Mo Asumang: “Wir brauchen mehr als “Nazis-raus” Schilder”

Mo Asumang vor dem Berliner Reischstag - ©Mo Asumang

06.12.2011 | 19:37 | simon INOU

Die Afrodeutsche Mo Asumang ist die mutigste Dokumentarfilmerin Deutschlands. Als 2002 die Neonaziband einen Hetzsong mit der Liedzeile “Die Kugel ist für dich, Mo Asumang” sang, entschied sich die ehemalige Pro 7 Moderatorin, ihre Angst zu überwinden und einen Dokumentarfilm zu drehen: „Roots Germania“. Eine hervorragende Geschichte über die Wurzeln des rechten Neonazi Hasses in Deutschland. Im Interview erzählt sie uns warum sie ihr Leben nicht von der rechtsextremen Angstmacherei beeinflusst lässt.

M-MEDIA: Was für ein Gefühl war es, als Sie erfuhren, dass Neonazis  neun Menschen Personen ermordet haben?

Mo Asumang: Ich hatte Gänsehaut, hab mir vorgestellt wie sich die Angehörigen fühlen. Ich hab mir auch überlegt, was in den Köpfen von Menschen vorgeht, die aus rassistischen Gründen andere Menschen töten, die sie nicht mal kennen, die nur zum Ziel wurden, weil sie anders waren. Das ist krank. Man muss etwas tun, dachte ich.

Mit rechter Gewalt haben Sie ganz persönlich zu tun gehabt. 2002 sang die Neonaziband “White Aryan Rebels” einen Hetzsong mit der Liedzeile “Die Kugel ist für dich, Mo Asumang”. Als Antwort darauf haben Sie den Film über die Neonazi Szene in Deutschland gedreht. Warum eigentlich? 

Für mich persönlich war und ist es wichtig, die Menschen kennen zu lernen, die rechts-nationales Gedankengut in sich tragen. Ich dachte, nur so kann ich meine Angst loswerden. Ich wollte einfach nicht, dass rechtsextreme Angstmache von Neonazis, mein Leben negativ beeinflusst. Mein Leben soll fröhlich sein. Ich bin ein offener Mensch und das lasse ich mir nicht kaputt machen von Leuten, die mich nicht einmal kennen. Also bin ich losgezogen und habe mit Neonazis geredet.

Während sie mit denen Interviews gemacht haben, schauten sie immer weg.Waren die Neonazis  nicht mutig genug?

Ja, die Neonazis haben immer weggesehen, wenn ich mit ihnen sprach. Das habe ich erst mal gar nicht begriffen, denn sie haben ja ihre Nazi-Ideologie, wie konnte es also sein, dass sie diese, in meiner Anwesenheit, nicht mehr so wie gewohnt über die Lippen bringen konnten. Um das herauszufinden, habe ich lange gebraucht. Beim Filmdreh selbst wusste ich es noch nicht so genau. Dort hab ich mich einfach in den Moment reinfallen lassen, ich als Mo, so wie ich bin. Ich hab vor allem den Hass, den diese Menschen ausströmen nicht widergespiegelt, das war wohl der zentrale Unterschied, mit dem die Neonazis nicht umgehen konnten, und der sie verunsichert hat.

Es wird jetzt über ein NPD Verbot diskutiert. Wäre es, ihrer Meinung nach, die beste Möglichkeit Menschen vom rechten Hass in Deutschland zu schützen?

Ein NPD Verbot funktioniert nur, wenn auch das zivile Engagement der Menschen zum Thema rechts ansteigt. Das müssen wir schaffen. Man darf auch nicht vergessen, es wird dann natürlich schwieriger werden, die Pläne der Neonazi zu verfolgen, sie sind ja oft hinterhältig, wie man an den drei Neonazi Terroristen aus Zwickau sehen konnte. Sie haben dem Besitzer des Griechischen Restaurants, über dem sie hausten, Geschenke gebrachtum so ihre Mordserie zu tarnen. Ich denke das Wichtigste ist, dass wir uns um Neonazis und vor allem um solche, die gerade dabei sind welche zu werden, kümmern, ja, kümmern. Das klingt vielleicht seltsam, wenn ich das sage, aber nun aus meiner langjährigen Erfahrung mit Rechts bin ich mir sicher, dass diese Leute nur aufhören, wenn sie den Hass loswerden. Und sie schaffen es nicht alleine. Neulich war ich in einer Jugendvollzugsanstalt in Neustrelitz und habe mit Inhaftierten über Rassismus diskutiert. Ich habe gesehen, dass man mit viel Engagement und Liebe etwas bei den Jungs bewirken kann. Wenn Ihr mich fragt, ich glaube fest daran, dass wir es schaffen Leute vom Rechtsextremismus abzuwenden, aber es wird mehr brauchen als “Nazis raus” Schilder hochzuhalten. Wir müssen zwar für die Demokratie auf die Straße gehen, aber wir dürfen uns nicht in diesen negativen Angstsumpf fallen lassen.

Sie sind auch Dozentin und zeigen Ihr Film in vielen deutschen Schulen und Bildungsinstitution. Wie reagieren junge Menschen darauf? Angehängt an „Roots Germania“ haben Sie mit der Universität Bielefeld ein Antirassismus Lehrbuch entwickelt. Können Sie uns mehr davon erzählen?

In den Schulen hole ich mir mein Selbstbewusstsein zurück. Ja, ehrlich, ich rede mit den Schülern über Rassismus, und spüre ihre Neugierde und ihre enorme Lust Neues dazu zu lernen. Das macht mich wirklich glücklich. Ich sehe, dass mein Ansatz mit dem Film in Schulen zu gehen, und meine persönliche Geschichte mitzubringen, funktioniert. Es ist so wichtig, dass Schüler jemanden ausfragen können, der etwas erlebt hat, so wie ich, und der die Negativität in etwas Positives umkehrt, das soll Mut machen.

Noch dazu gebe ich sehr viel von mir preis, rede über meine anfänglichen Ängste offen, rede darüber wie es war, als ich aufwuchs und Probleme hatte mit rassistischen Anfeindungen und dem Gefühl irgendwie nicht dazu zu gehören. Die Schüler spüren, dass das was ich sage, auch sie selbst oder ein Mitschüler hätte sagen können, aber die tun`s natürlich nicht, sind ja in dem Alter zu cool für feelings. Das ist mein Vorteil, ich bin mittlerweile so reif, dass ich so ne´ Art “Seelenstriptease” hinlegen kann, ohne mich zu schämen. Auf diese Art rede ich mit den Schülern wie mit einem Freund und er/sie kapiert plötzlich was Rassismus alles anrichten kann. Aber keine Sorge, ich fange die Sorgen der Schüler auf und gebe Lösungsvorschläge. Mein Ziel ist immer, Schüler zu Engagement zu ermutigen.

Wann kommen Sie nach Österreich, um uns endlich diesen Film zu zeigen?

Sehr gerne würde ich mit meinem Film nach Österreich kommen. Wollen Sie mich etwa einladen? Ab Februar wäre es gut. Und am liebsten würde ich eine kleine Österreich Tour machen, vielleicht bekommen wir das ja hin.



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