Informationen für die Partisanen transportierte, an den Nussbaum, um ihn zum Reden zu bringen und später verschwand er als ausgewachsener Mann immer wieder mit dem Strick auf die Heutenne oder ins Bienenhaus. Kinder und die Mutter hinterher. Seine Art von Wiederholung der Todesbedrohung – einem schrecklichen Theater, das ihn erleichterte oder aber in neue Ängste warf. In ganz Lepena wuchsen die Kinder mit schrecklichen Trauma-Folgen auf und dachten lange Zeit diese Art des Verhaltens von Erwachsenen wäre normal.

„Die Leute haben in diesem Wahnsinn und Wahnwitz einfach gelebt – das war scheinbar in sich ein Teil des Krieges. Die ganzen Traumata, die mit gekommen sind, hat man einfach in sich getragen, und ob man nun über Most redet oder über den Nussbaum, auf dem der Vater als Kind gefoltert wurde, die Emotionalitätsebene war gleich. Man ist von der Träne, die einem herunter rinnt, im nächsten Satz wieder zu einer Freude gekommen, es war ein Fluss, ein Redefluss und im Redefluss war das Geschehen ständig präsent“, sagt Zdravko Haderlap später im Gasthaus am Berg oben, als die Dunkelheit herein bricht und es komplett finster wird.

Route in die Gegenwart

„Hier gibt es Dolomitgestein und Karst, das Wasser geht in den Ostkarawanken zurück. Der Huligraben ist nach der Hölle und dem Teufel benannt. Wenn du nicht brav bist, kommst du in das Loch des Huligrabens, wohin auch das Wasser entschwindet, hieß es. Bestimmte Leute haben hier umgegraben und einige haben versucht, andere zu entsorgen. Die Gegend ist schon abgewirtschaft, abgestorben und menschenleer. Ganze Generationen haben sich in Depression gebadet“, sagt Zdravko, der im September seine Version eines Theaters nach dem „Engel des Vergessens“ zeigen wird. Den „Engel des Erinnerns“. Denn er will „die Kernaussagen des Romans auf die Orginalschauplätze zurückholen, auf die Route in die Gegenwart – eine  archaische Welt, die nicht mehr existiert, zertrümmert und längst vergessen ist“.

Dann zeigt der Bauern- und Partisanensohn noch die seltene Stein- oder Felsenbirne her und das fleischfressende Fettkraut, das Insekten auflöst. Er will wieder Leben in den Graben bringen. „In Eisenkappel gab es ab dem neunten oder zehnten Jahrhundert bereits Bergbau, es war ein klassischer Kohleplatz, um Holzkohle zu erzeugen.“

Alles voll mit Bunkern

Bürger aus Ljubljana und Völkermarkt finanzierten die ersten Hammerwerke, später Adelige. „Lavantaler Erz wurde abgebaut, Kupfer, Zink und andere Rohstoffe. Das Tal der Vellacher Kotschna war komplett kahl von der Zinnober Verarbeitung zu Quecksilber.“ Mitte des 19. Jahrhunderts hörte der Bergbau in Eisenkappel auf, die Alpine Montan zog nach Steyr ab und entwickelte sich zur Voest Alpine. Im Potok Graben gab es Urwälder und eine eigene Rollbahn auf Schienen drinnen. Die Gräben waren schon in früherer Zeit Abwanderungsgebiete, daher erhielt die Gegend zum Beispiel das Monopol zum Meersalzhandel, damit die Einwohner bleiben.

„Die Zellstoff-Fabrik wurde zugesperrt, die Sägefabriken, die Tischler – alles ist zu. Es ist eine Tragödie“, sagt Zdravko. „Es ist ein klassisches Partisanengebiet, mit Grotten und Höhlen. Man hat gewußt, sich zu verstecken. Es ist alles voll mit Technik Bunkern, Stabsbunkern, Erdbunkern und Kurier Bunkern. Kinder und Jugendliche trugen die Informationen in Tagesmärschenweiter. Unter der Ojstra gab es sogar eine ganze Druckerei in einem Bunker, in der eine eigene Zeitung hergestellt wurde.“

Mörderische NS-Söldnertruppe

Nach dem schrecklich steilen Gamssteig, wird der Blick immer weiter und klarer. Die Sonne leuchtet schwach durch die Nebelschwaden. „Über dem Peršman-Hof gibt es eine Grotte für 150 Leute mit nur einem Zugang, einem Fluchtweg, aber auch Partisanen, die im Wald leben, müssen einmal für Wäsche und Verpflegung ins Tal. Ohne die Unterstützung der Zivilbevölkerung wäre der Widerstand nicht möglich gewesen, wegen den Aussiedlungen erreichte die Rebellion so eine Breite.“ Zdravko meint, dass seine Schwester Maja ihr Buch nur stellvertretend schrieb, denn „es gibt kein Haus in Lepena, wo nicht jemand im Widerstand oder im Konzentrationslager war.“ Dann geht es wieder um Marienmilch, die von Stalaktiten gefangen wird, sehr geheimnisumwobene Sprengsätze, Wildkatzen, Karawanken-Bären und eine Moräne, einen Berg, der die Eiszeit überdauert hat, „nur die Täler sind jünger als 20.000 Jahre.“

Unter der Olševa wird ein See im Berginnern vermutet, denn der Hang wird immer bauchiger. Schädelknochen von Höhlenbären, Wanderjäger, Menschen, die hier die Eiszeit überdauerten – „die waren Chinesen!“, lacht Zdravko: „Hier schiebt sich die afrikanische Platte über die euro-asiatische und die Kärntner Urangst kommt wohl daher, dass unsere Platte von der afrikanischen gefressen wird!“ Aus diesem Grund gibt es aber auch Mineralquellen in Bad Bleiberg.

