Abate Ambachew: „An Rassismus habe ich mich gewöhnt“

Abate Ambachew © Farzad Dadgar

12.03.2008 | 17:37 | Nasila Berangy

Warum ein Äthiopier vom Profi-Läufer zum Tänzer der „Samba Group of Life“ wurde und wie er Österreich etwas zurückgeben möchte: „Unsere Kultur, die wir mitgebracht haben.“

WIEN.Der Bus der Schauspieler wird an der polnisch-tschechischen Grenze gestoppt. Aufgeregt läuft ein Polizist zwischen Bus und Polizeistation hin und her. Die Insassen dürfen den Bus nicht verlassen. „Was ist das Problem?“, will Abate Ambachew wissen. Keine Antwort. Er ist der einzige Schwarze im Bus und der einzige, von dem die Polizeibeamten den Pass abnehmen.

Eine Stunde vergeht. „Ich habe mich sehr geschämt, dass wegen mir die ganze Gruppe aufgehalten wurde.“ Ambachew ist Äthiopier, in Österreich anerkannter Flüchtling und Teil des Schauspielensembles. „Ich bin kein Krimineller, wieso werde ich als solcher behandelt?“ Wortlos bekommt er seinen Pass wieder, der Bus wird durchgewinkt. Keine Erklärung, keine Entschuldigung. Nichts.

Als vor etwa sieben Jahren ein Regisseur ins Integrationshaus kam und Statisten für ein Theaterstück gesucht hatte (siehe Artikel oben), zeigte Ambachew spontan Interesse. Damals war er noch Asylwerber. Dass aus der Statistenrolle mehr werden könnte, hatte er weder geahnt noch angestrebt. Er war Profi-Läufer und wollte es auch bleiben.

Die Schauspielerei begann ihm Freude zu bereiten. Ambachew: „Ich kann beim Schauspielen meine Gefühle ausdrücken.“ Aber: Das Dasein als Statist auf der Bühne erfüllte ihn nicht. Deswegen versucht er sich auch als Journalist bei „Discovery TV“, beim Communitysender „Okto“, als Drehbuchautor und vor allem als Tänzer bei „Samba Group of Live“. Nicht selten spielt die Gruppe für ein paar Euro oder einfach für etwas zu trinken und essen. Manchmal kommen größere Auftritte dazu – etwa auf dem Flüchtlingsball oder bei SP-Veranstaltungen; auch Trommelunterricht für Österreicher ist keine Seltenheit. Trotzdem sagt er: „Ich fühle mich in Österreich nicht Zuhause.“

Seinem Beruf als Läufer kann er nicht mehr nachgehen. Es gab Zeiten, da konnte er sich nicht einmal die teuren Laufschuhe leisten. „Welches Land könnte ich repräsentieren? Österreich? Äthiopien?“ Laufen ist teuer und ohne Sponsoren unmöglich. Sein Wunsch, österreichischer Staatsbürger zu werden, blieb ihm bisher verwehrt.

„Kann mich nicht frei bewegen“

Trotz Unterstützungsbriefen von Theaterhäusern – etwa des Burgtheaters – wurde der Antrag, ihm die Staatsbürgerschaft für außerordentliche künstlerische Leistungen zu verleihen, abgelehnt. Und dabei ist er auch nach Österreich gekommen, um etwas zurückzugeben. Nämlich: „Unsere Kultur, die wir mitgebracht haben.“ Allerdings: „Ich bin kein Teil von Österreich, solange ich kein Staatsbürger bin.“ Zudem sei es schwierig, für manche Länder ein Visum zu bekommen. „Ich kann mich nicht frei bewegen.“

Ambachew: „Ich bin nicht der einzige, dem es so ergeht. Andere sind noch schlechter dran“ – etwa einige Musiker seiner Gruppe: „Sie wissen nicht, ob ihr Asylantrag angenommen wird. Ihre Zukunft ist ungewiss.“

„An Rassismus habe ich mich gewöhnt. Ambachew: „Manche sehen Schwarze und denken automatisch: ,Drogendealer‘.“ Einmal, auf dem Weg, bedrohte ihn jemand mit gezücktem Messer. Nach der Angst vor dem Messer kam die Angst vor der Polizei, als er den Notruf anrief.

Aus eigener Erfahrung sagt er: „Auch unter Polizisten gibt es welche, die nicht einmal fragen, was passiert ist – sondern erst einmal den Schwarzen als Schuldigen abstempeln, gewissermaßen automatisch.“

In dem Fall lief die Amtshandlung korrekt ab: Die Polizisten protokollierten und nahmen den Verdächtigen fest.

(NASILA BERANGY, “Die Presse”, Print-Ausgabe, 12.03.2008)


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