Dialog im Dunkeln – Führung in die Welt der Menschen mit Sehbehinderung

© Facebook Dialog im Dunkeln Wien
EszterBlindenschriftHinein in die Dunkelheit
HINTERGRUND
  • Dialog im Dunkeln ist ein Sozialunternehmen, welches von Andreas Heinecke gegründet wurde.
  • Laut Wikipedia gab es 1993 die erste Ausstellung in Wien.
  • Seit 2002 befindet sich die Ausstellung im Schottenstift im 1. Bezirk.
  • Ziel ist es den Menschen die Welt von Blinden näher zu bringen.
  • Seit 1988 ist die Ausstellung in über 30 Ländern  präsentiert
  • Mehr Informationen: http://www.dialogimdunkeln.at
 

27.05.2014 | 12:23 | Julia Cicona

Die Ausstellung „Dialog im Dunkeln“ im 1. Wiener Bezirk ermöglicht die Welt von Menschen mit Sehbehinderung zu erleben. Unsere Reporterin Julia Cicona hat am eigenen Leib die Erfahrung gemacht. Es war spannend und lehrreich.

Das Boot schaukelt stark. Ich muss mich an der Reling festhalten, um nicht von der Bank zu rutschen. Kühler Wind bläst mir ins Gesicht. Links neben mir schreien zwei Mädchen auf. „Kannst du bitte meine Hand halten,“ fragt das eine Mädchen das Andere. „Klar,“ antwortet die andere. „Danke,“ sagt die Erste. Ehrliche Dankbarkeit liegt in ihrer Stimme. Das Boot wird langsamer. „Gleich sind wir wieder an der Küste Europas,“ erklärt uns Eszter, unser Guide. Von Afrika sind wir aufgebrochen. „Seht ihr schon die Küste,“ fragt uns Eszter. Blanke Ironie liegt in ihrer Stimme. Denn keiner von uns sieht die Küste. Wir sind hier in vollkommener Dunkelheit.

Meine Reise führt nicht tatsächlich von Afrika nach Europa. Sie führt mich in ein gänzlich unbekanntes Land. Ein Land, wo keine Schatten existieren und keine Farbe das Auge streift. Ich bin im Land der Sehbehinderten, wo die Sonne zwar ebenso warm, aber nicht hell ist. Die Ausstellung „Dialog im Dunkeln“ macht dieses Erlebnis möglich. In Gruppen von acht Personen wandert man durch völlig dunkle Räume. Sehbehinderte Guides helfen den Besuchern durch die Dunkelheit zu finden. Hier bin ich die Blinde, der nach Hilfe und Orientierung sucht. Verschiedenste Situationen machen die Reise aber nicht nur für die Gäste zur Herausforderung. „Manche Menschen werden lauter. Es ist gut, wenn die Gruppe lebhaft ist, aber chaotisch soll sie nicht sein. Sonst bekommen die einen nur die Hälfte mit,“ erzählt mir Eszter im Gespräch. Doch meist sind es schöne Erfahrungen, die sie macht. „Einmal hatte ich eine Einzelführung mit einer portugiesischen Ärztin, das war schon sehr besonders. Sie kam von so weit, um das hier zu erleben. Später bekam ich auch eine Rückmeldung per Mail von ihr, dass es ihr gut gefallen hat.“

Ich bin gespannt. Eine Einzelführung bekomme ich nicht. Ich gehe mit meiner Gruppe in den Keller. Kahle Steinwände. Kühle Luft. Wir stehen vor einem großen Eingang. Was sich dahinter verbirgt, weiß ich nicht. Wir bekommen erklärt, wie sich der Ablauf gestaltet. Eszter wird unsere Expertin und Begleiterin sein. Sie wartet bereits in der Dunkelheit auf uns. Wir bekommen Blindenstöcke in die Hand. Wir sollen den Plastikstock wie einen verlängerten Zeigefinger nutzen und uns vertraut machen. Die Spitze ist mit einem Gummi bestückt. Ich probiere den Stock aus. Von diesem Stab bin ich abhängig. Wie sehr, wird mir erst während der Führung bewusst.

