Ausstellung: Junge Muslime zeigen ihr Österreich auf Fotos

07.12.2011 | 10:21 | Ilona Antal und Ania Haar

Fotoschau. Österreichische Muslime zeigen in der Ausstellung „I am from Austria“ ihr persönliches Bild von Österreich. Mit der fast ausgestorbenen Polaroidfotokunst ist eine besondere Aufnahme der Gesellschaft entstanden.

Wien. „Man muss den Willen haben, etwas Neues kennenzulernen und dafür offen zu sein, bevor man urteilt“, sagt Nesrin El-Isa, eine der Teilnehmerinnen des Projektes „I am from Austria“.

Die Idee hinter dem Projekt der Muslimischen Jugend Österreich (MJÖ) ist einfach: Junge Muslime zeigen ihr persönliches Bild von Österreich. Ursprünglich war das Fotoprojekt für ein Dutzend Wiener angedacht. Das Interesse war aber so groß, dass es auf ganz Österreich erweitert wurde. Daraus entstanden rund 500 persönliche Eindrücke, festgehalten auf Polaroidbildern. Die meisten davon sind in der Ausstellung „I am from Austria“ ab heute, Mittwoch, zu sehen (Vernissage um 18 Uhr, wienXtra-ifp, Albertgasse 35/II, 1080 Wien, Eintritt frei).

Das Besondere an dieser Ausstellung ist der Einsatz der Polaroidtechnik. Mit dem Aufkommen der digitalen Technik ist die Polaroidfotografie eine Rarität geworden. Für junge Muslime aber bedeutet sie Erinnerung an ihre Kindheit. Eine Magie im Festhalten des Moments, die mit dem Drücken der Starttaste nicht mehr veränderbar ist. Teilnehmer zwischen 15 und 25 Jahren zeigen, was sie mit Österreich verbindet. Unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Zugänge. Für den einen ist es die U-Bahn, für den anderen sein Bücherschrank oder die Landschaft. Und Österreicher und Muslim zu sein, ist kein Widerspruch – hier geboren, aufgewachsen, in die Schule gegangen. Hier warten die Freunde auf einen, hier ist die Familie. Dennoch wird man oft als Fremder wahrgenommen. Dabei ist bei jungen Muslimen Integration kein Thema, da sie Österreicher sind. Aber wer ist ein Österreicher? Wie definiert man sich als Österreicher?

Rassistische Vorfälle

Nesrin ist 15 Jahre alt und wurde in Österreich geboren. Ihre palästinensischen Eltern kamen vor 40 Jahren für ein besseres Leben von Jordanien nach Wien. Mit ihren sieben Geschwistern lebt Nesrin im 12. Wiener Gemeindebezirk und geht noch zur Schule, die sie zu einem ihrer Motive gemacht hat. „Damit will ich zeigen, dass man in Österreich sehr gute Bildungschancen hat und ich dafür sehr dankbar bin.“ Nesrin wurde zwar nie mit Rassismus konfrontiert, versteht aber nicht, „warum man Muslime nicht hier haben will“. In ihrem Bekanntenkreis gab es rassistische Vorfälle bei Frauen, die ein Kopftuch tragen. Darüber ist die 15-Jährige, die bald auch ein Kopftuch tragen möchte, verärgert: „Wir möchten den Österreichern zeigen, dass wir uns hier wohl fühlen und keine Terroristen sind.“

Muslime würde man oft als Bedrohung sehen, woran großteils die Medien schuld seien. Da werde der Islam oft nur mit Terrorismus und Gewalt in Verbindung gebracht. „Das muss sich ändern“, sagt die junge Muslima und erwähnt dabei das Projekt „Ramadan, Teilen ohne Grenzen“, das von der Jugendorganisation MJÖ ins Leben gerufen wurde. Dabei haben junge Muslime während des Fastenmonats Ramadan bedürftigen Menschen geholfen. So wurde auch der 24-jährige Ijad Neirukh aus Niederösterreich auf das Projekt „I am from Austria“ aufmerksam. Ijad studiert in Wien, lebt aber in Niederösterreich. Das tägliche Pendeln nutzt er gern zum Nachdenken und zum Fotografieren. Als Motiv wählte er seinen Tagesablauf in Wien, wobei ihn die Innenstadt und die Kultur Wiens am meisten faszinieren.

„Stärkere Zugehörigkeit“

Durch die MJÖ sei seine „Zugehörigkeit zu Österreich verstärkt worden“. Etwa durch die organisierten Reisen nach Salzburg und Tirol, die er sonst aus zeitlichen Gründen nicht hätte machen können. Der junge Hobbyfotograf lebt noch mit seinen Geschwistern bei seinen Eltern, die vor 30 Jahren aus Jerusalem nach Österreich ausgewandert sind, um in Wien Medizin zu studieren. Über sich selbst sagt der gebürtige Österreicher, dass sich sein „Lebensstil von einem Durchschnittsösterreicher nicht unterscheidet“. Ijad ist sozial engagiert, arbeitet bei der Rettung, bei der es ihm egal ist, woher seine österreichischen Mitmenschen kommen. Er möchte helfen – ganz egal wem. Und ist stolz, Österreicher zu sein. Wie stark er mit seiner Heimat verbunden ist, merkt er im Sommer.

Jedes Jahr fliegt er in den Ferien mit seiner Familie nach Jerusalem. Schon nach einer Woche bekommt er Heimweh. Hier in Österreich habe er mehr Freiheit, seine Freunde und seinen Alltag, den er liebt. Ihm ist daher wichtig, den Österreichern zu sagen: „Ich gehöre zu euch.“

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 07.12.2011)


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