Hip-Hop: Das Sprachrohr der Minderheiten

Hip Hop in Wien (c) A. Aiad
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  • Hip-Hop: Vier wesentliche Elemente machen die Hip-Hop-Kultur aus: der Rap, das DJing, der Breakdance und das Graffiti. Angefangen in den 1990er-Jahren, gehört Hip-Hop heute der Untergrundmusik in Österreich an. Der Dialekt spielt im österreichischen Hip-Hop eine große Rolle. Als Pionier der österreichischen Hip-Hop-Szene wird Falco gesehen. Große Erfolge feiert heute der iranischstämmige Nazar, der mit seinem Film „Schwarzkopf“ hohen Bekanntheitsgrad erlangte.

23.11.2011 | 13:17 | Nermin Ismail

In den 1970ern entstand in New York ein Musikstil, mit dem vor allem Schwarze ihre Lage am Rande der Gesellschaft beschrieben. Heute ist Hip-Hop auch eine wichtige Ausdrucksform für Migranten in Österreich.

Wien. „Was ist Wien? Wien ist das, was du daraus gemacht hast, die Stadt, wo du dich fallen lassen kannst. Mein Herz und mein Sinn schwärmt nur für Wien, da kenn ich mich aus, da bin ich halt zu Haus.“ Die Worte, die die junge Rapperin Esra in einem ihrer Songs formuliert, beschäftigen auch viele andere Wiener Jugendliche mit Migrationshintergrund. Was ist Wien? Und welche Rolle spiele ich darin?

Die junge Rapperin aus Ottakring scheint die Frage für sich selbst schon beantwortet zu haben. Als die Tochter türkischer Eltern in die Schule kam, konnte sie kein Wort Deutsch. Nach und nach kämpfte sie sich durch alle Widrigkeiten, schaffte die Matura und studiert jetzt Jus. Geholfen dabei hat ihr die Musik – Hip-Hop. Wenn sie heute auf die Bühne geht, strotzt sie vor Selbstbewusstsein.

Nicht nur in Österreich gehört für viele Migranten Hip-Hop zum Alltag. Entweder man hört die Musik, oder man macht sie selbst. Zur Hip-Hop-Kultur gehört aber nicht nur Musik, sondern auch typische Kleidung, etwa Schirmkappen und Kapuzenshirts, spezielle Ausdrücke, aber auch bestimmte Bewegungen und Leitbilder.

Breakdance und Graffiti

Die Anfänge des Hip-Hop datieren um das Jahr 1973. In der New Yorker Bronx entwickeln junge Menschen eine neuen Version des Tanzens, den Breakdance. Auch Graffitis gehören zu der neu entstehenden Subkultur. Geprägt wird sie von Jugendlichen mit afrikanischen und lateinamerikanischen Wurzeln, die ein Leben in Armut führen. Auf diese Weise können sie sich – ohne teure Geräte oder musikalische Vorbildung – ausdrücken. Zu Beginn hat die Subkultur auch einen hohen politischen Anspruch. Mit zynischen Hilferufen oder expliziten Äußerungen will man die eigene Lage am Rande der Gesellschaft darstellen.

Der Hip-Hop war der Versuch einer Antwort, die Bürgerrechtsbewegungen und diverse schwarze Vereinigungen auf die Fragen der Zeit nicht bieten konnten. Hoffnungslosigkeit war dabei eines der Leitmotive. „Die heutigen europäischen Jugendlichen aus ethnischen Minderheiten sind vielleicht nicht mit einer solchen materiellen Armut konfrontiert“, sagt Nedzad Mocevic, „aber sie sehnen sich in gleicher Weise danach, gehört und anerkannt zu werden“.

Der Sohn bosnischer Eltern wurde in den 1990er-Jahren als Teenager über MTV und amerikanische Filme auf Hip-Hop aufmerksam. Heute setzt er sich mit der sozialen Komponente des Phänomens auseinander und organisiert Workshops in verschiedenen Salzburger Institutionen. Damit will er nicht nur Hip-Hop einem breiten Publikum bekannt machen, sondern auch Jugendlichen eine Perspektive aufzeigen, wie sie ihre Energie und Talente positiv nutzen können. Und man könne dabei auch über Alltagsprobleme sprechen und an Lösungen arbeiten.

Einer, der es in der Szene schon geschafft hat, ist Topoke. „Ein Gemisch aus österreichisch-französisch-kongolesischer Herkunft und auf zwei Kontinenten zu Hause“, so beschreibt der Rapper sich selbst. Auch er will für bestimmte Themen, die es vielleicht nicht so einfach in den medialen Vordergrund schaffen, sensibilisieren. Für ihn steht Hi-Hop in der Liste der „Musik der Unterdrückten“ ganz oben. Auch wenn die Musik als Sprachrohr der Minderheiten natürlich entsprechend vermarktet wird – und die Musiker nach und nach an Biss verlieren. „Aber“, meint Topoke, „in Österreich gibt es noch viele verborgene Talente“.

Nazar auf den Spuren von Falco

In Österreich etablierte sich das Rappen Mitte der 1990er-Jahre, in den 2000ern wurde es zum Massenphänomen. Als erfolgreichster Rapper Österreichs wird auch oft Falco genannt, der schon Anfang der 1980er mit dem neuen Stil experimentierte. Doch mittlerweile hat die Szene schon ihre eigenen Stars – mit Migrationshintergrund. „Nach Falco“, sagt Nedzad Mocevic, „ist Nazar der erfolgreichste Rapper Österreichs. Ein Österreicher mit iranischem Background.“

Der 1984 in Teheran geborene Rapper wird bereits als „Austro-Bushido“ gefeiert. Seine Songs werden mittlerweile auch schon auf deutschen Sendern gespielt. Sein Track „Meine Stadt“ ist Teil einer Kampagne der Wiener SPÖ, ab Dezember wird er bei der Dokusoap „Sido macht Band“ im ORF zu sehen sein. Neben seiner Musik machte er allerdings auch durch Prügelvorwürfe Schlagzeilen.

Das wiederum passt gut zum Image, das sich viele Rapper geben: „Die Ausrichtung, die hauptsächlich von Künstlern mit Migrationshintergrund eingeschlagen wird, ist die des „Gangster-Raps“, sagt Nedzad Mocevic. Im Mittelpunkt stehen dabei Alltagsprobleme und Draufgänger-Klischees.

Auf der anderen Seite steht der klassische Hip-Hop mit souligen Beats und anspruchsvollen Texten. Esra zählt sich zur zweiten Gruppe. Sie ist eine von nur wenigen weiblichen Vertretern im Genre, noch sind Männer in der Mehrzahl. Das ist aber kein besonderes Merkmal der österreichischen Hip-Hop-Szene, auch im Rest der Welt ist der Frauenanteil niedrig. Noch, wie viele meinen. „Der Kampf für soziale Gerechtigkeit, Migrantenrechte und gegen die Unterdrückung im Allgemeinen“, meint Topoke, „führt über den Kampf der Frauen um Gleichberechtigung“.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 23.11.2011)


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