Ich gehe als Erste. Der Eingang schluckt hungrig das Licht, wir gehen um mehrere Ecken. Dunkelheit hüllt sich langsam um mich. Dann ist jedes Licht weg und ich sehe schwarz. Ich blinzle. Doch die Dunkelheit bleibt. Ich strecke meine Hand aus, versuche diese Dunkelheit zu begreifen. Hinter mir aufgeregtes Geplapper. Eszter wartet schon, spricht zu uns. Wir sollen uns an der linken Wand entlang tasten. Ich höre Vogelgezwitscher, Grillen, Wasser. Der Boden unter mir verändert sich. Zuerst gehe ich über harten Beton. Nun wird er weicher. Gras. Ein Urwald. „Stopp“, sagt Eszter, „Hier gehen wir über eine Brücke.“ Eine Brücke?! Die Stimmen um mich werden lauter, aufgeregter. Ich bin verwirrt. Wo gehe ich hin? Es strengt mich an, den Gesprächen zu lauschen und gleichzeitig den Weg finden zu müssen. Ich taste mich mit meinem Blindenstock vor und spüre Holz unter meinen Füßen- die Brücke. Ich klammere mich mit der einen Hand an das Geländer. In der anderen Hand tastet sich mein Stock unaufhörlich voran. Nur kleine, zaghafte Schritte wage ich. Am anderen Ufer spüre ich Kies. Das Knirschen des Kieses wird lauter, je mehr Leute die Brücke überqueren. Doch nicht lange, denn es wartet schon die nächste Brücke auf mich. Diese bewegt sich, schwankt unter mir. Es ist ein merkwürdiges Gefühl. Bewegung ist normalerweise etwas, das ich beobachte, sehe. Hier spüre ich sie. Ich bin unsicher. Ich komme wieder auf festen Boden an, doch das Schwanken bleibt. Ich brauche eine Minute, um „den Boden wieder zu finden“.

Wir gehen weiter. Zaghaft und mit Bedacht bewege ich mich. Immer wieder stoße ich mit Leuten aus meiner Gruppe zusammen.

Szenenwechsel. Wir hören Lärm. Was ist das- eine Waschmaschine? Nein, das kann nicht sein. Straßenlärm. Gehupe. Das Aufheulen eines Motos beim Gas geben. Lastwägen, die Auspuffgase ablassen. Es klingt wie ungeduldige Rennpferde, die nur auf den Startschuss warten um losdonnern zu können. Eszter sagt uns, dass wir die Straße überqueren müssen. Wie soll das gehen, frage ich mich. Zum ersten Mal fühle ich mich überfordert. Die Szene wird hektisch und bedrohlich auf mich. Wir sollen auf die Fußgängerampel achten. Sie tickt. Erst wenn das Ticken schneller wird, können wir über die Straße gehen. Ich muss meine ganze Aufmerksamkeit dieser einen Aufgabe widmen. Relativ planlos überquere ich die Straße. Die Autos und Lastwägen „schnaufen“ unaufhörlich. Das macht mich nervös. Ich stoße mit meinen Beinen gegen etwas Metallisches, Kaltes. Erst durch mehrmaliges darüberstreichen, begreife ich, das dies ein Auto ist. Es parkt am Straßenrand. Ich habe es geschafft.

Von der Straße aus gehen wir in ein Geschäft. Eszter sagt, „Hier kaufen wir ein. Schaut mal, was es alles hier gibt.“ Natürlich schaut keiner, sondern ertastet die Gegenstände. Ich spüre ein Dreirad, ein Telefon, einen Rechenschieber, eine Besteckschublade. Auch eine Kassa und ein Postkartenständer finden sich. Ich frage mich, wo und wie ich zahlen soll. Eine ähnliche Situation wartet am Ende der Tour. Der neue Raum riecht wie ein Weinkeller, modrig und feucht. Der Geruch verändert sich. Er wird herber- ich rieche Bier. Musik spielt im Hintergrund. Eine Bar. Hier kann man Getränke bestellen. Soft- und Engerydrinks. Bezahlt wird mit echtem Geld. Probleme beim Trinken scheint es nicht zu geben. Ich höre das Zischen von eben geöffneten Dosen. Der Geruch von Cola steigt mir in die Nase. Ich warte. Stimmen überall. An die Dunkelheit habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Ich kann ruhig den Gesprächen lauschen.

Wir sind am Ende der Tour angelangt. Wir gehen wieder eine Wand entlang. Die Dunkelheit löst sich langsam auf. Erste Lichtstrahlen fallen um die Ecke. Ich trete hinaus.

Vorsichtig war ich als ich in die Dunkelheit ging, genauso aber auch, als ich wieder herausgetreten bin. Auch die Konzentration auf einzelne Sinne spielt eine bedeutende Rolle, da einem schließlich ein Sinn fehlt. Angst hatte ich nicht, doch ob ich mich alleine in den Staßenverkehr wagen würde, weiß ich nicht. Eszter hat mir erzählt, dass sie es genieße Psychologin zu spielen. Seit sieben Monaten ist sie nun dabei und ist zu einer Erkenntnis gelangt: „Die Natur des Menschen kommt hier zum Vorschein. Menschen verbinden Dunkelheit oft mit Ängsten. Viel kommt aus dem Unterbewusstsein hervor. Man macht nicht nur Erfahrungen über die Blindheit, sondern auch über sich selbst. Kinder, genauso wie Erwachsene.“

 


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