Buchtipp: Diplomat als Küchenhilfe

Buch-Cover-Integrationsluege
BUCH:
  • Eva Maria Bachinger und Martin Schenk
  • Die Integrationslüge, 2012, Deuticke im Paul Zsolnay Verlag
  • 208 Seiten
  • € 18,40

29.02.2012 | 9:19 | Ania Haar

„Die Integrationslüge“ zeigt Lebenswege von Migranten, denen häufig gar keine Chance gegeben wird. Die Geschichten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bieten einen tiefen Einblick.

Wien. Gurken schneiden, Salat waschen und abwaschen: Das ist die Arbeit von Said Haroun Sahebzada. Der Afghane wird als Mitarbeiter geschätzt, nie war er im Krankenstand – sogar mit Fieber ging er zur Arbeit. Doch etwas passt nicht ins Bild vom fleißigen Küchengehilfen des Café Leopold im Wiener Museumsquartier – es ist seine Vergangenheit. Sahebzada war einst Diplomat.

Der 48-Jährige sei der Frühstückskönig hier, der viel Lob und Anerkennung erntet. Und gleichzeitig tut er seiner Chefin leid – dass er nicht genügend Chancen auf dem Arbeitsmarkt bekommen hat. Doch was ist bei ihm schiefgelaufen? „Die Integrationslüge“ ist der provokante Titel eines neuen Buches, in dem Fragen wie diese aufgearbeitet werden.

Soziale, nicht kulturelle Probleme

Die Journalistin Eva Maria Bachinger und Martin Schenk, Sozialexperte der Diakonie und Mitbegründer des Anti-Armut-Netzwerks „Die Armutskonferenz“, haben sich auf die Reise gemacht, um Migranten in ihrem Alltag zu begleiten. Die reportageartigen Geschichten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bieten einen tiefen Einblick mit einem anderen Zugang zum Thema Integration.

Anhand von Lebenswegen zeigen die Autoren, dass Deutsch lernen allein oft nicht reicht, um integriert zu sein. Und dass in der Öffentlichkeit lieber über kulturelle Eigenheiten und die Zugehörigkeit zu Religionen diskutiert wird als über Bildung, Arbeitsmarkt und Aufstiegschancen. „Antworten in einer hysterisch geführten Auseinandersetzung“ lautet dann auch konsequenterweise der Untertitel des Buches. Insgesamt ergibt sich nach der Lektüre der Eindruck, es mit einem klugen Versuch zu tun zu haben, auf die schwierigen Fragen rund um die Integration Antworten zu finden, ohne diese auf Kultur und Religion zu verflachen.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 29.02.2012)


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