Die Stojkas – Musizieren, bis die Finger rauchen

Harri Stojka (links) - ©harristojka.com

22.10.2008 | 16:31 | Yordanka Hristozova-Weiss

Musik ist für Roma mehr Lebens- als Klangwelt: Wie Roma-Jazzer die Weltbühnen von Wien aus erobern.

WIEN. „Du musst so lange üben, bis die Finger rauchen.“ Diesen Ratschlag bekam Harri Stojka von seinem Vater, als er sieben Jahre alt war. Gepaart wurden die weisen Worte mit einer kleinen Gitarre. Stojka hat sich im harten Musikbusiness einen festen Platz erkämpft – nicht nur als Ikone der Romamusik. Er ist international bekannt.

Der Gitarrenvirtuose sagt allerdings, dass er „bis heute diesen Rauch noch nie gesehen“ habe. Auch wenn das Üben mittlerweile zur täglichen Routine geworden ist. Wenn er die Saiten streicht, zupft oder schlägt, dann beginnt damit auch immer eine Reise durch Zeit und Gefühle. Eine Reise, zu der Stojka nicht allein aufbricht; so gut wie jedesmal gelingt es ihm, das Publikum mitzunehmen. Seine musikalischen Geschichten handeln von Liebe, Freude, Schmerz und Tod. Das Publikum kann lachen oder weinen.

Diese Gabe, Gefühle in Klänge zu kleiden, hat Stojka, wie viele andere Angehörige der Volksgruppen, in die Wiege gelegt bekommen. Die Kultur der Roma ist geprägt von Erinnerungen, die mündlich weitergegeben werden. Häufig wird der Leidensweg der Roma durch die Jahrhunderte ihrer wechselvollen Geschichte künstlerisch dargestellt.

(Noch) nicht ganz so erfolgreich und bekannt wie Harri Stojka ist Martin Lubenov. Der 32-jährige Bulgare wird als „Wunderkind am Akkordeon“ in der Wiener Jazz-Szene herumgereicht. Auch Lubenov gehört der Roma-Volksgruppe an. Nachdem er als erfolgreicher Musiker quer über den Globus gereist ist – von Zürich bis Chicago, von New York bis Wien –, ist er schließlich vor acht Jahren in Wien hängen geblieben, um hier Musik zu studieren.

„Balkanisches Mischmasch“

Seine intensive Beschäftigung mit der Welt der Klänge hat eingesetzt, als er 14 war: Damals hat er, noch in Sofia, regelmäßig mit seinem Vater und Onkeln Hochzeitsmusik gespielt – beinahe täglich. Irgendwann wurde ihm seine Heimatstadt musikalisch zu eng, und er tauchte ein in die Wiener Welt der Balkan-Jazzer. Später tingelte er mit zehn Bands durch die Welt, unter anderem mit der Wiener „Tschuschenkapelle“. Und in der nunmehrigen Phase seines musikalischen Schaffens verbreitet er in Mitteleuropa das „Balkanfieber“, in dem viel Roma-Kultur mitschwingt.

Lubenov nennt dies trocken „balkanisches Mischmasch“ und hat schon neue Ziele vor Augen: Er tritt als Schauspieler in Burg- und Volkstheater auf – in Stücken des Exilbulgaren Dimitré Dinev: „Das Haus des Richters“ und „Eine heikle Sache, die Seele“.

Furore machen will der Neo-Wiener schließlich auch mit einem Dokumentarfilm, in dem Lubenov selbst eine tragende Rolle spielt. Der Streifen wird 2009 auf der Berlinale präsentiert. Nach dieser Premiere plant der Musiker, mit seinem Akkordeon auf die Bühne zu kommen, um Geschichten der Roma zu erzählen – ausgestaltet mit viel Jazz, Tango und Swing.

Möglicherweise hat er die These des Vaters von Harri Stojka ebenso verinnerlicht wie Stojka selbst: Denn der Eindruck des „Übens, bis die Finger rauchen“ wird gestärkt durch die Umtriebigkeit Lubenovs: In wenigen Wochen wird die Filmmusik zu einem Vierteiler im bulgarischen öffentlich-rechtlichen TV fertig.

YORDANKA HRISTOZOVA-WEISS, Die Presse, Print-Ausgabe, 22.10.2008


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