Griechisch-Türkische Freundschaft in Musik

Serjiani - © Günes Koc
GRENZENLOSE MUSIK
  • Von türkisch-griechischen Ressentiments halten die vier Musiker von „Serjiani“ nichts. Sie haben in Wien künstlerisch – und auch persönlich – zu einander gefunden und treten mit einem Sound-Mix auf, der weder türkisch noch griechisch klassifiziert werden kann. In griechische Klänge werden Töne aus türkischen Instrumenten gemischt.

18.03.2008 | 17:43 | Günes Koc

Eine vierköpfige Band spielt in Wien mit transnationalem Sound gegen nationalistische Ressentiments an.

WIEN. „Unsere Botschaft ist nicht: Versöhnt euch! Unsere Botschaft ist, das vergessene Gemeinsame wieder in Erinnerung zu rufen!“ Unter diesem Motto haben die Musiker von „Serjiani“ zusammen gefunden. Sie stammen aus Griechenland und aus der Türkei – und harmonieren klaglos. Ihre Eigendefinition: „Authentisch an der Gruppe ist nicht nur, dass Lieder in beiden Sprachen gesungen werden, sondern dass die gemeinsamen Wurzeln beider Sprachen zum Ausdruck kommen.“

„Serjiani“ bedeutet „eine schöne, angenehme Reise“ oder auch „Spaziergang“. Ähnlich wird es auf türkisch als „seyran“ geschrieben. „Serjiani“, die griechisch-türkische Musikgruppe, besteht aus Kostas Papageorgiou, Alkiviadis und Agapilais Ginalis sowie Ilkin Temocin. Letzterer stammt aus dem türkischen Izmir, während die ersten drei Musiker in Griechenland geboren worden sind.

Das Quartett lebt und arbeitet in Wien und ist hier mittlerweile auch stark verwurzelt. Dieser Prozess ist bei den beiden Geschwistern Alkiviadis und Agapilais besonders stark fortgeschritten – nicht zuletzt deswegen, weil sie in Wien aufgewachsen sind.

Kostas Papageorgiou hat seine Heimat vor zwölf Jahren verlassen und lebt seither multikulturell: Seit fünf Jahren läuft sein Alltagsleben in Österreich ab, künstlerisch ist er sowohl in Griechenland als auch in der Türkei heimisch wie ein Fisch im Wasser. Er singt in beiden Sprachen; wenn er türkische Texte wiedergibt, so tut er dies mit griechischem Akzent.

Gemeinsame Wurzeln

Ilkin Temocin, der ebenfalls seit fünf Jahren in Österreich heimisch geworden ist, baut diesen griechischen Akzent ins musikalische Konzept ein – eine der Unverwechselbarkeiten dieser transnationalen Band. Und eine andere: Mit der Entstehung von „Serjiani“ haben auch türkische Instrumente Neuland entdeckt. „Saz und Ud gibt es in der griechischen Musik nicht,“ berichtet Alkiviadis Ginalis. „Wir versuchen, einen neuen Weg zu beschreiten. Genauso wie die Lieder, die für diese Instrumente geschrieben worden sind, interpretieren wir auch die Instrumente in beide Richtungen.“ Etwa das Akkordeon, das für Ilkin mehr ist als nur ein Instrument: „Akkordeon zu spielen steht für mich immer schon auch als ein Ausdruck für die gemeinsamen musikalischen und kulturellen Wurzeln der Türkei und Griechenlands.“

Auf „Identität“ angesprochen meint Agapilais, dass diese Musik nicht mehr eindeutig zuordenbar und mittlerweile „ein Teil von uns ist. Wir stellen sie nicht künstlich her, um uns als Türken oder Griechen abzugrenzen oder Heimweh ausdrücken.“

Dieser Geist scheint auf das Publikum überzuspringen: „Österreicher lassen sich gern auf die fremden Elemente unserer Musik ein“, meint Kostas. Dennoch stammen die meisten Fans aus der Türkei und Griechenland. Vielleicht auch, weil insgeheim Sehnsüchte mitschwingen: Ilkin: „Die griechischen und türkischen Melodien werden nicht von uns zusammengeführt, sie sind schon vor 100 oder 500 Jahren gemischt worden. Das sind gemeinsame Wurzeln.“

(GÜNES KOC, “Die Presse”, Print-Ausgabe, 19.03.2008)


Kommentieren Sie den Artikel





Weitere Artikel von Günes Koc