Ein Verbrechen an Kindern

Von oben her über den verlassenen Peternel-Hof nach langer Wanderung endlich beim Peršman-Hof und dem heutigen Museum angekommen, wringt Zdravko Haderlap ununterbrochen seine Hände, während er von dem Massaker an den Kindern erzählt. Elf ermordete Menschen, davon sieben Kinder. Wie kam es dazu? „Das Ostbataillon der Partisanen machte ein riesiges Picknick, die wogen sich in Sicherheit, auch Kinder vom anderen Hof halfen. Über Hundert Männer mit Waffen lagerten auf der Wiese. Es war vierzehn Tage vor Kriegsende. Plötzlich überwältigte eine Söldnertruppe, das Regiment 13, das hinter der Wehrmacht die Dörfer putzte, die Wachen. Die Partisanen ließen alles stehen und liegen und verschwanden Hals über Kopf in den Wald. Die Kinder blieben ungeschützt zurück. Am 25. April 1945 kam es zum Verbrechen an den Kindern. Das SS- und Polizeiregiment 13 ermordete sieben der Kinder im Alter von ein bis zwölf Jahren: Adelgunde und Stanko Kogoj sowie Viktor, Franziska, Bogomir, Albina und Filip Sadovnik. Die Hofbauern Ana und Lukas, die 80-jährige Altbäurin Franziska und die Schwester des Bauern, Katarina Dobravc. Die Opfer verbrannten zum Teil samt Wohn- und Wirtschaftsgebäude.“ Nur Anci, Malka und Ciril, die sich versteckten, überlebten, als alles niedergebrannt wurde. „Die Leichen lagen auf dem Boden, keiner traute sich zu ihnen hinzugehen. Schließlich schickte der Pfarrer wen und die toten Kinder wurden am Karren eingesargt. Letztlich wurden alle von dieser Polizeieinheit Verhafteten wieder frei gelassen, nur einer der Täter in Ungarn verurteilt.“ In Nachbarschafthilfe baute man später das Haus wieder auf, damit die verlassenen Kinder wieder in Koprein-Petzen leben konnten.

Im Stich gelassen

„Anci wurde dann zum zweiten Mal zum Opfer gemacht“, berichtet Haderlap, „weil die Ereignisse nicht zum Verbrechen gemacht wurden. Ihre Opferfürsorge galt nur bis zur Volljährigkeit, denn die war nur für Widerstandskämpfer und Kinder hätten keine Widerstandskämpfer sein können, behauptete die Behörde.“ Der Peršman-Hof wurde zum Verkauf ausgeschrieben, Deutschnationale und Partisanen wollten eine Gedenkstätte daraus schmieden.

Dass die Partisanen, erwachsene Männer mit Waffen, die Kinder im Stich ließen und nur sich selbst retteten! Der Enkel von Anci, der ihre Geschwister ermordet wurden, stehe heute auf deutschnationaler Seite, erzählt Zdravko, und schon ihr Sohn meinte, die Partisanen wären Verbrecher. Denn Verrat und Verlassenwerden seien schlimmer als das, was die Nazis anrichteten, von denen man sich eh nichts anderes erwartete. Ähnlich Kindern, die bei Missbrauch wütender auf eine nicht schützende oder helfende Mutter sind, als auf einen Vater, der Täter ist.

Kärntner Slowenen und die zweite Republik

„Man war am Ende des Zweiten Weltkrieges auf der Siegerseite und kurze Zeit später war man wieder wie im Krieg und hat seitens der Politik den gleichen Sprachjargon verwendet – bei alledem sind einem aber dieselben Bilder aufgekommen, die man erlebt hat“, resümiert Zdravko später im Gasthaus den Spagat zwischen eigener Trauer, dem Kampf mit den Schäden der Eltern-Generation und der Vorgangsweise der offiziellen Politik. „Politik funktioniert leider so, dass man sich auf Kosten des Anderen an der Macht hält. In Kärnten auf Kosten der slowenischen Volksgruppe. Das ist das Spiel der Politik, politischer Mißbrauch. So wie meine Schwester Maja Haderlap selbst gesagt hat: Was Österreich in den letzten Jahrzehnten verabsäumt hat, ist es, offiziell zu sagen, dass die Volksgruppen, vor allem die Kärntner Slowenen, mit dem organisierten bewaffneten Widerstand als einzige im Deutschen Reich, maßgeblich zur Entstehung der Zweiten Republik beigetragen haben. Man erwartete sich, dass dieser Widerstand irgendwie verstanden wird, aber er ist dann nur so lange aufgenommen worden, bis der Staatsvertrag unterzeichnet wurde.“


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